Wenn nur die Größe zählt

Männer stellen die Mehrzahl der Piloten bei der deutschen Lufthansa.
Männer stellen die Mehrzahl der Piloten bei der deutschen Lufthansa.

Lufthansa lehnt zu kleine Bewerberin als Pilotin ab und diskriminiert einem Gerichtsurteil zufolge damit Frauen

shz.de von
25. Juni 2014, 13:56 Uhr

Vor gut 26 Jahren galt es als Revolution: Evi Hetzmannseder und Nicola Lisy übernahmen das Steuer im Cockpit von Lufthansa-Flugzeugen. Sie galten als die ersten Pilotinnen der Airline seit der Neuausrichtung in den 50er Jahren. Bis heute ist die Zahl der Frauen am Steuer der Kranich-Maschinen gering – und die Größe dürfte dabei eine Rolle spielen; oder vielmehr eine Einstellungspraxis, die jetzt selbst ein deutsches Gericht als diskriminierend gewertet hat. So schreibt die Fluglinie eine Mindestgröße von 165 Zentimetern für Piloten vor. Das Argument, diese Größe sei notwendig, um eine Maschine sicher steuern zu können, überzeugte das Landesarbeitsgericht Köln gestern aber nicht. Das Gericht verwies darauf, dass Gesellschaften wie Swissair und KLM deutlich kleinere Piloten akzeptierten. Dennoch wies das Gericht die Klage einer für die Pilotenausbildung abgelehnten Frau auf Entschädigung zurück. Ihr sei dadurch kein materieller Schaden entstanden, meinte das Gericht. Die Klägerin berief sich bei ihrer Forderung nach 135 000 Euro Schadensersatz und Entschädigung unter anderem auf europäisches Recht (Aktenzeichen 5 Sa 75/14). Konkret hatten der Frau 3,5 Zentimeter gefehlt. Die Lufthansa hatte die Abweisung der jungen Frau damit begründet, dass sie mit einer Körpergröße von 161,5 Zentimetern zu klein sei, um das Flugzeug sicher steuern zu können.

Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty sagte jedoch nach dem Urteil, es sei bedauerlich, wenn Frauen, die ansonsten geeignet wären, nur aufgrund ihrer Körpergröße abgewiesen würden. „Es kann schon sein, dass wir uns mit den Tarifpartnern da nochmal zusammensetzen“, sagte er. Das Mindestmaß ist im Tarifvertrag festgelegt: „Ich kann mir schon vorstellen, dass wir dieses Detail nochmal aufnehmen.“

Es war bei der Verhandlung gestern auffällig, dass der Vorsitzende Richter Jochen Sievers an der Argumentation der Lufthansa kaum ein gutes Haar ließ. Vielleicht helfe es ja, einfach ein Kissen unterzuschieben, regte er an. „Wenn andere Fluggesellschaften die Flugsicherheit nicht gefährdet sehen, dann stellt sich natürlich die Frage, warum das bei der Lufthansa so sein soll.“ In seiner Urteilsbegründung sagte Sievers: „Wir sehen eine mittelbare Diskriminierung. Man kann sagen, dass fast 40 Prozent der Frauen ausgeschlossen werden.“ Denn Frauen seien im Durchschnitt nun einmal deutlich kleiner als Männer.

Das Landesarbeitsgericht bestätigte damit ein Urteil aus erster Instanz. Möglicherweise ist der Rechtsstreit noch nicht zu Ende: Revision zum Bundesarbeitsgericht in Erfurt wurde zugelassen. Richter Sievers verabschiedete sich mit den Worten: „Wir warten gespannt darauf, was uns in zwei Jahren Erfurt dazu sagen wird – wenn Sie Revision einlegen!“ Ob das so sein wird, muss die Klägerin noch entscheiden. Wie ihr Anwalt sagte, will sie nun vielleicht eine Piloten-Ausbildung bei Swissair machen.

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