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EU-Austritt : Was der Brexit für Anleger bedeutet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aus Sorge vor einem Austritt der Briten aus der EU räumen deutsche Anleger ihre Aktien-Depots. Ist das vernünftig?

London | Der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU macht Anleger hochnervös. „Die Aktienmärkte befinden sich jetzt vollends im Klammergriff der Angst vor einem Brexit“, schrieb Börsenexperte Jochen Stanzl von CMC Markets. „Die jüngsten Umfragen geben keine Entwarnung, im Gegenteil: Der Trend zu einer Mehrheit der Brexit-Befürworter ist weiterhin intakt.“ Kurz vor dem Referendum am 23. Juni steigt die Spannung. Die Frage, ob Großbritannien EU-Mitglied bleibt, ist nicht nur politisch relevant. Auch deutsche Kleinanleger sind beunruhigt. Doch Finanzexperten raten zur Ruhe.

Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) rechnet zwar bei einem Brexit mit einem „kleineren bis mittleren Börsenbeben“, doch er rät zu Gelassenheit. Wollen Aktionäre ausgerechnet in diesen Wochen investieren, sollten sie mit Unternehmen vorsichtig sein, die ihren Geschäftsschwerpunkt in Großbritannien haben. Das gilt auch für Aktionäre, die ausgerechnet jetzt Aktien verkaufen wollen, um mögliche Verluste durch ein „Börsenbeben“ abzufangen. In der Regel lohnt es sich bei Geldanlagen, auf Ausdauer zu setzen und nicht kurzfristig zu handeln.

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Foto: dpa
 

Denn langfristig seien die Auswirkungen geringer, davon ist Kurz überzeugt. „Selbst wenn Großbritannien aus der EU austritt, werden alle weiter Geschäfte mit Großbritannien machen“, sagt er. Nach seiner Einschätzung werde – selbst wenn Großbritannien aus der EU austritt – nicht am nächsten Tag die Wirtschaft zusammenbrechen.

Anleger, die Aktien britischer Unternehmen besitzen, müssten nicht automatisch um ihre Werte fürchten, sagt Constanze Hintze, Geschäftsführerin der Finanzberatung Svea Kuschel und Kolleginnen. „Gerade die großen britischen Unternehmen, die für Anleger interessant sind, sind global verankert und nicht ausschließlich in ihrer Heimat“, sagt Hintze. Ein Einbruch des britischen Marktes würde sie daher weniger treffen.

Vor einseitigen Investments warnt Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf generell: „Anleger sollten nicht nur in ein Unternehmen, eine Branche oder eine Region investieren.“ Auch wenn man eine Branche oder einen Markt scheinbar besonders gut kennt, sollte man die Risiken verteilen – also Aktien aus mehreren Bereichen kaufen, beispielsweise aus der Automobilindustrie in Kombination mit Chemie-Unternehmen und Banken.

Wenn der Brexit kommt, geht Kurz davon aus, dass er die britische Wirtschaft schlimmer treffen würde als die Märkte im restlichen Europa. Denn die Briten würden mittel- oder langfristig andere Rechtsnormen beschließen, als sie bisher im vereinheitlichten Europa gelten. Dadurch würden Geschäftsabläufe komplexer, Vertragsabschlüsse zwischen britischen Firmen und Unternehmen im Rest Europas schwieriger als bisher.

Bislang ist aber nicht sicher, wie die Briten entscheiden. „Ich erwarte eigentlich keinen Brexit“, sagt Hintze. Sie sieht der Volksabstimmung gelassen entgegen. Falls es dazu kommen sollte, tippt sie auf einen Aufwind für den amerikanischen und japanischen Börsenmarkt. Die europäischen und britischen Märkte würden hingegen erst einmal einbrechen – laut Hintze aber nur kurzfristig. Sollten die Briten den Ausstieg beschließen, würde sich das auch auf die Währung auswirken. „Das Pfund würde an Wert verlieren“, schätzt Hintze die Lage ein. Wer beispielsweise in Dollar investiert hat, sei in diesem Fall sicher aufgestellt.

Auswirkungen vom Brexit würden laut Hintze hingegen vor allem britische Exporteure spüren. „Auch andere deutsche beziehungsweise europäische Unternehmen, die einen hohen Anteil an Exporthandel mit Großbritannien treiben, könnten betroffen sein.“ Vor diesem Hintergrund empfiehlt sie Neuanlegern, zurzeit nicht unbedingt auf britische Wertpapiere zu setzen.

Auch Scherfling rät, statt Aktien einzelner Firmen in einem Land zu kaufen, sein Portfolio weltweit aufzustellen. „Auf diese Weise kann man eine negative Entwicklung in einer Branche oder einer Region auffangen“, sagt der Verbraucherschützer.

Die Strategie fordert zwei Voraussetzungen: Der Anleger muss sich mit den Unternehmenswerten auskennen. Und er braucht genug Kapital, um Aktien verschiedener Anbieter zu kaufen und Kursschwankungen auszuhalten. Das Geld sollte er nicht kurzfristig benötigen. Anlegern mit wenig Fachwissen empfiehlt er, besser in Aktienfonds statt in Einzelaktien zu investieren – etwa in passiv gemanagte Indexfonds (ETFs), die einen Aktienindex abbilden und kostengünstig sind.

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