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Diesel unter 1 Euro : Warum werden Öl und Benzin immer billiger?

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Der Ölpreis fällt und fällt mitten im Winter, inzwischen auf unter 40 Dollar je Fass. shz.de erklärt warum.

An den Zapfsäulen sind die Preise zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder zweistellig - zumindest beim Diesel. Auch der Heizölpreis ist auf einem langjährigen Rekordtief, ebenso der Rohölpreis. Hatten wir uns in den vergangenen Jahren an Preise über 100 Dollar je Fass (ein Barrel entspricht 159 Litern) gewöhnt, kosten die wichtigsten Rohölsorten inzwischen weniger als 40 Dollar. Tendenz: weiter sinkend. Aber ist das nicht komisch?

Im Nahen Osten gibt es Spannungen, das Verhältnis zu Russland ist angeschlagen, und dazu kommt die kalte Jahreszeit mit massiv ansteigender Nachfrage. shz.de erklärt die Zusammenhänge in einem globalen Markt mit vielen Einflüssen.

Wie hat sich der Preis für Rohöl entwickelt?

Der Preis für Rohöl ist auf dem Weltmarkt in den vergangenen Monaten rasant gefallen. Noch im Sommer 2014 kostete US-Rohöl um 95 Dollar je Fass (ein Fass, oder Barrel, entspricht 159 Litern).  Bis zum Jahreswechsel 2014/15 halbierte sich der Preis, stieg dann in diesem Sommer wieder auf rund 65 Dollar an, um dann den Verfall weiter fortzusetzen. Inzwischen gibt es US-Rohöl für 37,50 Dollar pro Fass. Das war zuletzt 2003 der Fall.

Ganz ähnlich ist die Entwicklung beim Nordseeöl. Die gängige Sorte Brent kostet derzeit rund 40 Dollar je Fass. Im Sommer waren es noch 65 Dollar. Auch für Nordseeöl gilt: Der Preis liegt auf einem Zwölfjahrestief.

Rohstoffhändler an der New York Mercantile Exchange.
Rohstoffhändler an der New York Mercantile Exchange. Foto:dpa/epa/Justin Lane


Der Ölpreisrückgang in Euro wird dabei etwas gedämpft von der schwächeren Gemeinschaftswährung. Seit dem Sommer 2014 ist der Euro gegenüber der Ölwährung Dollar um gut 20 Prozent gefallen. Der Ölpreis ging im gleichen Zeitraum, gemessen in Dollar, aber um 60 Prozent zurück.

„Den” Ölpreis gibt es übrigens nicht. Rohöl gibt es in unterschiedlicher Qualität. Sorten enthalten mehr oder weniger Schweröl, wichtig ist auch der Anteil an Schwefel. Man spricht hier von „saurem” oder „süßem” Öl. Faustregel: Je leichter und süßer ein Rohöl, desto teurer ist es. Es gibt aber auch regional bedingte Unterschiede. Wichtig ist etwa der Transportweg von der Förderstätte zur Raffinerie. Auch die unterschiedliche Konjunktur in verschiedenen Weltgegenden oder auch die Lagermenge spielt eine Rolle.

Bei Krisen in Nahost wird Öl meist teurer. Diesmal nicht. Warum?

Die Faustformel stimmt so generell gar nicht. Der Markt unterscheidet recht genau zwischen Krisen, die die Ölversorgung unmittelbar betreffen oder nur mittelbar. So wäre etwa ein militärischer Konflikt um die Straße von Hormus viel bedeutender, als es etwa der Konflikt in Syrien und im Nordirak.

Luftbild eines russischen Angriffs in der Provinz Rakka in Syrien.

Luftbild eines russischen Angriffs in der Provinz Rakka in Syrien.

Foto:Russisches Verteidigungsministerium

Die aktuelle Spannungslage rund um Syrien/Irak/Türkei wird am Ölmarkt derzeit als keine Krise gesehen, die die Versorgung der Industriestaaten mit Öl gefährdet. Die bedeutenden Öllagerstätten liegen weit weg von den Gebieten, die die Terrororganisation „Islamischer Staat“ kontrolliert.  


Der niedrige Ölpreis wirkt für Deutschland wie ein milliardenschweres Wachstumsprogramm. Laut einer Schätzung des Deutschem Industrie- und Handelskammertag bringt der niedrige Ölpreis eine Entlastung der deutschen Wirtschaft um 20 Milliarden Euro. Die Schätzung erfolgte bei einem etwas höheren Ölpreis als heute.

Welche Faktoren spielen derzeit beim Ölpreis eine Rolle?

Derzeit wird deutlich mehr Öl gefördert als verbraucht. Vor allem Saudi-Arabien und Russland holen aus dem Boden, was die Pumpen hergeben. Laut Internationaler Energie-Agentur wurden im Zeitraum Juli bis September 2015 1,6 Millionen Fass mehr gefördert als nachgefragt - pro Tag.

Die Interessen von Russland und Saudi-Arabien sind dabei unterschiedlich. Russland versucht, den niedrigen Ölpreis durch höhere Förderung zu kompensieren, um die Staatskasse zu füllen. Das Land ist in einer Wirtschaftskrise, auch wegen der Sanktionen des Westens anlässlich der Krim-Annexion.

Ölförderung in der saudi-arabischen Wüste.

Ölförderung in der saudi-arabischen Wüste.

Foto:Ali Haider/EPA

Saudi-Arabiens Interesse liegt dagegen darin, Wettbewerber aus dem Markt zu drängen. Durch den hohen Ölpreis bis 2014 sind zahlreiche Öllagerstätten profitabel, etwa durch die Fracking-Technik in den USA und Kanada. Saudi-Arabien hat großes Interesse darin, diese Konkurrenz in die Unwirtschaftlichkeit zu drängen. Saudi-Arabien, das recht preiswert produzieren kann, geht es darum, Marktanteile zu gewinnen. Deshalb hat das Ölkartell Opec, dessen wichtigstes Mitglied Saudi-Arabien ist,  am 7. Dezember beschlossen, die bisherige Fördergrenze von 30 Millionen Fass pro Tag auch offiziell aufzugeben. Gefördert wurde in den letzten Monaten, ohnehin schon deutlich mehr.

Wie lange wird Öl so billig bleiben?

„Das ist die Millionen-Dollar-Frage“, antwortete ein Marktreporter der Agentur Bloomberg vor einigen Tagen auf diese Frage. Aber die wahrscheinliche Antwort lautet: Wohl noch ziemlich lange. Der Iran wird demnächst mit viel Öl auf den Markt drängen nach Ende der Sanktionen. Laut dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier könnte das ab Anfang Januar 2016 der Fall sein.

Saudi-Arabien wird die Produktion wohl erst drosseln, wenn die Herrscher des Landes zu der Überzeugung gekommen sind, dass Fracking-Konkurrenten dauerhaft, also für viele Jahre, aus dem Markt geworfen wurden.

Für ein Anziehen der Preise könnte auch eine erhöhte Nachfrage sorgen durch ein Anziehen der weltweiten Konjunktur. Hiergegen spricht allerdings China. Der Welt-Wachstumstreiber der vergangenen Jahre legt in diesem Jahr voraussichtlich um knapp sieben Prozent Wirtschaftsleistung zu. Das ist aber der niedrigste Wert seit 2009.

Was heißt das für Heizöl?

Im Bundesdurchschnitt kostet Heizöl pro 100 Liter derzeit um die 48 Euro bei Abnahme von 3000 Litern.  Das sind 15 Euro weniger als vor einem Jahr und 35 Euro weniger als vor zwei Jahren.

 

Wenn der Tankwagen kommt, tut es gar nicht mehr so weh.
Wenn der Tankwagen kommt, tut es gar nicht mehr so weh. Foto:Imago/Cord

Dass Heizöl ausgerechnet mitten in der Heizperiode so günstig ist, wirkt auf den ersten Blick befremdlich. Allerdings wird der preistreibende Effekt der erhöhten Nachfrage bei uns bei weitem überkompensiert durch die globalen Faktoren.

Was heißt das für Benzin und Diesel?

Auch Sprit fürs Auto ist derzeit im langjährigen Vergleich sehr günstig. So kostet in Flensburg ein Liter Diesel derzeit knapp über einem Euro, abends gegen 18 Uhr vereinzelt auch darunter. Super liegt bei 1,23 Euro

 

Im Süden billiger als im Norden, abends billiger als morgens: Tanken an der Tankstelle.
Im Süden billiger als im Norden, abends billiger als morgens: Tanken an der Tankstelle. Foto:Imago/Norbert Schmidt

Weiter südlich wird es noch günstiger: In Neumünster sind es 99 Cent  und 1,22 Euro, in Hamburg 0,99 Euro und 1,23 Euro. Die einst hohen Preisunterschiede zwischen dem Norden und Süden Schleswig-Holsteins haben sich in den vergangenen Wochen nivelliert.

Wer noch mehr sparen will, sollte sich die hohen Tagesschwankungen zunutze machen, die wir in ganz Schleswig-Holstein und Hamburg beobachten. Sie betragen bis zu zehn Cent pro Liter. Ihr Tagestief erreichen die Preise in der Regel zwischen 18 und 22 Uhr. Im morgendlichen Berufsverkehr zwischen 7 und 9 Uhr sind sie dagegen am höchsten.

 

Warum sinkt der Benzinpreis nicht so stark wie der Rohölpreis?

Der Preis für Rohöl ist nur ein Faktor für den Preis, den Verbraucher für Benzin an der Tankstelle zahlen. Rechnerisch sind das derzeit rund 24 Eurocent. Größter Block ist die Energiesteuer, früher Mineralölsteuer genannt. Sie ist konstant und beträgt für Benzin 67 Cent je Liter und für Diesel 47 Cent je Liter. Darauf kommt noch die Mehrwertsteuer von 19 Prozent.

Welche Rolle spielen Spekulanten?

Eine große. Öl wird zwar physisch gehandelt, also Ware gegen Geld. Ein viel größeres Volumen hat dagegen der Terminhandel. Hierbei wird eine Wette auf den zukünftigen Ölpreis abgeschlossen. Das ist bei Spekulanten sehr beliebt, kann aber auch der Absicherung dienen, weil große Verbraucher sich den heutigen Preis auch für einige Monate in der Zukunft sichern können.

Der gängigste Terminkontrakt wettet auf den Ölpreis für leichtes US-Öl zum Ende des kommenden Monats. Im Sommer wurden hiervon noch wenige zigtausend Kontrakte gehandelt, derzeit sind es ungefähr 700.000, also das gut zehnfache. Eine Faustformel lautet: Je mehr Spekulanten in einem Terminmarkt unterwegs sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit großer Preissprünge in der Zukunft. Das gilt für beide Richtungen, also nach oben wie nach unten.

 

 
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erstellt am 10.Dez.2015 | 11:46 Uhr

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