Flughafen Billund : Warum Ryanair aus Dänemark den Abflug macht

Abschied im Zorn: Der irische Billigflieger schließt seine Niederlassungen in Billund und Kopenhagen.
Abschied im Zorn: Der irische Billigflieger schließt seine Niederlassungen in Billund und Kopenhagen.

Der Billigfluganbieter stellt Linien ab Billund ein – etwa nach Korfu. Flugzeuge und Personal werden künftig im Ausland stationiert, um den Tarifkonflikt in Dänemark zu umgehen.

shz.de von
24. Juli 2015, 14:00 Uhr

Billund | Trotz der Krise steuern Touristen Griechenland bisher unverdrossen weiter an. Wer einen Flug gebucht hat, der im August von Billund nach Korfu oder Chania auf Kreta abheben sollte, bekommt allerdings Probleme mit der Erreichbarkeit seines Ziels. Und das kurioserweise nicht wegen irgendwelcher neuer Verwerfungen am Mittelmeer. Die Hürde türmt sich im wohlgeordneten Dänemark auf: Aus Zorn über die starken dänischen Gewerkschaften macht der irische Billigflieger Ryanair seine Niederlassung in Billund dicht. So wie bereits einige Wochen vorher in Kopenhagen.

Seit Anfang des Jahres beharken sich die Fluggesellschaft und der Dachverband der Gewerkschaften, Landsorganisationen (LO), mit harten Bandagen. Auslöser war, dass LO forderte, für die 104 Angestellten von Ryanair sollten die üppigen dänischen Tarifverträge gelten. Wer in Dänemark beschäftigt sei, müsse auch zu heimischen Bedingungen arbeiten, lautet die Begründung. Zwar war das bei der Ryanair- Belegschaft in Billund schon seit 2009 nicht der Fall, ohne dass dies die Arbeitnehmerorganisation gekümmert hätte. Als Ryanair jedoch Ende März auch einen Stützpunkt in Kopenhagen eröffnete, änderte sich das. Wieder einmal zeigte sich wie Hauptstadt-fixiert Dänemark funktioniert: Was sich dort abspielt, genießt stets ungleich mehr Aufmerksamkeit.

Das führte so weit, dass der erste Ryanair-Flug ab Kopenhagen erst mit drei Stunden Verspätung abheben konnte – 50 Beschäftigte des Flughafens waren dem Aufruf der Gewerkschaft zu einer Sympathie-Blockade für die Ryanair-Angestellten gefolgt. Drei Stunden lang umringten sie das abfahrbereite Flugzeug.

Von derartigen Szenen drohten mehrere Neuauflagen, nachdem das dänische Arbeitsgericht Anfang Juli LO formell einen Anspruch auf Protestaktionen im Tarifkonflikt zuerkannt hatte. Ryanair quittierte das, begleitet von reichlich Beschimpfungen der Gewerkschaften, mit dem Abschied von seinen beiden Standorten im Königreich. Betroffen sind in Billund zehn Piloten und 30 Mitglieder des Kabinen-Personals, in Kopenhagen 19 Piloten und 45 Stewardessen.

Aufs Geldverdienen auf dem dänischen Markt möchte Europas zweitgrößter Fluganbieter jedoch keineswegs verzichten. Die Routen von Billund nach Korfu und Chania sind die einzigen, die Ende dieses Monats komplett eingestellt werden. Die Verbindungen aus Jütland nach Malaga, Teneriffa und Budapest werden lediglich im Winterhalbjahr gestrichen. Alle fünf Strecken zusammen kamen im vergangenen Jahr auf 168.572 Passagiere. Indem Ryanair Flugzeuge und Personal künftig im Ausland stationiert, will es zahlreiche andere Verbindungen von und nach Dänemark aufrechterhalten – nur dass die damit verbundenen Jobs nicht mehr dem dänischen Arbeitsmarkt zugute kommen, wie das Unternehmen in Richtung der seiner Ansicht nach „verrückten“ Gewerkschaften betont. Aus Ausgleich für Kopenhagen eröffnet in Litauen eine neue Ryanair-Basis. Billund soll von diversen westeuropäischen Stützpunkten aus bedient werden.

Zum Beispiel überlebt Billund-London (Stansted) mit 257.544 Passagieren im Jahr 2014 ebenso wie Billund-Mallorca und Billund-Alicante. Von Kopenhagen aus will Ryanair sogar weiterhin zwölf Ziele anlaufen.

Nicht unter den Kunden wird sich auch künftig die Stadt Kopenhagen mit mehreren tausend Bediensteten befinden. Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Frank Jensen hat einen Ryanair-Boykott verhängt. Die Pflicht, bei Dienstreisen eigentlich den billigsten Anbieter zu nehmen, gelte nicht, wenn dies um den Preis von Sozial-Dumping geschehe. Noch lange in Erinnerung bleiben wird ein Plakat, mit dem sich Ryanair rächte. Es vergleicht den Oberbürgermeister mit der französischen Königin Marie Antoinette, die zu Revolutions-Zeiten bekanntlich äußerte: „Soll das Volk doch Kuchen essen, wenn es kein Brot gibt.“ Auf dem Plakat lassen die Iren einen mit Barock-Perücke verkleideten Jensen per Sprechblase sagen: „Lasst sie doch Kuchen essen – und lasst sie doch hohe Preise zahlen.“ Auf das Einzeichnen der Guillotine hat Ryanair zwar verzichtet, aber die Verwünschungen sind deutlich genug.

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