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Tötung von Jungtieren : Warum männliche Kälber in SH nur ein Abfallprodukt sind

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Männliche Kälber hochgezüchteter Milchkühe setzen kaum Fleisch an – für Landwirte ist das ein Problem.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2016 | 19:45 Uhr

Kiel/Flensburg | Es ist ein Satz, der aufhorchen lässt: „Leider häufen sich Hinweise, dass im Einzelfall die männlichen Kälber milchbetonter Rassen gezielt vernachlässigt oder sogar absichtlich getötet werden“, heißt es in einer „Stellungnahme zur Versorgung von Bullenkälbern der Milchviehrassen“ der Bundestierärztekammer. Der Grund: Die wenig Fleisch ansetzenden männlichen Kälber von hochgezüchteten Milchrassen erzielen auf dem Markt nur geringe Preise, die kaum die Kosten decken.

Die Landwirte stehen unter Druck, weil sie für Milch und Fleisch kaum noch Geld bekommen. Um etwas zu verändern, muss wohl auch bei den Verbrauchern ein Umdenken stattfinden: Sie müssen bereit sein, für diese Produkte mehr zu zahlen.

„Ich gehe fest davon aus, dass es solche Tötungen auch im Norden gibt“, sagt Tierarzt Horst Gehendges, Vorstandsmitglied des Landesverbands. „Gerade wenn einem Bauern das Wasser bis zum Hals steht, macht er auch Sachen, die er sonst nicht machen würde.“ Er wisse von Kollegen, die gefragt wurden, was es kosten würde, ein neugeborenes Bullenkalb zu töten, auch gingen Gerüchte von Landwirten um, die ihre männlichen Kälber mit dem Hammer erschlagen. Es werde zudem kolportiert, dass die Zahl der in der Tierkörperverwertung anfallenden Bullenkälber regelmäßig steige, wenn die Preise fallen. „Aus meiner Praxis in Angeln kann ich aber nicht sagen, dass die Zahl der Behandlungen von Bullenkälbern rückläufig ist.“

Der Jahresbericht des für die Milchviehhalter tätigen Landeskontrollverbandes Schleswig-Holstein von 2015 zeigt, dass bei den Schwarzbunten von allen neugeborenen weiblichen Kälbern 2,0 Prozent tot geboren oder innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt verendet sind – bei den männlichen ist diese Zahl mit 3,8 fast doppelt so hoch. Experten machen die kompliziertere Geburt schwererer männlicher Kälber hierfür verantwortlich. Lässt sich allein damit die doppelte Quote erklären?

Die Masse der Landwirte habe das Tierschutzrecht im Auge, aber schwarze Schafe gebe es überall, sagt Volker Jaritz, leitender Kreisveterinär in Schleswig-Flensburg. Sein fünfköpfiges Team kontrolliert auch die zentrale Tierkörperverwertung des Landes in Jagel. Jaritz berichtet von ihm bekannten fünf Fällen in den vergangenen zwei Jahren „in denen Haltung und Tötung nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprochen haben“. Bei seinen vier Mitarbeitern sei es „ebenfalls in diesen Größenordnungen“ zu Auffälligkeiten gekommen.

Stefanie Pöpken vom bundesweit tätigen Kieler Verein Pro Vieh kennt selbst Berichte über Landwirte, die neugeborene männliche Kälber töten oder bei Krankheit nicht behandeln lassen. Sie erzählt von einem engagierten Tierschützer, der seit Jahren Kälber aufnimmt und aufpäppelt, die nicht mehr gewollt sind. „Landwirte oder Helfer rufen dort an, er hat auch schon ein Kalb vom Misthaufen geklaubt, der Bauer selbst hatte ihn darauf hingewiesen, das Tier habe ihm nur Ärger gemacht.“

Die meisten Landwirte machten ihre Arbeit gut, betont Pöpken, „aber es gibt einige, die den ganzen Berufsstand in Verruf ziehen“. Sie fordert verbesserte Kontrollen durch das vorhandene Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere, die bundesweite HI-Datenbank, in der unter anderem alle Rinder sowie deren Herkunft, Verkauf, Transportwege und Schlachtung erfasst werden. „Dort müssen die Kälber allerdings erst sieben Tage nach der Geburt angemeldet werden“, bemängelt Pöpkens. Pro Vieh fordert eine Schließung dieser Lücke, auch Kalbungen sollten erfasst werden. „Dadurch könnte man allgemein mehr Transparenz schaffen und bezüglich der Bullenkälber Licht ins Dunkel bringen.“

Wirtschaftlicher Zwang könne nicht für die Tötung eines Tieres nach der Geburt maßgeblich sein, betont Kirsten Hess vom Landesbauernverband. „Man muss sich ganz klar darüber sein, dass dies gegen das Tierschutzgesetz verstößt.“ So etwas sei mit der Berufsethik nicht zu vereinbaren.

Die Bullenkälber-Problematik sei das Ergebnis einseitiger Züchtung, beklagt Bernd Voß, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion mit eigener Rinderzucht. „Wenn der Wert der Kälber gegen Null geht, dann kommen wir am Ende zum gleichen Problem, wie bei den geschredderten männlichen Küken.“ Derzeit vermehrt eingesetztes „Gesextes Sperma“, bei dem die männlichen Spermien abgetötet werden, sei „kein Königsweg“, so Voß. „Es ist sehr teuer und der Erfolg bei der Trächtigkeit der Tiere ist durch die verminderte Spermienzahl nur begrenzt.“ Man müsse wieder das Augenmerk auf Rassen mit Doppelnutzung für Milch und Fleisch legen.

Kirsten Wosnitza vom Landes-Team des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM) sieht die konventionelle Landwirtschaft ebenfalls am Scheideweg. „Wachsen oder weichen, immer mehr Einheiten produzieren und über die Menge Gewinn machen – so heißt derzeit die Devise.“ Es laste international ein enormer preislicher Druck auf den Milcherzeugern. „Früher war man breiter aufgestellt, dann wurde den Landwirten gesagt, ihr müsst euch spezialisieren. Heute ist dies extrem vorangeschritten, es gibt fast ausschließlich weibliche Tiere auf den Höfen, gemästet wird nur noch im Süden und in Holland. „Es darf bei uns kein Standard werden, Bullenkälber als überflüssiges Abfallprodukt tot zu schlagen“, sagt Kirsten Wosnitza. „Wir brauchen eine Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft.“ Während sich politisch auf Landesebene viel bewege, sei hier von der Bundespolitik derzeit allerdings nichts zu erwarten.

Beim Runden Tisch Tierschutz werde das Thema aktuell intensiv erörtert, heißt es vonseiten des Agrarministeriums. Als dessen Vertrauensmann für Tierschutz sammelt Edgar Schallenberger Daten. Er habe immer wieder von diesen Gerüchten gehört, sagt der pensionierte Professor. „Ich habe mein Ohr an verschiedensten Stellen. Aber es ist sehr schwer aus den Vermutungen in den Bereich der Tatsachen zu kommen.“ 

Die im Norden allseits bekannte „Schwarzbunte“, in der Fachsprache Holstein Friesian genannt, ist eine der weltweit bedeutendsten Milchviehrassen, Synonym für die leistungsstarke Milchkuh. Doch ihre extreme Züchtung auf immer höhere Milchleistungen hat eine dunkle Kehrseite, warnt Bernd Voß, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion und Rinderzüchter. „Die Kälber setzen im Vergleich zu den auf die Mast ausgerichteten Rassen immer weniger an.“ Fatal sei das für die männlichen Nachkommen, keine Milch und wenig Fleisch – „dementsprechend niedrig sind die Marktpreise, die gezahlt werden“, so Voß. Das bestätigt die Statistik der Landwirtschaftskammer: 2005 erzielte ein schwarzbuntes Kalb einen durchschnittlichen Preis von 128,60 Euro, ein Mastkalb 158,90 Euro. 2015 lag der Preis für ein schwarzbuntes Kalb mit 86,68 Euro nur noch bei weniger als der Hälfte des Preises für ein Mastkalb von 178,22 Euro. Dieses Jahr sackte der Ertrag in den ersten drei Monaten weiter auf 62,40 Euro (Mastkalb: 153,10 Euro).

Ad Libitum - eine spezielle Fütterung als Ausweg

Hans-Jürgen Kunz, Bullenmast-Experte vom Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp empfiehlt die  so genannte Ad-libitum-Fütterung der Bullenkälber. Dabei können die Bullenkälber uneingeschränkt so viel Milch trinken, wie sie wollen. „Wir raten allen Betrieben, die Kälber in den ersten 14 Tagen mit Kolostralmilch (Biestmilch) zu tränken. Nach der Geburt sind für einige Tage viele Abwehrstoffe drin.“ Im Versuchszentrum mache man dies seit sechs Jahren so und habe noch nie so gesunde Kälber gehabt. Bereits ein Drittel aller Betriebe in Schleswig-Holstein setze auf diese Methode.  „Traditionell wird nur zweimal am Tag  getränkt, viele Landwirte glauben, die Kälber würden sich bei ständiger Verfügbarkeit von Milch übersaufen, Durchfall bekommen und somit Gewicht  verlieren.“ Das sei falsch. „Wenn alle Bauern ad-libitum füttern würden, hätten wir keine leichten und weniger kranke Kälber. Ich kann folglich meine Bullenkälber verkaufen, die Kosten sind durch den Erlös gedeckt und übers Jahr bleibt sogar noch etwas übrig dabei.“

 
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