Thomas Straubhaar : "Wachstumskerne festschreiben"

Sieht einen Erfolg für Schleswig-Holstein nur im Miteinander mit Hamburg: Professor Thomas Straubhaar. Foto: dpa
Sieht einen Erfolg für Schleswig-Holstein nur im Miteinander mit Hamburg: Professor Thomas Straubhaar. Foto: dpa

Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, erwartet auch für Schleswig-Holstein eine Konzentration auf die Städte.

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02. April 2013, 11:36 Uhr

Herr Professor Straubhaar, kann sich eine ländliche Region wie Schleswig-Holstein vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eigentlich noch behaupten?
Vielleicht nicht als Flächenstaat insgesamt in voller Breite und Länge des Landes. Es muss darum gehen, einzelne Wachstumskerne auch planerisch festzuschreiben und auf diese Weise die bestehenden Zentren wie Lübeck, Kiel, Flensburg, Neumünster zu fördern. Um diese Kerne wird sich die weitere Entwicklung abspielen. Man muss davon ausgehen, dass die Besiedlung auf dem Lande eher weiter ausdünnt und dass die Daseinsvorsorge in immer geringerem Umfang gewährleistet ist. Es kommt zu einer Konzentration auf die Städte.

Das Land wird sich also anpassen müssen.
Die historisch gewachsene Siedlungsstruktur in kleinen Dörfern wird auch in Schleswig-Holstein die Ausnahme werden. Die Regel wird sein, was wir jetzt schon in Ostdeutschland, in Gebieten Frankreichs, Italiens oder der Schweiz beobachten können, dass eine Rückkehr vom Land in die Stadt stattfindet und dass große Flächen der Natur überlassen bleiben und nur noch extensiv bewirtschaftet werden.

Schleswig-Holstein hat mit Hamburg eine große und wachsende Metropole direkt vor der Tür. Ist es sinnvoll, Strategien für die künftige Entwicklung abzustimmen? Oder muss sich das Land auf eigene Stärken besinnen?
Es wird beides wichtig sein. Schleswig-Holstein wird sich nicht gegen, sondern nur mit der Metropolregion entwickeln können. Von daher wäre es unsinnig, Hamburg nachzueifern oder zu kopieren, Wettbewerber oder Gegner sein zu wollen. Gerade mit Blick auf die globalen Entwicklungen wird man nur gemeinsam erfolgreich sein und ganz sicher nicht Schleswig-Holstein im Alleingang. Man sollte sich in Ergänzung zu Hamburg auf die Kernkompetenzen konzentrieren, die in Schleswig-Holstein vorhanden sind.

Und die Stärken des Landes?
Ich bin extrem optimistisch für die Region insgesamt, wenn wir auf die drei großen Zukunftsthemen schauen: Da sind erstens die erneuerbaren Energien, zweitens das Meer und die maritime Wirtschaft und drittens die qualitativ hochwertigen landwirtschaftlichen Produkte. Das sind drei Kernkompetenzen, die in der Wertschöpfungskette ausgebaut werden müssen.

Was stellen Sie sich darunter vor?
Ich erläutere Ihnen das mal am Beispiel Landwirtschaft. Das beginnt bei der Entwicklung von Wissen um den Anbau von ökologisch hochwertigen Lebensmitteln. Es geht dann um die Weiterverarbeitung in hoher Qualität. Dieses Wissen kann man an einer Hochschule generieren und dann von dort aus weltweit exportieren. Man kann in kleinen Zellen und Aquakulturen Pilotprojekte um neue Produkte, neue Saaten, neue Pflanzen, neue Verfahren in Zucht und Tierhaltung anstoßen, um sie dann zu exportieren. Das geht hin bis zum biologischen Landbau und maritimer Nahrungsmittelproduktion. Das sind Themen, bei denen Deutschland, bei denen Schleswig-Holstein weltweit eine Vorreiterrolle spielt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in anderen Ländern ähnliche Überlegungen wichtig werden, und dann ist man gut vorbereitet.

Welche Bedeutung haben dabei Wissen und Bildung?
Sie sind der Schlüssel zum Erhalt unseres Wohlstandes, weil es immer weniger darum geht, Produkte herzustellen, sondern zu verstehen, was hinter den Produkten ist: Wie entstehen diese Produkte? Wie lassen sich die Prozesse optimieren? Wie lassen sich Produkte passgenau auf Kunden zuschneiden? Dafür braucht es Wissen. Das ist auch das, was wir besser können als andere. Innovation ist sehr wichtig. Ich bin optimistisch, dass wir hier an der Spitze des Fortschritts stehen werden. Das ist unsere Kernkompetenz und sie bietet die Möglichkeit, hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. Wenn es nur ums Produzieren geht, sind uns andere Länder deutlich überlegen. Bleiben wir beim Beispiel Landwirtschaft: Da ist Polen beim Massenanbau von Produkten sicher besser als wir, China und Indien in der Weiterverarbeitung.

Worauf muss sich das Land konzentrieren, wenn es an Investitionen für diese künftigen Entwicklungen geht?
Am Anfang aller Dinge steht die Innovationsfähigkeit. Und die liegt in Bildungs- und Forschungszentren. Da ist der Norden gut unterwegs. Hochschulen sollen um ihre Kernkompetenzen herum Forschungseinrichtungen aufstellen und entwickeln. Sie sollten anwendungsorientiert sein und eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten, damit neues Wissen schnell Eingang in die alltägliche Produktion findet. Das hat etwas mit Bildung und mit angewandter Forschung zu tun. Es muss auch in die Infrastruktur investiert werden, damit diese angewandte Forschung schnell mit der Wirtschaft in Verbindung kommt. Das hat etwas mit Kommunikationsmitteln zu tun, aber auch mit der Finanzierung und Unterstützung von Startups. Hier kann eine Landesregierung mit Fingerspitzengefühl und einfachen Mitteln viel erreichen und exzellente Rahmenbedingungen schaffen.

Sind denn diese Aufgaben von einem kleinen und finanzschwachen Land wie Schleswig-Holstein überhaupt allein zu lösen oder braucht man dafür größere Einheiten?
Die Nordstaat-Diskussion halte ich für nicht zielführend. Ein Nordstaat wäre ein letzter Schritt, aber in keinem Fall der erste. Man muss von unten beginnen: über Zweckverbände, über interkommunale Einrichtungen, über Zusammenarbeit von Universitäten oder Facheinrichtungen, von Kammern und Verbänden, Verkehrsverbünden oder auch Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen. Solche Überlegungen können morgen beginnen, unabhängig davon, ob Institutionen eines Nordstaates geschaffen werden. Man wird sich vermutlich daran gewöhnen müssen, dass der Bund bei der Verteilung von Steuermitteln eine größere Rolle spielt. Es kommt ja auch noch die europäische Ebene ins Spiel, die immer wichtiger wird. Man wird anerkennen müssen, dass es europäische Themen gibt - das wird bei der Grenze zu Dänemark und der übergreifenden Zusammenarbeit ganz deutlich, - die auch zentral bearbeitet werden müssen.

Die Länder werden also an Bedeutung verlieren?
Richtig. Ich habe Prügel dafür bezogen, als wir begonnen haben, über eine europäische Arbeitslosenversicherung nachzudenken. Dabei ist die Frage wichtig, ob wir solche Dinge noch national organisieren sollten, wenn sie stärker international bestimmt sind. Und ähnlich ist das mit der Föderalismusdebatte. Wenn man an Themen wie Umweltschutz oder erneuerbare Energien denkt. Auch sie wären besser auf einer höheren staatlichen Ebene aufgehoben. Internationale Zusammenarbeit wird immer wichtiger, auch für die kleineren Regionen.

Gibt es Vorbilder für solche Kooperationen?
Ja! Aber man muss sich diese Beispiele genau ansehen, weil sie nicht 1:1 übertragbar sind. Es sind immer historisch gewachsene, individuelle Bedingungen, die über Erfolg oder Misserfolg bestimmen.

Ist Schleswig-Holstein gut vorbereitet?
Ja! Gerade der Norden, die Flensburger Region, packt viele Dinge sehr gut an, zum Beispiel den Minderheitenschutz, die Zusammenarbeit mit der süddänischen Uni, die Schaffung neuer Transportwege über den Fehmarnbelt oder bei den Offshore-Windparks. Da ist man auf einem sehr guten Weg. Solche positiven Beispiele müssen immer mal wieder erwähnt werden, damit es nicht erneut zu einer Schlagbaumdebatte auf der dänischen Seite kommt, die in Deutschland ja auch immer aktivierbar ist.

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