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Chronologie des Abgas-Skandals : VW-Dieselgate: Der Fall eines Automobilriesen

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Neue Hiobsbotschaften über manipulierte CO2-Werte bringen Volkswagen tiefer in die Krise. Eine Chronologie.

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2015 | 12:04 Uhr

Wolfsburg | Nach Wochen interner und juristischer Ermittlungen, Befragungen der Revisoren und Razzien von Staatsanwälten platzte die Nachricht am Dienstagabend wie eine Bombe in die jüngste Runde der Ermittlungen der US-Umweltbehörde EPA hinein. „Bei internen Untersuchungen ist festgestellt worden, dass es bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typ-Zulassung von Fahrzeugen zu nicht erklärbaren Werten gekommen ist“, berichtete Volkswagen. Eine Chronologie des Diesel-Skandals bei Volkswagen:

3. September

Volkswagen räumt gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Abgastests von Dieselfahrzeugen ein. Gegenüber der Öffentlichkeit schweigt VW zunächst, statt die Verfälschung der Abgaswerte auch offiziell einzuräumen.

 

19. September

Die US-Umweltbehörde EPA beschuldigt VW, mit Hilfe einer Software die Resultate von Abgasuntersuchungen bei Diesel-Autos geschönt haben. Damit habe Volkswagen gegen das Klimaschutzgesetz „Clean Air Act“ verstoßen. VW drohen deswegen schlimmstenfalls Strafzahlungen von mehr als 18 Milliarden Dollar und ein nicht abzuschätzender Imageschaden.

 

20. September

Volkswagen gibt Manipulationen von Abgastests bei Diesel-Fahrzeugen in den USA zu. „Die Manipulation an der eingesetzten Software hat es gegeben“, sagte ein Sprecher des Konzerns. Konzernchef Martin Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung des Abgas-Skandals an. „Die Geschehnisse haben für uns im Vorstand und für mich ganz persönlich höchste Priorität.“ Und weiter: „Wir arbeiten mit den zuständigen Behörden offen und umfassend zusammen, um den Sachverhalt schnell und transparent vollumfänglich zu klären.“

 

21. September

An der Frankfurter Börse verliert das Papier von Europas größtem Autobauer zeitweise mehr als ein Fünftel an Wert und zieht auch die Titel anderer Hersteller mit in die Tiefe. Innerhalb kürzester Zeit verpuffen rund 15 Milliarden Euro an Börsenwert. Volkswagen erlässt einen Verkaufsstopp für die betroffenen Modelle in den USA. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kündigt an, VW-Dieselfahrzeuge überprüfen zu lassen.

 

22. September

Der Konzern gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen für bevorstehende Umrüstungen an. Im dritten Quartal würden rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“, teilt VW mit. Ein VW-Sprecher erklärt, dass es sich dabei um eine Vorsichtsmaßnahme handle. Interne Prüfungen hätten ergeben, dass es die betreffende Steuerungssoftware auch in anderen Diesel-Autos des Konzerns gebe. Betroffen sind weltweit demnach etwa elf Millionen Autos.

23. September

Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn. „Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt unterdessen den Beginn von Vorermittlungen gegen VW bekannt. Mögliche rechtliche Schritte gegen verantwortliche Mitarbeiter der Volkswagen AG stünden dabei im Mittelpunkt, heißt es aus der Behörde.

 

24. September

Nach ersten Gesprächen der Untersuchungskommission des Bundesverkehrsministeriums mit den Wolfsburgern am Mittwoch teilt Minister Alexander Dobrindt mit, dass auch in Europa VW-Dieselmotoren manipulierte Abgaswerte aufweisen. Betroffen sind 1,6- und Zwei-Liter-Diesel-Modelle, die auch bei den VW-Töchtern Audi und Skoda in Modellen verbaut wurden. Die Rede ist von mindestens 2,8 Millionen Fahrzeugen in Deutschland.

 

25. September

Matthias Müller wird neuer Chef des VW-Konzerns, teilt das Unternehmen nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit. Der bisherige Porsche-Chef übernimmt die Nachfolge von Martin Winterkorn. Derweil wächst die Kritik am Kraftfahrt-Bundesamt. Doch die Bundesbehörde schweigt. 

 

28. September

Bei der Aufarbeitung des Abgas-Skandals gerät nun Ex-Volkswagen-Chef Martin Winterkorn ins Visier der Justiz. Nach mehreren Strafanzeigen leitet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Der Fokus liege auf dem Vorwurf des Betrugs durch den Verkauf von Autos mit manipulierten Abgaswerten, teilt die Behörde mit.

29. September

VW stellt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten holen. Die Wagen gehören zur Marke Volkswagen.

6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für die Jobs bei VW.

 

7. Oktober

Erneutes Krisentreffen der Aufseher. VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch wird an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt. Nach Aussage Müllers kann der Rückruf im Januar 2016 beginnen. VW müsse die jeweilige Lösung auf jedes Modell abstimmen und die notwendigen Teile bestellen. Sorgfalt gehe vor Geschwindigkeit.

 

8. Oktober

Razzia bei VW. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ordnet Durchsuchungen in Wolfsburg und an anderen Orten an. VW-US-Chef Michael Horn muss dem US-Kongress Rede und Antwort stehen.

10. Oktober

Eine weitere Software zur Emissionskontrolle gerät ins Visier der US-Behörden. VW betont: Dieses Programm habe mit den Manipulationsvorwürfen nichts zu tun, es wärme Katalysatoren vor.

 

13. Oktober

Wegen der hohen Kosten für den Abgas-Skandal will VW eine Milliarde Euro weniger pro Jahr als bislang geplant investieren. Das Sparprogramm werde beschleunigt, teilt VW in Wolfsburg mit. Außerdem solle die Diesel-Strategie neu ausgerichtet werden. Zur Entwicklung von Elektrofahrzeugen soll es einen neuen Standard-„Baukasten“ für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge geben.

 

15. Oktober

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Flensburg.
Das Kraftfahrt-Bundesamt. Foto: Gerrit Hencke
 

16. Oktober

Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen unterstützt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft mit einer Sonderkommission. Von Daimler wechselt Vorstandsfrau Christine Hohmann-Dennhardt zum 1. Januar 2016 als neue Leiterin für Recht und Integrität zu VW.

17. Oktober

Der Volkswagen-Mehrheitseigner Porsche SE teilt mit, dass Winterkorn auch hier seinen Vorstandsvorsitz niederlegt. Der VW-Betriebsrat erwägt, die Leiharbeit zu reduzieren. Dies würde Tausende Leiharbeiter treffen.

21. Oktober

VW stoppt in der EU den Verkauf von Neuwagen im Lagerbestand, die noch ältere Motoren mit der Betrugssoftware haben. Müller betont, noch gebe es keine direkten Folgen für die Jobs.

22. Oktober

Der Konzern prüft, ob auch die frühe Version vom Nachfolger des Skandalmotors EA 189 von den Manipulationen betroffen sind. Untersuchungen ergeben, dass dies laut VW nicht der Fall ist.

 

27. Oktober

Die juristische Aufarbeitung des Abgas-Skandals bei Volkswagen nimmt Fahrt auf. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet gegen mehrere Mitarbeiter des Autobauers Ermittlungsverfahren ein. Unterdessen spürt der VW-Konzern trotz Abgas-Affäre in Europa auch beim Bestelleingang noch keine Auswirkungen des Skandals.

28. Oktober

Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern belief sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro. Derweil wird das Ausmaß der betroffenen Fahrzeuge deutlich. Bei der Kernmarke Volkswagen-Pkw sind unter anderem der Golf der sechsten Generation, der Passat der siebten Generation und der Tiguan der ersten Generation betroffen. Die Software steckt aber auch in Modellen der Baureihen A1, A3, A4 und A6 sowie Q3 und Q5 bei der VW-Oberklasse-Tochter Audi. Dieselmotoren, die in verschiedenen Exemplaren der Konzernmarken Skoda und Seat verwendet wurden, fallen ebenfalls unter den Abgas-Skandal. Bei den leichten VW-Nutzfahrzeugen sind ältere Diesel-Ausgaben der Modelle Caddy und Amarok betroffen. Weltweit sind insgesamt rund fünf Millionen Autos der Kernmarke Volkswagen-Pkw betroffen. Hinzu kommen etwa 2,1 Millionen Audis, 1,2 Millionen Skodas, 700.000 Seats sowie 1,8 Millionen leichte Nutzfahrzeuge. VW zufolge ist der Dieselmotor mit der konzerninternen Bezeichnung EA 189 Kern des Problems.

 

2. November

Die VW-Dieselaffäre weitet sich aus. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA hat der Konzern auch in Autos mit 3,0-Liter-Dieselmotoren eine Manipulations-Software eingesetzt. Volkswagen weist die neuen Vorwürfe in einer ersten Stellungnahme zurück. Nach Angaben der Behörde wurden in bestimmten Diesel-Modellen der Marken VW, Audi und Porsche der Modelljahrgänge 2014 bis 2016 Drei-Liter-Diesel-Motoren verbaut, die bei Stickoxid-Emissionen die in den USA erlaubten Grenzwerte um das bis zu Neunfache überträfen. Im einzelnen handele es sich um Fahrzeuge der Typen VW Touareg (2014), Porsche Cayenne (2015) sowie die Audi-Modelle A6 Quattro, A7 Quattro, A8, A8L, and Q5 (2016).

 

3. November

Der Abgas-Skandal im VW-Konzern erreicht eine neue Dimension. Volkswagen musste am Dienstag nun auch Unregelmäßigkeiten bei CO2-Werten einräumen - außerdem sind damit erstmals auch Benziner und nicht nur Dieselfahrzeuge betroffen. Dabei geht es um den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) - und damit um den Spritverbrauch. 800.000 Fahrzeuge seien betroffen. Die wirtschaftlichen Risiken werden auf zwei Milliarden Euro geschätzt. Betroffen seien ganz überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren. Es gehe um Autos der Typen Polo, Golf und Passat, sagte ein VW-Sprecher auf Anfrage. Bei der VW-Tochter Audi seien A1- und A3-Modelle betroffen. Bei Skoda gehe es um den Octavia und bei Seat um den Leon und den Ibiza. Auch bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung habe es Auffälligkeiten gegeben, sagte der Sprecher. Es handele sich dabei aber um eine geringe Stückzahl. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen.

 

4. November

Kohlendioxid (CO2) ist zwar unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und wesentlich für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Die CO2-Grenzwerte sind in der EU in den vergangenen Jahren verschärft worden. Die neue Dimension des Abgas-Debakels könnte für Volkswagen und seine Kunden mögliche Folgeprobleme haben. So hängt hierzulande die Höhe der Kfz-Steuer für jüngere Pkw (Erstzulassungsdatum ab 1. Juli 2009) auch am Ausstoß von Kohlendioxid (CO2). Autos mit niedrigerer CO2-Emission sind steuerlich günstiger als welche mit einer höheren. Damit steht nun das Risiko im Raum, dass durch die Abgas-Manipulationen Kfz-Steuern für Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind.

 

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