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Dieselgate : VW-Affäre: Volkswagen hat auch CO2-Prüfungen manipuliert

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Der Hintergrund der neuen Dimension des Abgas-Skandals bei VW wird klarer: Die falschen Angaben zu Spritverbrauch und CO2 ergaben sich durch Tricksereien an Prüfständen oder bei geprüften Autos.

shz.de von
erstellt am 06.Nov.2015 | 16:36 Uhr

Wolfsburg | Manipulationen auf dem Prüfstand und nicht bloß Fälschungen am Schreibtisch sind die Ursache für die erneute Täuschung Hunderttausender VW-Kunden. Denn die geschönten Angaben zum Spritverbrauch und CO2-Ausstoß bei bis zu 800.000 Wagen des Konzerns hängen direkt mit frisierten Testabläufen zusammen. Die Falschangaben seien entweder über Manipulationen im Messvorgang auf dem Prüfstand selber oder über manipulierte Testwagen zustande gekommen, sagte ein Konzernsprecher am Freitag. Das würde bedeuten, dass nicht am Schreibtisch Dokumente gefälscht wurden - sondern abermals technische Finten dafür sorgten, dass VW-Autos nicht halten, was ihre amtlichen Siegel versprechen.

Der Abgas-Skandal hatte für Europas Branchenprimus im September in den USA begonnen. Behörden wiesen dort nach, dass eine verbotene Software bei Fahrzeugen mit bestimmten Vierzylinder-Dieseln einen Test auf dem Prüfstand erkennt und die Motoren in eine Art Schonmodus schaltet und den Stickoxid-Ausstoß verringert. Allein in Europa ruft der Autobauer daher 8,5 Millionen Wagen zurück. Erst in dieser Woche wurde bekannt, dass es auch beim CO2-Ausstoß Unregelmäßigkeiten gibt.

Mit den Aussagen ist klarer, wie die neue Dimension des Abgas-Skandals entstand. Wer dafür verantwortlich zeichnete, ist aber nach wie vor ungewiss. Der Konzern versichert, „mit Hochdruck“ zu suchen. Der Sprecher sagte: „Nicht alle betroffenen Modelle wurden auf dem Firmengelände in Wolfsburg auf dem Prüfstand getestet.“ Einige Modelle seien auch extern bei Dienstleistern überprüft worden. Damit aktualisierte der Sprecher anfängliche Angaben, wonach offenbar bloß auf dem Papier zu niedrige CO2-Werte angegeben wurden.

Anfang dieser Woche meldeten die Wolfsburger „Unregelmäßigkeiten“ auch bei den offiziellen Angaben zum Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), und damit verbunden auch zum Spritverbrauch. Eigene Untersuchungen ergaben, dass „zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden“. Es geht um 800.000 Fahrzeuge, jedes vierte davon fährt in Deutschland. Vor allem sind es Dieselmotoren ab dem Baujahr 2012, aber insgesamt sind auch 98.000 Benziner mit 1,4 Litern Hubraum darunter, die über eine sogenannte Zylinderabschaltung verfügen. Die Technik kann zum Spritsparen zwei der vier Zylinder deaktivieren.

Nach Angaben aus Konzernkreisen soll es auch in der CO2-Thematik bald eine Internetseite geben, auf der Kunden prüfen können, ob ihre Wagen betroffen sind. Für den Rückruf der 8,5 Millionen Diesel ist das online schon möglich. In Deutschland geht es um 2,4 Millionen Fahrzeuge. Bei den CO2-Falschangaben ist ein Rückruf unwahrscheinlich, weil nach bisherigem Stand nicht jedes Auto manipuliert ist. Nachzahlungen bei der Kfz-Steuer stehen aber beispielsweise als mögliche Folgen an.

Die Falschangaben stellen auch das Prüfprozedere für die Zulassungen neuer Automodelle in den Fokus. Bevor das Kraftfahrt-Bundesamt neue Typen für den Straßenverkehr zulässt, müssen verschiedene Gutachten her, unter anderem zu Abgasen. Die Messungen werden von Technischen Diensten abgenommen, unter anderem vom Tüv. Die Dienste erledigen das entweder auf eigenen Prüfständen oder direkt beim Hersteller selber.

Den Prüfkonzern Tüv trifft nach eigenen Angaben keine Mitschuld. Der Tüv Nord, der die zertifizierten Tests für VW-Modelle begleitet, teilte am Freitag in Hannover mit, alles sei „gemäß den gesetzlichen Vorschriften“. Der Tüv habe das VW-Geständnis aber zum Anlass genommen, interne Prozesse zu kontrollieren. „Dabei sind auf unserer Seite keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden“, sagte ein Sprecher der Tüv-Nord-Gruppe.

Am Sonntagabend treffen sich laut dpa-Informationen die Aufsichtsräte des sogenannten „Sonderausschusses Dieselmotoren“. Unter Führung von VW-Großaktionär Wolfgang Porsche beraten sie die jüngste Lage. Am Montag treffen sich in Wolfsburg morgens die sechsköpfige Spitze des Aufsichtsrats und ab 11 Uhr alle 20 Kontrolleure.

In der Krisenbewältigung droht derweil ein offener Bruch zwischen dem einflussreichen VW-Betriebsrat und dem Konzernvorstand. VW-Konzernbetriebschef Bernd Osterloh vermisse ein schlüssiges Gesamtkonzept zur Bewältigung der Affäre, schrieb er am Freitag der Belegschaft. Der Brief lag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover vor. Darin richtet sich Osterloh an Konzernchef Matthias Müller und VW-Markenchef Herbert Diess mit den Worten: „Wir können nur an die Herren Müller und Diess appellieren, gerade in diesen Tagen die Einigkeit zwischen Beschäftigten und Management nicht weiter durch Sprachlosigkeit auf eine Zerreißprobe zu stellen.“ Auf dpa-Anfrage sagte Osterloh, der lange als Nachfolger für den Ende November ausscheidenden Personalvorstand Horst Neumann gehandelt wurde: „Ein Wechsel auf den Posten des Personalvorstands kommt für mich nicht infrage. Wir erleben derzeit, wie der Vorstand agiert und dabei die Interessen der Beschäftigten vollkommen außer Acht lässt.“ Osterloh betonte: „In einer solchen Situation der Unsicherheit lasse ich meine Kolleginnen und Kollegen, die mich gewählt haben, um Ihre Interessen zu vertreten, nicht allein.“ Er fügte an: „Der Betriebsrat wird bewusst außen vor gelassen. Der Vorstand verkündet Sparmaßnahmen einseitig und ohne Grundlage. Jetzt geht es um den maximalen Schutz der Beschäftigten, die anscheinend doch die Krise zahlen sollen, die andere verursacht haben.“

Im Strudel des Skandals wurde indes am Freitag der erste dramatische Absatzeinbruch von Volkswagen bekannt: In Japan - dem nach China, den USA und Europa weltgrößten Automarkt - sanken die Neuzulassungen im Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast die Hälfte auf 2403 Fahrzeuge. VW hat jedoch in Japan nur einen Marktanteil von einem Prozent.

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