Spekulationsblasen : Von Tulpen bis IT – Die größten Finanz-Crashs der Wirtschaftsgeschichte

Immobilienspekulationen waren immer wieder Ursache für überhitzte und in der Folge zusammenbrechende Märkte – wie 1990 in Japan.

Immobilienspekulationen waren immer wieder Ursache für überhitzte und in der Folge zusammenbrechende Märkte – wie 1990 in Japan.

Platzende Spekulationsblasen sind nichts Neues. Seit dem 17. Jahrhundert kennt die Welt viel zu gierige Märkte.

von
13. März 2018, 21:14 Uhr

Was haben Autos und Kreditkarten in den USA, Häuser in China und Bitcoins sowie andere Kryptowährungen mit niederländischen Tulpen gemeinsam?

  • Mit 1,1 Billionen Dollar stehen die US-Amerikaner für Autokäufe in der Kreide, der durchschnittliche US-Bürger hat knapp 8000 Dollar Kreditkartenschulden.
  • In China klettern seit Jahrzehnten die Immobilienpreise nach oben. Die durchschnittlichen Quadratmeterpreise in Peking und Schanghai liegen mittlerweile höher als in New York und steigen steil weiter.
  • Der Gesamtwert von Kryptowährungen lag Mitte vergangenen Jahres bei 70 Milliarden US-Dollar.

Damit steuern nach Meinung vieler Finanzexperten alle diese Märkte auf etwas zu, das die niederländischen Tulpen im 17. Jahrhundert durchmachten. Sie platzten. Präziser: Es platzte die Spekulationsblase, die sich um das Zwiebelgewächs gebildet hatte. Das Ereignis gilt als erster großer Finanzcrash der Wirtschaftsgeschichte. Das Muster von rasant steigenden Umsätzen mit anschließendem massiven Zusammenbruch wiederholte sich seitdem bis heute zuverlässig überall auf der Welt.

Die Tulpenblase in den Niederlanden (1637)

Bernd F. Meier

Anfang des 17. Jahrhunderts strebten die Niederlande wirtschaftlich goldenen Zeiten entgegen. Die Neureichen waren auf der Suche nach neuen Statussymbolen. Da kam die damals noch weitgehend unbekannte Tulpe mit ihren außergewöhnlich intensiven Farben gerade recht. Sie eignete sich für Prachtgärten und als Haar- oder Brustschmuck vornehmer Damen – besonders weil sie selten war.

Tulpen brauchen relativ lange in der Aufzucht, deshalb war das Angebot kleiner als die Nachfrage. Eine Spirale setzte sich in Gang. Weil jeder die Tulpe wollte, stieg ihr Wert, und deshalb wollte jeder die Tulpe haben. Vom Adligen bis zum Bauern deckte sich jedermann ein, was der Geldbeutel oder der Verkauf von Haus und Gut hergab. Eine einzelne Zwiebel konnte auf dem Höhepunkt des Tulpenfiebers den Gegenwert von heute Tausenden Euro erreichen. Anekdoten aus der Zeit erzählen von unbedarften Holland-Besuchern, die ihnen präsentierte Tulpenzwiebeln aufaßen und damit ein Vermögen vernichteten.

Bald wurde nicht nur mit den Frühlingsblumen selbst gehandelt, sondern auch mit den Rechten an ihnen, sobald sie aus der Erde sprießen würden. Und dann mit den Rechten an den Rechten. Und mit den Rechten an den Rechten an den Rechten. Und so weiter, zu immer höheren Preisen, immer in der Hoffnung, dass ein anderer einem den Erwerb für noch höhere Beträge abkaufte. Dass der Kaiser nackt war, bemerkte man 1637 bei einer Tulpen-Auktion. Ein Händler blieb auf seinen Zwiebeln sitzen. Das sprach sich herum, auf einmal wollte jeder verkaufen, in kürzester Zeit waren Tulpen nicht mehr ein Hundertstel ihres einstigen Höchstpreises wert.

Die damals ansonsten gute wirtschaftliche Lage des Landes milderte die schlimmsten Folgen der Krise ab, dennoch schoss die Zahl der Pleiten in die Höhe. Eine positive Folge des Tulpenwahns wirkt aber noch heute nach: Die Niederlande sind mit Abstand der größte Tulpenproduzent der Welt.

Die Südseeblase in England (1720)

imago/UIG
 

Das Jahr 1711, England brauchte nach einem teuren Krieg mit Spanien dringend Geld. Britische Banker gründeten die South Sea Company mit dem vordergründigen Zweck des Handels im südamerikanischen Raum (damals als Südsee bezeichnet). Tatsächlich ging es darum, den britischen Staat von seinen Schulden zu entlasten. Für eine Verzinsung von sechs Prozent und Handelsvorteile in Lateinamerika übernahm die South Sea Company 10 Millionen Pfund der Staatsschulden.

Der Südsee-Handel spielte dabei jahrelang praktisch keine Rolle. Wichtiger war die zusätzlich erteilte Erlaubnis für die Company, eigene Aktien herauszugeben. 1718 führte England erneut Krieg gegen Spanien, die Company übernahm abermals Staatsschulden. Diesmal aber finanzierte sie diese durch die Herausgabe von Aktien. Das funktionierte so gut, dass es 1920 zu einem weiteren Deal kam: Die Company übernahm noch mehr Schulden und durfte dafür ihr Kapital beinahe unbegrenzt und zu jedem Kurs erhöhen, also Aktien zu einem fast beliebig hohen Preis herausgeben. Und das tat sie.

Zusammen mit enormen Gewinnversprechen gab die Company immer neue, immer teurere Aktien heraus. Wie schon bei der Tulpenblase schlugen auch einfache Bürger zu und verschuldeten sich dafür. Die Euphorie griff auf Europa und auf andere Aktienunternehmen über. Auf dem Höhepunkt lag das Börsenkapital Englands etwa fünfmal so hoch wie es Bargeld in ganz Europa gab.

Als England versuchte, per Gesetz unseriöse Geschäftsmodelle zu unterbinden, merkte der überhitzte Markt, dass das ganze System unseriös war. Die Kurse zahlreicher Unternehmen stürzten ein und zogen auch die South Sea Company hinab. Zurück blieben ruinierte, hoch verschuldete Anleger und eine jahrelange Wirtschaftskrise.

Die Japanblase (1990)

<p> </p>
imago/blickwinkel
 

Heute jammert Präsident Donald Trump übers Handelsdefizit der USA, aber auch schon in den 1980ern fühlten sich die USA benachteiligt gegenüber dem Rest der Welt. 1985 setzten sich deshalb die fünf führenden Wirtschaftsmächte USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Japan zusammen und beschlossen im so genannten Plaza-Abkommen die Abwertung des Dollar unter anderem gegenüber dem japanischem Yen.

Weil der Yen nun im Verhältnis mehr wert war, konnten die Japaner billig importieren und teuer exportieren. Reichlich Geld floss nach Japan. Das musste irgendwo hin. Die Lösung sahen Anleger im Immobilienkauf. Die Preise schossen in die Höhe. Der Grund des Kaiserpalastes in Tokio war zeitweise mehr wert als der des US-Staates Kalifornien, alle japanischen Grundstücke zusammen viermal so viel wie die der USA. Das reale Wirtschaftswachstum Japans konnte da natürlich nicht mithalten.

Zu den wegen der hohen Immobilienpreise steigenden Wohnkosten kam eine wachsende Arbeitslosigkeit. Die Menschen konnten weniger Geld für andere Dinge ausgeben, die Kaufkraft sank. Zugleich stieg die Staatsverschuldung. Heute hat Japan mit gewaltigem Abstand zu Griechenland die größte Staatsverschuldung weltweit, gemessen am Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.

Um die Überhitzung des Finanzmarktes abzukühlen, erhöhte Japan Schritt für Schritt den Leitzins. 1990 zeigte dies Wirkung. Die nun teurer gewordenen Investitionen an der Börse gingen zurück. Der japanische Aktienindex Nikkei sank bis Jahresende um über 40 Prozent – Japans schlimmste Wirtschaftskrise, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat. Die Japanblase platzt seit bald 30 Jahren.

Die Dotcom-Blase (2000)

imago/blickwinkel
 

In den 1990ern brach vor allem in der westlichen Welt das Computer- und Internetzeitalter für die breite Masse an. Neue Firmen sprossen und wucherten, ein ganz neuer Wirtschaftssektor, die „New Economy“, entstand. Und jeder wollte dabei sein, ob er nun etwas davon verstand oder nicht. Etablierte Firmen orientierten sich um, frisch gebackene Startups gingen an die Börse. Und wie bei jeder Blase wurden zunächst einige sehr schnell sehr reich. Auch Otto-Normal-Verbraucher wollte profitieren.

Investiere nur in Dinge, von denen du etwas verstehst. So ließe sich eine Börsenweisheit formulieren. Eine andere besagt: Investiere nur so viel, wie du bereit bist, zu verlieren. Bei der Deutschen Telekom dürften noch heute viele Bürger zu allererst an ihre verlorenen Ersparnisse denken, die sie in Aktien des Unternehmens investiert hatten.

Im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass das Neuland Internet zumindest finanztechnisch nicht das gelobte Land war, für das es viele gehalten hatten, und dass für virtuelle Güter dieselben kausalen Regeln gelten wie in allen anderen Märkten. Der Aktienwert der Firmen lag deutlich über ihrem reellen Nutzen. Als dies im März 2010 realisiert wurde, sprangen die Anleger ab, die Kurse brachen ein, Firmen gingen pleite oder verloren einen Großteil ihres Wertes.

Kein Ende in Sicht

Längst sind hier nicht alle großen Blasen der Geschichte aufgelistet. Die schwarzen Wochentage (Black Friday 1869, Black Thursday 1929, Black Monday 1987) blieben unerwähnt. Die Auswirkungen der letzten große Blase, ausgelöst durch den überhitzten Immobilienmarkt in den USA 2008, spürt die Welt heute noch.

Doch gelernt hat die Finanzwelt offenbar wenig. Internetfirmen wie Twitter werden an der Börse für Abermilliarden gehandelt, obwohl der besagte Nachrichtendienst noch kein einziges Jahr Gewinne abwerfen konnte. Und wann die eingangs erwähnten Märkte um Autos, Kreditkarten, Häuser und digitale Währungen platzen, ist wohl mehr eine Frage des Wann als des Ob.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen