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Kommentar zur VW-Krise : Volkswagen: Abenddämmerung einer Marke

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die zweite VW-Affäre und ihre Folgen. Ein Kommentar von Chefredakteur Stefan Hans Kläsener.

Vor knapp zehn Jahren rümpften die Menschen die Nase und lästerten über die VW-Affäre. Das war ein schwer zu glaubender Dschungel aus Bestechlichkeit, Prostitution, unappetitlichen Alt-Herren-Fantasien und eilfertigen Helferlein aus dem riesigen Apparat des Konzerns, die alles möglich machten: Sie mieteten Wohnungen nur zum Zweck des sexuellen Austausches an, und sie brachten gezielt Menschen in eine Situation, in der sie erpressbar waren. Der Betriebsrat machte mit, der Vorstand wusste davon, und wer in dem System nicht mitspielte, konnte es auch zu nichts bringen.

Danach wurde aufgeräumt. Der Betriebsratsvorsitzende wanderte ins Gefängnis, die Helferlein gerieten in den Ruin, der Spuk schien zu Ende. In Wahrheit hat aber die Justiz aufgeräumt und der Konzern nur insoweit, wie er aufräumen musste. Es gibt noch heute Menschen in Top-Positionen des Wolfsburger Hochhauses, die von den Machenschaften mindestens gewusst haben mussten. Damals wurde der VW-Chef Pischetsrieder in die Wüste geschickt, obwohl er mit der Affäre fast nichts zu tun hatte.

Nun hat es Martin Winterkorn, seinen Nachfolger, erwischt. Auch hier ist nicht klar, inwieweit er in den Abgas-Betrug involviert ist. Die mildeste Sichtweise ist die: Weil er sehr harte Anforderungen an seine Ingenieure gestellt hat, wussten diese sich möglicherweise nicht anders zu helfen als über Tricksereien. Dann allerdings trägt Winterkorn, der ein Metermaß im Sakko hat und gern einmal die Spaltmaße von Türen überprüft, eine Verantwortung für die Kultur des Unternehmens. Die offenkundig Betrug zwar nicht vorsah, aber zuließ.

Der Schaden ist gigantisch. Das Schweigen der Automobilindustrie beredt. Wir haben durch einen Mangel an staatlicher Kontrolle einen größeren Unfall zu besichtigen, als ihn behördliche Gängelei jemals zu erzeugen imstande gewesen wäre. Bezahlen werden ihn kleine Leute, Kunden wie Mitarbeiter.


Das sagen die Anderen

Der Diesel-Skandal  hat mit dem Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn einen neuen Höhepunkt erreicht.  Im Folgenden dokumentieren wir  Auszüge aus Zeitungskommentaren zu diesem Thema.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Martin Winterkorn war nicht zu halten. Es ging nicht darum, was der Vorstandsvorsitzende von VW im Detail wusste. Es ging auch nicht um die „politische“ Verantwortung, die jeder Vorstand trägt. Es geht darum, dass Winterkorn als langjähriger Chef eine Unternehmenskultur schuf, in der Betrug gedieh. Vor der Probefahrt mit den beiden „Alten“ zitterten selbst stolze Entwicklungsingenieure (neben Winterkorn nahm früher auch der vormalige Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch jedes neue Auto ab, bis sich die beiden im Frühjahr zerstritten). In so einem Klima von Leistungsdruck und Einschüchterung wird eher geschummelt und getrickst. (...)  Mehr als 600.000 Beschäftigte dürfen nicht länger Spielball von zwei verfeindeten Familienstämmen sein. (...)

Pforzheimer Zeitung 

VW legt eine Vollbremsung hin! Der Rücktritt von Volkswagen-Chef Winterkorn ist die einzig mögliche Option, um einen Hauch von Vertrauen und Glaubwürdigkeit in den größten Autobauer der Welt zurückzugewinnen. Doch fest steht schon jetzt: Das Qualitätssiegel „Made in Germany“ hat mehr als nur Kratzer bekommen. Das Image wieder aufzupolieren, ist aber nicht nur Aufgabe von VW. Die Manipulation der Verbrauchswerte ist ein Problem der gesamten Branche. Hier endlich reinen Tisch zu machen, ist das Gebot der Stunde.

Der Tagesspiegel (Berlin)

Volkswagen hat nun die Chance zu einem Neuanfang, mit einer neuen Führung – nicht nur an der obersten Spitze. Die Notwendigkeit war schon vor Bekanntwerden der illegalen Tricks mit Dieselfahrzeugen unübersehbar. Als im Frühjahr der Streit zwischen Winterkorn und Ferdinand Piëch eskalierte, war bereits allen klar, dass die alten Männer an der VW-Spitze der Komplexität des Konzerns nicht mehr gewachsen sind. Auf die Protagonisten der Post-Winterkorn-Ära kommt Arbeit zu. Volkswagen hat nicht nur ein Corporate-Governance-Problem, sondern auch viele operative Baustellen. Weil sich der Konzern wie kein anderer von China abhängig gemacht hat, wird die Schwäche der dortigen Wirtschaft am sinkenden VW-Gewinn ablesbar sein. Den amerikanischen Markt kann Volkswagen bis auf Weiteres abschreiben. In Russland und Brasilien ist der Absatz eingebrochen. Es brennt im Hofstaat – an allen Ecken und Enden.

Süddeutsche Zeitung (München)

Der Rücktritt Winterkorns ist Teil des VW-Höllensturzes: Dieser Rücktritt war notwendig; aber er klärt und erklärt noch gar nichts. Der Zurückgetretene ist sich keiner Schuld bewusst. Das ist eine befremdliche Einlassung: Er war Vorstandschef, verantwortlich für das, was er getan und auch für das, was er – zum Beispiel bei der Kontrolle – unterlassen hat. Wertvolle Autos baut man nur dann, wenn im Unternehmen Werte gelten. Die Frage lautet nun: Wie wird VW wieder wertvoll?

Le Monde (Frankreich)

Die linksliberale Tageszeitung fürchtet: Die Affäre geht über Volkswagen hinaus. Sie schadet dem Image der Europäer, die gerne Lehren erteilen und sich damit rühmen, im Kampf für den Umweltschutz und gegen die Klimaerwärmung Vorreiter zu sein. Sie schadet der Glaubwürdigkeit der Europäer, die sich in den Verhandlungen über das transatlantische Freihandelsabkommen immer wieder mit der Überlegenheit ihrer Industrienormen rühmen.

The Times  (Großbritannien)

Langfristig könnten die Entwickler von Elektroautos ihren Vorteil aus dem Skandal ziehen, meint die konservative Tageszeitung: Die Krise bei VW (...) ist ein Schulbeispiel für die Kosten der Täuschung. Es handelt sich um den schlimmsten Skandal in der Unternehmenswelt der jüngeren deutschen Geschichte und könnte das Ende des Dieselmotors als in Serie gefertigte kommerzielle Technologie bedeuten. (...) Der Skandal könnte sich als Wendepunkt in der Geschichte des Automobils herausstellen. Hybrid- und Elektrotechnologien könnten davon profitieren. Apple und Google stehen bereit, sich in diesen Markt zu stürzen.

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