zur Navigation springen

Ausstieg : Volksbanken stoppen Agrarspekulation

vom

Deutschlands Genossenschaftsbanken fordern schärfere Kontrollen für umstrittene Finanzwetten auf Lebensmittelpreise.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 09:31 Uhr

Frankfurt | Die genossenschaftliche DZ Bank steigt aus Spekulationsgeschäften mit Getreide und anderen Agrarrohstoffen aus. Das Frankfurter Zentralinstitut von mehr als 900 Volks- und Raiffeisenbanken bestätigte gestern entsprechende Informationen der Organisation Foodwatch. Die Bank verabschiedet sich vom Vertrieb entsprechender Finanzprodukte, stellt die betroffenen Fonds ihrer Tochter Union Investment um und setzt sich zudem für eine schärfere Regulierung der Agrarrohstoffmärkte ein, wie aus einem Brief des DZ- Vorstandsmitglied Lars Hille an Foodwatch hervorgeht. Der Banker spricht sich darin ausdrücklich für eine schärfere Kontrolle der Handelsvolumina und für eine Börsenpflicht der Derivate aus. Kritiker sehen die Finanzprodukte zur künftigen Preisentwicklung der Rohstoffe (Futures) als ein Auslöser für spekulative Preisspitzen bei Lebensmitteln. Befürworter - allen voran die Deutsche Bank - betonen hingegen die Funktion der Papiere zur Preissicherung.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium begrüßte die Entscheidung der DZ-Bank. "Es ist wichtig, dass ein klarer Trennstrich gezogen wird zwischen verantwortungsvollen Investitionen, die hilfreich sind im Kampf gegen den Hunger, und Transaktionen, die Preisschwankungen verstärken können", erklärte ein Sprecher in Berlin. Wer als großes Geldinstitut angesichts von fast 900 Millionen hungernden Menschen hier keinen Unterschied mache, handele verantwortungslos. Die DZ-Bank folgt mit ihrem Schritt anderen Instituten wie der Commerzbank, mehreren Landesbanken sowie der Dekabank der Sparkassen.
Warum verabschieden sich immer mehr Banken von diesen Geschäften?
Wer daran festhält, hat zunehmend ein Imageproblem. Vor allem der Verein Foodwatch, gegründet vom früheren Greenpeace-Chef Thilo Bode, hat in den vergangenen Wochen den öffentlichen Druck auf die Banken erhöht. Der unangenehme Vorwurf lautet, dass die Finanzprodukte Anlegern zwar Gewinne bringen, aber auch dazu beitragen, dass arme Menschen sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können.
Was ist dran an diesem Vorwurf?
Das Thema ist so komplex, dass es keine einfache Antwort gibt. Viele Faktoren beeinflussen den Preis von Lebensmitteln, von den Ölpreisen bis hin zur Bevölkerungsentwicklung. In verschiedenen Untersuchungen werden jedoch Argumente gegen Anlageprodukte vorgebracht, die auf höhere Preise für die entsprechenden Rohstoffe wie Getreide setzen. Begründung: Sie verschärften indirekt die Preissteigerungen noch, weil sie eine höhere Nachfrage vortäuschen.
Sind solche Finanzspekulationen nicht grundsätzlich verwerflich?
Nein. Derivate - also jene Finanzinstrumente, die heute meist negativ gesehen werden - haben ihre Ursprünge in der Landwirtschaft. Bauern konnten sich auf diese Weise im Voraus feste Preise für ihre Ernte sichern. Das Problem ist, das immer mehr solcher Produkte der Banken inzwischen keinerlei gesellschaftliche Aufgabe mehr erfüllen.
Wer hält noch an den Lebensmittel-Spekulationen fest?
Der bekannteste Verfechter ist die Deutsche Bank. Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen musste auch vor einem Bundestagsausschuss dazu Rede und Antwort stehen. Öffentlich hatte er argumentiert, dass die Finanzgeschäfte nicht den Hunger in der Welt verschärften, sondern im Gegenteil das Problem nur gelöst werden könne, "wenn Kapital auf intelligente Weise in diese Bereiche gelenkt wird". Foodwatch und andere Kritiker fordern aber meist auch kein generelles Verbot der Spekulationsgeschäfte, sondern lediglich eine Begrenzung und strengere Regeln für diese Art von Geschäften.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen