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Interview mit Jan Walliser : Vizepräsident der Weltbank: „Der G20-Gipfel ist die Krönung“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Vizepräsident der Weltbank besucht Eckernförde – und spricht über Deutschlands Blick auf die Welt, Afrika und G20.

shz.de von
erstellt am 17.Jun.2017 | 16:21 Uhr

Eckernförde | Alte Erinnerungen würde die Aula bei ihm wecken, sagte Jan Walliser – „diese Komplementärfarben von Gelb und Violett“. An der Jungmann-Schule in Eckernförde trat der Vizepräsident der Weltbank am Freitag auf, sprach über die Rolle der Weltbank, stellte sich den Fragen der Schüler. Die multinationale Entwicklungsbank ermöglicht mit ihren Krediten unter anderem den Aufbau von Infrastruktur in den Entwicklungsländern. 1988 hatte Walliser sein Abitur gemacht – mit den Leistungskursen Englisch und Mathe. Es folgte eine beeindruckende Karriere, die ihn schließlich nach Washington führte.

Herr Walliser, kürzlich bedauerte der US-Generalkonsul in einem Interview mit dem sh:z, dass deutsche Jugendliche heute zu wenig echte Amerikaner kennen würden. Sie haben als Deutscher in Washington einen sehr globalen Blick. Wissen Deutsche und Amerikaner genug über das, was außerhalb ihrer Länder vor sich geht?

In großen Ländern wie den USA ist es traditionell schon immer schwierig gewesen, den Blick nach außen zu haben – einfach aufgrund der Größe des Landes. In Deutschland hat sich das in den vergangenen Jahren aber stark geändert. Ich denke mit so vielen Leuten, die heute Englisch sprechen und so vielen Deutschen, die ins Ausland reisen und dort andere Menschen kennen lernen, ist es ein anderes Deutschland als jenes, das ich vor fast 25 Jahren verlassen habe.

Wie verhält es sich aber, wenn wir über den afrikanischen Kontinent sprechen? In ihrer Karriere hat der eine zentrale Rolle gespielt. Auch für die Weltbank als Kreditgeber ist das eine wichtige Region. Blicken wir genug dorthin?

Afrika verdient mehr Aufmerksamkeit. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Afrika sind nicht sehr tief. Manche Beziehungen, die andere europäische Staaten mit afrikanischen Ländern haben, bestehen so nicht. Deshalb wird Afrika hierzulande mitunter auch nur als Kontinent insgesamt wahrgenommen – und nicht so sehr die einzelnen Länder. Daher sind die G20 Afrika Initiative der Bundesregierung und die deutsche Afrika Konferenz in Berlin diese Woche besonders begrüßenswert.

Liegt darin auch der Grund, dass viele hierzulande bei Afrika immer nur an Konflikte, Krisen und Armut denken?

Das denke ich. Viele Nachrichten, die sie aus der Region südlich der Sahara bekommen, drehen sich um Bürgerkriege oder Hungersnöte. Aber wenn Sie sich die Küstenländer Westafrikas anschauen, werden Sie sehen, dass manche von denen ein sehr starkes Wachstum haben – die Elfenbeinküste über acht oder neun Prozent in den letzten Jahren, im Senegal sind es sechs Prozent, Kenia hat ebenfalls ein kräftiges Wirtschaftswachstum. Das heißt: Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die die schwierigen Jahre überwunden haben und investieren – unter anderen in erneuerbare Energien.

Inwieweit haben Sie Verständnis, dass Leute der Weltbank vorwerfen, nicht stärker auf die Einhaltung von Menschenrechten zu pochen, wenn sie Kredite vergibt, und sich manche womöglich einen größeren Zeigefinger wünschen würden?

Verständnis habe ich dafür. Es ist schließlich auch Ausdruck dafür, dass die Welt sich interessiert und versucht, den Ärmsten, die keine Stimme haben, eine Stimme zu verleihen. Wir nehmen diese Kritik sehr ernst und haben sie immer ernst genommen. Menschenrechte sind allerdings nicht direkt unsere Aufgabe, weil wir keine politische, sondern nur eine wirtschaftliche Funktion haben – das ist auch explizit in unseren Verträgen festgehalten.

Eine Schülerin sprach in der Diskussion mit Ihnen Umsiedlungen an, die bei Weltbank-Projekten stattfanden.

Wir nehmen es sehr ernst und achten darauf, dass keine Praktiken umgesetzt werden, die den Menschen vor Ort schaden. Was aber wichtig ist zu verstehen, ist, dass wir die Projekte als Kreditgeber nicht selber umsetzen, sondern sie überwachen. Wir müssen also immer noch einen weiteren Schritt gehen, wenn wir Fehlentwicklungen und illegale Praktiken sehen.

China investiert in Afrika, daneben hat Peking die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank auf den Weg gebracht, die eine Konkurrenzrolle anstrebt. Fürchten Sie nicht, dass die Weltbank dadurch geschwächt werden könnte?

Es gibt in der Welt nicht genug Ressourcen, um die Infrastruktur zu bauen, die eigentlich in vielen Ländern benötigt werden würde, um sich zu entwickeln. Wenn es mehr Töpfe gibt, aus denen dafür Mittel bereitgestellt werden, dann ist das nur zu befürworten. Auf unserer Seite ist es so, dass Konkurrenz uns auch antreibt, schneller und besser zu sein. Zudem sollte man nicht vergessen, dass wir die Mittel für Afrika deutlich erhöht haben. Wir werden da weiterhin eine relativ große Rolle spielen. Hinzu kommt die Bündelung mit unserer internationalen Erfahrung, die so nur wir haben.

Was erwarten Sie vom G20-Gipfel?

Der Gipfel ist nur die Krönung der Arbeit, die vorher gemacht wurde. Die G20 hat eine relativ etablierte Struktur mit Arbeitsgruppen – und die haben schon viele der Dinge behandelt, die dann später im Kommunique erscheinen werden. Es geht nun eher darum, die Staats- und Regierungschefs noch einmal für Diskussionen zusammenzubringen. Es gibt eine ganze Reihe von wichtigen Arbeiten dabei, die durch die derzeitige Berichterstattung nicht viel Beachtung finden.

Sie spielen damit auf die regelmäßigen Schlagzeilen um US-Präsidenten Donald J. Trump an. Welche Themen, die bei G20 eine Rolle spielen, werden dadurch verdeckt?

Die internationale Steuerpolitik etwa, die weiter fortschreitet – die G20 spricht darüber, wie verhindert werden kann, dass Profite über Grenzen hinweg verschoben werden, um Steuern zu sparen. Wir arbeiten viel an der Einbeziehung von Menschen ins Finanzsystem, die sonst keinen Kontozugang haben. Ein drittes Thema ist das gerechte Wachstum, also ein Wachstum, das die Menschen mit einbezieht. Als Weltbank arbeiten wir da beispielsweise mit der OECD zusammen an einem Papier, das zeigen soll, welche Politikmaßnahmen notwendig sind, um Wachstum gleichmäßiger zu verteilen.

Verträgt sich das mit Herrn Trump?

Die Vereinigten Staaten sind unser größter Anteilseigner. Wir sind natürlich im Dialog mit der US-Regierung. Es gibt manches, über das die G20 bislang noch keine Einigung gefunden haben. Unsere Arbeit ist es, die technischen Argumente für die Staatsführer zu liefern. Und wir haben zum Beispiel ein Papier veröffentlicht für die G20 zum Thema Handel und Auswirkungen des Handels auf die Armut. Auf Grundlage dieser Informationen lassen sich dann in der Politik Linien finden, die von den Staaten gemeinsam weitergeführt werden.

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