zur Navigation springen

Gewinnspiel-Anrufe und mehr : Unerlaubte Werbung: Dreiste Telefon-Abzocke geht weiter

vom

Die gesetzlichen Regelungen reichen nicht aus. Fast wöchentlich wird vor neuen Anruf-Maschen gewarnt.

shz.de von
erstellt am 31.Aug.2015 | 15:50 Uhr

Samstag, 8.05 Uhr, das Telefon klingelt. „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein Auto gewonnen!“, erklärt der Gesprächspartner am anderen Ende enthusiastisch. Da bleibt nur eins: auflegen. Doch nicht immer ist auf den ersten Blick die kriminelle Absicht solcher unerlaubten Werbeanrufe („cold calls“) ersichtlich. Manche Anrufer geben sich als Anwalt oder Behördenmitarbeiter aus und die Überrumpelten merken erst, wenn von ihrem Konto Beträge für ein Gewinnspiel abgebucht werden, dass sie einem bösen Verkaufsprofi aufgesessen sind – der ihnen am Telefon höchst sensible Daten wie etwa die Kontonummer entlockt hat.

Fast wöchentlich wird vor neuen Maschen gewarnt. Erstaunlich, denn seit August 2009 gilt das Gesetz zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung. 2013 wurde es sogar verschärft und die mögliche Bußgeldhöhe von 50.000 Euro auf 300.000 Euro angehoben. Doch verbessert hat sich nichts.

Im vergangenen Jahr hat die zuständige Bundesnetzagentur 26.226 schriftliche Beschwerden von Bürgern erhalten, die ohne Einwilligung mit Werbung am Telefon belästigt worden waren. „Der Strom unerwünschter Anrufe unseriöser Firmen, die am Telefon Geldanlagen oder Versicherungen, Haushaltsgeräte oder Zeitungsabonnements anbieten, reißt nicht ab“, bestätigt Boris Wita von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

Besonders beliebt sind derzeit auch Werbeanrufe von Strom- und Gasanbietern, die mit günstigen Tarifen locken. „Sollen wir Ihnen die Unterlagen mal zuschicken?“ Wer darauf mit „ja“ antwortet, hat im schlimmsten Fall in diesem Moment schon den Stromanbieter gewechselt – ohne es zu wollen. Auch telefonische Angebote zu Nahrungsergänzungsmitteln, bei denen sich die Testlieferung als Abo-Vertrag entpuppt, sind keine Seltenheit. Jeder achte Werbeanrufer stellte sich gar als „Verbraucherzentrale“, „Verbraucherschutzverein“ oder „Verbraucherschutzstelle“ vor.

Lästige Werbeanrufe sind laut Wita gängige Praxis, obwohl Unternehmen Verbraucher nur mit deren ausdrücklicher vorheriger Zustimmung anrufen dürfen. Dies gilt auch für:

>  Telefonische Befragungen zur Kundenzufriedenheit
>  Anrufe von Meinungsforschungsinstituten
>  Anrufe zum Zwecke der Ankündigung oder der Vereinbarung von Vertreterbesuchen, die der Verkaufsförderung dienen
>  Gewinnmitteilungen mit Rückrufaufforderung unter 0900er-Nummern
>  Auch Bestandskunden eines Unternehmens dürfen nicht ohne Einwilligung zu Werbezwecken angerufen werden
>  Eine telefonische Nachfasswerbung bei gekündigten Verträgen ist unzulässig
>  Die Einwilligung in Telefonwerbung muss schon vor dem Anruf vorliegen. Die Einholung zu Beginn des Telefonats ist unzulässig.
>  Wichtig zu wissen: Gewinnspielverträge sind erst dann wirksam, wenn sie schriftlich, per Fax oder Email geschlossen werden.

Eine Umfrage der Verbraucherzentralen erfasst derzeit die Erfahrungen der Betroffenen. Die Zwischenbilanz fällt mies aus. Binnen eines viertel Jahres meldeten sich rund 2800 Verbraucher. Dabei gaben rund 84 Prozent der Befragten an, niemals oder nicht bewusst in einen Werbeanruf eingewilligt zu haben. Dennoch werden sie zu einem Großteil telefonisch belästigt. In rund 30 Prozent der Fälle wurden den Befragten im Anschluss an den Anruf eine Rechnung zugeschickt. Und das ist nach Einschätzung der Verbraucherzentralen nur die Spitze des Eisberges.

Betroffene, die sich über lästige Werbeanrufe ärgern, können auf der Homepage der Verbraucherzentrale Kiel unter vzsh.de/link1137794A.html ihre Erfahrungen mitteilen und Beschwerden melden. Mit den gesammelten Beschwerden wollen die Verbraucherschützer herausfinden, wo bestehende gesetzliche Regelungen nachgebessert werden müssen.

Ratschläge der Verbraucherschützer: Geben Sie Ihre Telefonnummer Unternehmen nur, wenn es für die Vertragsabwicklung nötig ist. Achten Sie bei Vertragsabschlüssen auf Klauseln, die die Speicherung und Nutzung Ihrer Daten zu Werbezwecken erlauben sollen, und streichen Sie diese. Solche Klauseln sind meistens mit „Datenschutz“ oder „Datenverarbeitung“ überschrieben. Sie müssen laut Gesetz besonders hervorgehoben sein. Gewinnspiele dienen vorwiegend der Datensammlung; geben Sie bei der Teilnahme Ihre Telefonnummer möglichst nicht an oder, wenn es sich um eine Pflichtangabe handelt, widersprechen Sie der Nutzung Ihrer sämtlichen Daten zu Werbezwecken. Verträge, die während eines Telefonats geschlossen wurden, können Sie in der Regel widerrufen. Die Widerrufsfrist beträgt in diesen Fällen mindestens 14 Tage. Sie beginnt mit Vertragsschluss, aber nicht bevor Sie die Ware erhalten haben und der Unternehmer Sie über das Widerrufsrecht informiert hat.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen