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Fastenzeit 2017 ab Aschermittwoch : Umweltbundesamt: Bürger sollen bis Ostern „Autofasten“

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Die Luftverschmutzung ist hoch. Klimaschützer werben daher für den Verzicht aufs Auto.

shz.de von
erstellt am 28.Feb.2017 | 12:42 Uhr

Berlin | Angesichts der hohen Luftverschmutzung appellieren das Umweltbundesamt und Klimaschützer an alle Autofahrer, während der Fastenzeit ihren Wagen bewusst stehen zu lassen. Freiwilliges „Autofasten“ von Aschermittwoch bis Ostern könne dazu motivieren, auch dauerhaft auf Bus, Bahn oder das Rad umzusteigen - der Umwelt zuliebe. Während der 40 Fastentage sollten die Bahn und regionale Verkehrsträger allen „Autofastern“ Sonderrabatte gewähren, um neue Kunden anzulocken, sagte Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt der Deutschen Presse-Agentur.

Die hohe Schadstoffbelastung hat Folgen fürs Klima - und für die Gesundheit. Jährlich sterben an den Folgen weltweit 3,3 Millionen Menschen, so die Weltgesundheitsorganisation.

Auch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) unterstützt die Aktion. Es gehe nicht darum, das Autofahren gänzlich zu verbieten. „Aber wir können unsere Perspektiven ändern, wenn wir ganz bewusst und zumindest in der Fastenzeit auf andere Verkehrsmittel umsteigen“, erklärte sie auf dpa-Anfrage.

Der Grünen-Verkehrsexperte im Bundestag, Stephan Kühn, erklärte, gegen die hohe Schadstoffbelastung in der Luft helfe vor allem, weniger Auto zu fahren. Und wer mit Bus und Bahn fahre, komme nach seiner Erfahrung entspannter zur Arbeit und brauche sich nicht durch den täglichen Stau zu quälen.

Drei von vier Haushalten hierzulande haben mindestens ein Auto. Bundesweit gibt es rund 45 Millionen Fahrzeuge. Ende Januar hatte das Umweltbundesamt mitgeteilt, dass auch 2016 die Luft in deutschen Städten zu stark mit Stickstoffdioxid belastet war. Schuld sind vor allem alte Diesel-Autos. Für Ozon und Feinstaub werden weiter die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Werte deutlich überschritten.

Was haben Messungen ergeben?

An 57 Prozent der Stationen an stark befahrenen Straßen lagen die Stickstoffdioxid-Werte im Jahresmittel über dem erlaubten Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter - nur minimal weniger als im Vorjahr. Schuld sind dem Umweltbundesamt zufolge vor allem Diesel-Autos. Die Belastung mit Feinstaub und Ozon war im vergangenen Jahr vergleichsweise moderat, das lag aber auch am Wetter.

Warum ist Stickstoffdioxid ein Problem?

Stickstoffdioxid (NO2) kann Schleimhäute angreifen, zu Atemproblemen oder Augenreizungen führen sowie Herz und Kreislauf beeinträchtigen.

Pflanzen werden von Stickstoffoxiden auch geschädigt: Die Stoffe sind giftig für Blätter und sie überdüngen und übersäuern die Böden.

Was wird gemacht, um die Belastung zu senken?

Es gibt in Deutschland 54 Umweltzonen, in 53 davon dürfen nur Autos mit „Grüner Plakette“ hineinfahren. Die Abgas-Normen für Autos in der EU werden strenger - aber nur auf dem Papier, klagen Umweltschützer, denn im Fahrbetrieb ist das Abgas oft sehr viel schmutziger als auf dem Prüfstand. Deswegen gibt es jetzt auch neue Tests für Autos auf der Straße. Außerdem setzen Städte zum Beispiel auf Tempolimits oder Durchfahrtverbote für Lastwagen. Stuttgart versucht es im Kampf gegen Feinstaub nun auch mit einer Mooswand, ein Teil davon steht schon. Moose haben sich in Versuchen als gute Feinstaubfänger und -verwerter erwiesen.

Wie sieht es aus mit Fahrverboten oder der „Blauen Plakette“?

Da kommen Verkehrsminister und Umweltministerin bisher auf keinen gemeinsamen Nenner. Barbara Hendricks (SPD) will Kommunen die Möglichkeit geben, selbst über Fahrverbote für Diesel zu entscheiden.

Aber sie müsste sich mit dem künftigen Bundesverkehrsminister einig werden, da die beiden gemeinsam zuständig sind. Die „Blaue Plakette“ für besonders saubere Autos liegt auf Eis. Auch andere Vorschläge, wie Fahrverbote für alle Diesel in einzelnen Straßen, stießen bisher auf Widerstand. Es muss abgewartet werden, was in Berlin bei den Koalitionsverhandlungen diesbezüglich herauskommt. Städte haben aber auch so die Möglichkeit, Fahrverbote zu erteilen.

Was sagt die EU dazu, dass Deutschland die Grenzwerte reißt?

Brüssel hat schon im Sommer 2015 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil die Stickstoffdioxid-Belastung in 29 Regionen zu hoch waren. Dazu gehören die meisten großen Städte, etwa Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt und Dortmund. Bisher gab es aber nur ein Mahnschreiben, keine weiteren formellen Schritte.

Haben andere Länder das Problem auch, und was tun sie?

Andere Länder haben auch damit zu kämpfen, allein in der EU haben zwölf Länder Probleme mit Grenzwerten. China schreckt die Autobranche mit einer E-Auto-Quote für Hersteller auf. Die Pariser Bürgermeisterin will Diesel-Fahrzeuge bis 2020 komplett aus der Stadt haben. Norwegen will über Steuern Diesel und auch Benzin teurer machen, um den Verkauf von E-Autos anzukurbeln. In Oslo dürfen private Diesel schon nicht mehr fahren, wenn die Luft schlecht ist.

 

Angestoßen haben das „Autofasten“ vor 20 Jahren die Kirchen. „In der Fastenzeit sind wir Christen aufgefordert, unsere Lebensgewohnheiten zu überdenken und zu überprüfen“, sagte der Umweltbeauftragte des Bistums Mainz, Franz Hock, der dpa.

Auch der Verkehrsclub ADAC hat keine grundsätzlichen Einwände. Der freiwillige Autoverzicht müsse auch nicht auf die Fastenzeit beschränkt bleiben, sagte ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Vor allem kurze Strecken ließen sich auch gut zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen. Für längere Distanzen brauche es aber konkurrenzfähige Alternativen. Er verwies auf eine ADAC-Umfrage, wonach viele Menschen bereit wären, auf Bus und Bahn umzusteigen - wenn die Fahrpreise niedriger wären, die Verbindungen schneller und zuverlässiger und das Tarifsortiment verständlicher.

Stefan Küper vom Umweltverband Germanwatch wendet ein, dass bei genauer Berechnung das Auto der eigentliche Kostentreiber sei. „Gerade bei Einbezug der Fixkosten wie Wertverlust des Wagens, Steuern, Versicherung, TÜV und so weiter fährt es sich mit Bus und Bahn in der Regel deutlich günstiger“, sagte er der dpa. Zudem gebe es vielerorts gute Carsharing-Angebote. Auch er räumt aber ein: „Natürlich gibt es aber insbesondere auf dem Land Wohnlagen, in denen es ganz ohne Auto nur schwer geht.“

Ähnlich sieht es der CDU-Verkehrsexperte Ulrich Lange. Beim Thema Autoverzicht komme es auf Realismus an. „Ich komme aus einem richtigen Flächenwahlkreis. In der Praxis stößt der Verzicht auf das Auto und der Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr für unsere Bürger und auch für mich dort auch an seine Grenzen.“ Aufregung hatte zuletzt die Landesregierung in Baden-Württemberg mit ihrer Entscheidung ausgelöst, in Stuttgart ab 2018 an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung zentrale Straßen im Talkessel für viele Diesel-Fahrzeuge zu sperren. Der Städtetag erklärte, auch andernorts werde man an Fahrverboten wohl nicht vorbeikommen.

Das Umweltbundesamt erklärte, die vielen Staus könnten ein Indiz dafür sein, dass es zu viele Autos hierzulande gibt - ebenso wie die Umweltbelastungen durch Luftschadstoffe und Lärm. Blockiert würden auch wertvolle Flächen - durch Straßen und Parkplätze. „Weniger Autos würden daher unsere Städte lebenswerter machen. Hier würde es helfen, sich Autos zu teilen“, erklärte UBA-Umweltexpertin Dziekan. Gerade bei den Jüngeren hätten Pkw-Besitz und Pkw-Nutzung in den vergangenen Jahren abgenommen. Das heiße nicht, dass sie weniger mobil sind, sondern sie seien anders mobil. „Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung anhält“, sagte sie.

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