Fifa-Funktionäre verhaftet : Uefa fordert Verschiebung der Wahlen, elf Funktionäre gesperrt

Der Fifa droht neuer Ärger.
Der Fifa droht neuer Ärger.

Der Fifa steht der nächste Skandal ins Haus. Wegen Betrug, Erpressung und Geldwäsche befinden sich sieben Männer in Abschiebehaft. Die Präsidentenwahl findet jedoch wie geplant statt

shz.de von
27. Mai 2015, 11:54 Uhr

Zürich | Zwei Tage vor den FIFA-Präsidentschaftswahlen droht der FIFA der nächste riesige Skandal. Die Schweizer Staatsanwaltschaft eröffnete am Mittwoch ein Strafverfahren rund um die Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar. Dabei wurden im Hauptquartier des Weltverbandes in Zürich elektronische Daten und Dokumente sichergestellt.

Wenige Stunden zuvor wurden sieben FIFA-Mitglieder, darunter in Jeffrey Webb auch einer der Stellvertreter von FIFA-Präsident Joseph Blatter, festgenommen. Webb führt auch den CONCACAF-Verband. „Die Verfahren und polizeilichen Maßnahmen stehen allerdings in keinem Zusammenhang.“ Am Abend teilt die FIFA mit, elf Funktionäre seien für sämtliche Fußball-Aktivitäten gesperrt, darunter auch die FIFA-Vizepräsidenten Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo. Die Wahl zum FIFA-Präsidenten soll dennoch wie geplant am Freitag stattfinden. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) fordert allerdings eine Verschiebung.

Den Männern wird von US-Ermittlern Betrug, Erpressung und Geldwäsche vorgeworfen. Laut Schweizer Behörden geht es um Bestechungszahlungen von über 100 Millionen Dollar seit den 90er Jahren. Ein Sprecher des Schweizer Bundesamts für Justiz sagte, das Geld sei von Sportmedien- und Sportvermarktungsunternehmen gekommen. Als Gegenleistung hätten sie Medien-, Sponsoring- und Vermarktungsrechte an Fußball-Turnieren in den USA und Lateinamerika erhalten. Wie das Schweizer Bundesamt für Justiz bestätigte, wurden die Verdächtigen in Auslieferungshaft genommen. Ihnen droht die Abschiebung in die USA.


Die Behörde nannte in ihrer Mitteilung die Namen der Verdächtigen, die alle in Auslieferungshaft sitzen:

Jeffrey Webb

Ist seit 2012 CONCACAF-Präsident und Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees. Inzwischen zählt er zu den Stellvertretern von Joseph Blatter. Seine Verhaftung kam überraschend, hatte er sich innerhalb der FIFA doch für ein striktes Vorgehen gegen Korruption und Missmanagement stark gemacht.

Auch hatte er sich für die Veröffentlichung des Garcia-Berichts ausgesprochen.

Eduardo Li

Der Präsident des Verbandes Costa Ricas galt als designiertes Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees. Ist ein Geschäftsmann mit chinesischen Wurzeln.

Julio Rocha

Ist als FIFA-Entwicklungsmanager tätig und war früher Präsident des Verbands Zentralamerikas und Nicaraguas.

Jack Warner

War von 1983 bis 2011 Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees und zeitweise auch FIFA-Vizepräsident.

Warner war in mehreren Korruptionsskandalen verstrickt, insbesondere auch durch seine Rolle als CONCACAF-Präsident. 2011 soll er im Vorfeld der FIFA-Präsidentschaftswahl Stimmen für Blatter-Herausforderer Mohamed bin Hammam gekauft haben. Beide wurden suspendiert. Schon bei der WM 2006 war er in Schwarzmarkt-Ticketverkäufe verstrickt.

Costas Takkas

Gilt als Vertrauter von FIFA-Vize Webb. Fungiert aktuell als Berater des CONCACAF-Präsidenten und war früher Generalsekretär des Verbandes der Kaimaninseln.

Eugenio Figueredo

Neben Webb der zweite aktuelle FIFA-Vize in der Affäre. Der Ex-Präsident des südamerikanischen Fußballverbandes CONMEBOL musste sich zuletzt in seiner Heimat vor Gericht verantworten. Eine Spielergewerkschaft hatte ihn wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten bei CONMEBOL verklagt.

Rafael Esquivel

Ist seit 1988 Präsident des Verbands Venezuelas und damit der am längsten agierende Verbandschef in Südamerika. Sitzt aktuell auch im Exekutivkomitee des CONMEBOL-Verbandes.

José Maria Marin

War bis April dieses Jahres Präsident des brasilianischen Verbandes. Medienberichte in Brasilien konfrontierten in mit Anschuldigungen wegen Korruption und angeblicher Veruntreuung öffentlicher Mittel in den 1970er und 1980er Jahren.

Die Zeitung „New York Times“ führt die vier Funktionäre ebenfalls in einer Liste von 14 Personen auf, gegen die in den USA ermittelt wird. Darunter ist auch der langjährige FIFA-Funktionär Jack Warner, der 2011 nach Korruptionsvorwürfen von seinen FIFA-Ämtern zurücktrat.

Das Schweizer Nobelhotel Bar au Lac – hier wurden die Männer am Mittwochmorgen festgenommen.
dpa
Das Schweizer Nobelhotel Bar au Lac – hier wurden die Männer am Mittwochmorgen festgenommen.


Die Polizeiaktion wurde am frühen Mittwochmorgen in Zürcher Nobelhotel Bar au Lac vorgenommen. Dort wurden sechs der Männer verhaftet. „Im Verlauf des Vormittags konnte ein weiterer gesuchter Fußballfunktionär aufgrund eines US-Verhaftsersuchen festgenommen werden“, teilte das Schweizer Bundesamt für Justiz am Mittwochmittag mit. Die FIFA hat sich in einer ersten Reaktion noch nicht zu den Vorwürfen äußern wollen. Auf Anfrage hieß es am Mittwochmorgen lediglich, dass man Kenntnis von entsprechenden Medienberichten habe.
Das internationale Medieninteresse an dem Fall ist groß.
dpa
Das internationale Medieninteresse an dem Fall ist groß.

Nach der Festnahme hat die Schweiz mehrere Konten gesperrt. Es handele sich um Bankverbindungen bei Schweizer Geldinstituten, über die mutmaßlich Bestechungsgelder geflossen sind, teilte das Bundesamt für Justiz in Bern am Mittwoch mit. Zudem sei die Beschlagnahme der Kontounterlagen angeordnet worden.

Die Festnahmen und Kontosperrungen erfolgten auf der Grundlage eines Rechtshilfeersuchens der amerikanischen Bundespolizei FBI, die gegen die Funktionäre ermittelt.

Laut „New York Times“ und „CNN“ soll FIFA-Chef Joseph Blatter nicht zu den Beschuldigten gehören. Der 79-Jährige geht als großer Favorit in die Wahl für eine fünfte Amtszeit beim FIFA-Kongress am Freitag. Einziger Gegenkandidat ist Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien, dem praktisch keine Siegchancen eingeräumt werden. Der FIFA-Kongress soll am Donnerstagnachmittag mit einer Feier in einem Zürcher Theater beginnen.

Führende europäische Fußball-Funktionäre haben das Festhalten am FIFA-Kongressprogramm in Zürich mit den Präsidentschaftswahlen am Freitag unterdessen infrage gestellt. „Es wäre das absolut falsche Signal, wenn unter dem Eindruck dieser Entwicklungen die Agenda des FIFA-Kongresses wie geplant abgearbeitet würde“, sagte der deutsche Liga-Präsident Reinhard Rauball am Mittwoch. „Man darf nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Rauball sprach von Enthüllungen, die „jedes Maß an Vorstellungskraft“ übersteigen.

Die Ereignisse seien „sehr ernst für die FIFA und ihre aktuelle Führung“ mit Präsident Joseph Blatter, meinte der Chef des englischen Verbandes FA, Greg Dyke. „Man muss sich fragen, ob die Wahl unter diesen Umständen stattfinden sollte“, meinte er und sicherte Blatters Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein noch einmal die Stimme der FA zu.

„Es ist schockierend und schädlich für den gesamten Fußball, was sich in Zürich zwei Tage vor dem FIFA-Kongress abspielt“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. „Es wäre erschütternd, wenn sich die im Raum stehenden, schweren Vorwürfe gegen Mitglieder der FIFA als richtig herausstellen.“

„Ich bin schockiert und traurig über das Bild, das der Fußball durch diese Festnahmen abgibt“, sagte der Präsident des Französischen Ligaverbandes, Frédéric Thiriez, dem Radiosender Europe 1.

„Sollten sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, würde dies die FIFA und den gesamten Weltfußball in den Grundfesten erschüttern“, meinte sein deutscher Amtskollege Rauball. Er forderte auch den umstrittenen Weltverbandschef für den Fall der Fälle zum Handeln auf: „Sepp Blatter - obgleich offensichtlich persönlich nicht betroffen - sollte dem Fußball einen großen Dienst erweisen. So kann es nicht weitergehen.“

Präsidentschaftskandidat Prinz Ali bin al-Hussein sprach nach den Festnahmen von einem „traurigen Tag für den Fußball“. Mit Verweis auf den weiteren Verlauf der Untersuchungen und Maßnahmen sei es aber nicht angemessen, „zum jetzigen Zeitpunkt darüber hinaus“ Kommentare abzugeben, hieß es in einer Mitteilung des jordanischen Verbandschefs.

Die Europäische Fußball-Union UEFA hat „erstaunt und traurig“ auf die Ermittlungen und Festnahmen im Zuge reagiert. Man warte „jetzt auf detaillierte Informationen“, teilte der Kontinentalverband am Mittwoch mit. Ein informelles Treffen des UEFA-Exekutivkomitees sollte am Nachmittag vor dem Europa-League-Finale in Warschau stattfinden. „Weitere Stellungnahmen hierzu werden zu gegebener Zeit verlautbart“, hieß es.

Auf Twitter zeigt man sich über die Festnahmen wenig überrascht. Fußball-Legende Gary Lineker hofft auf einen Neuanfang. „Das ist außergewöhnlich! Die FIFA zerbricht. Das Beste, das diesem schönen Spiel möglicherweise passieren kann.“

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="en" dir="ltr">This is extraordinary! FIFA is imploding. The best thing that could possibly happen to the beautiful game.  <a href="https://t.co/l5Hiwp0WxZ">https://t.co/l5Hiwp0WxZ</a></p>&mdash; Gary Lineker (@GaryLineker) <a href="https://twitter.com/GaryLineker/status/603485906499174400">27. Mai 2015</a></blockquote></center>

<script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>

Die Nutzer begegnen der neusten Entwicklung gewöhnt spöttisch:

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="de" dir="ltr">Die <a href="https://twitter.com/hashtag/FIFA?src=hash">#FIFA</a> Funktionäre haben sicherlich nur nach bestem Wissen und Gewissen abgerechnet.</p>&mdash; südkiez (@nordkiez) <a href="https://twitter.com/nordkiez/status/603468549802336256">27. Mai 2015</a></blockquote></center>

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="de" dir="ltr">Huch? Da versucht man einmal seinen Steuerberater ans Netz zu bekommen schon werden <a href="https://twitter.com/hashtag/Fifa?src=hash">#Fifa</a>-Funktionäre verhaftet!</p>&mdash; Paule (@EisbaerPaul) <a href="https://twitter.com/EisbaerPaul/status/603468984672002048">27. Mai 2015</a></blockquote></center>

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="de" dir="ltr">Extrablatt: Bernd das Brot wird neuer <a href="https://twitter.com/hashtag/FIFA?src=hash">#FIFA</a>-Präsident!</p>&mdash; Geheimrat Köter (@Textvergessen) <a href="https://twitter.com/Textvergessen/status/603466532446982144">27. Mai 2015</a></blockquote></center>

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="de" dir="ltr">Da hat man es sich gerade in seiner Luxus-Suite in Zürich gemütlich eingerichtet und dann stört die Polizei. <a href="https://twitter.com/hashtag/FIFA?src=hash">#FIFA</a></p>&mdash; StephanEwald (@StephanEwald) <a href="https://twitter.com/StephanEwald/status/603456946591703040">27. Mai 2015</a></blockquote></center>

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p lang="de" dir="ltr">Langsam blattert der Lack ab... <a href="https://twitter.com/hashtag/FIFA?src=hash">#FIFA</a></p>&mdash; Craggan (@Ojweh) <a href="https://twitter.com/Ojweh/status/603466702697996288">27. Mai 2015</a></blockquote></center>

In den USA laufen seit längeren Untersuchungen des FBI gegen frühere FIFA-Funktionäre. Der ehemalige US-Verbandschef Chuck Blazer und der frühere Blatter-Stellvertreter Jack Warner aus Trinidad und Tobago gehören zu Beschuldigten in diversen Korruptionsverdachtsfällen. Blazer soll zuletzt mit den US-Behörden kooperiert haben und unter anderem bei den Olympischen Spielen 2012 in London per verstecktem Mikrofon Aufzeichnungen von Funktionärsgesprächen gemacht haben.

Auch die WM-Vergabe 2022 an Katar, bei der der US-Fußballverband im Dezember 2010 überraschend dem Emirat unterlag, wird in den USA weiterhin untersucht. Die internen FIFA-Untersuchungen zu den Korruptionsvorwürfen waren im vergangenen Dezember ergebnislos eingestellt worden. Ermittler Michael Garcia aus den USA trat deswegen wenig später von seinem Posten als Chef der investigativen Einheit der FIFA-Ethikkommission zurück. Um die Veröffentlichung seines Reports wird im Weltverband weiterhin gestritten.

Zuletzt hatte Blatter Vermutungen zurückgewiesen, dass er eine Reise in die USA wegen der dort laufenden Ermittlungen seit längerem bewusst vermeide. Die Anschuldigungen richteten sich nicht gegen ihn, hatte der Schweizer Anfang des Monats betont. Die Liste der Eklats im Fußball-Weltverband unter der Führung Blatters ist aber lang. Eine Auswahl:

Die Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50 000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

Der ISL-Skandal

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL. Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

Die WM-Vergabe 2018 und 2022

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt. Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Die Präsidentschaftswahl 2011

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend. Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband - und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm.

Sein Familienunternehmen strich angeblich 900.000 Dollar Provisionen ein. Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben. 2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

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