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Gazprom-Pläne : Turkish Stream: Griechenland und Russland bauen Gaspipeline

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Moskau und Athen machen ihre Pipeline-Pläne für russische Gaslieferungen nach Südosteuropa perfekt. Auch bei der Finanzierung greift die Rohstoffmacht dem EU-Staat unter die Arme.

shz.de von
erstellt am 19.Jun.2015 | 11:57 Uhr

St. Petersburg | Griechenland und Russland wollen bereits im kommenden Jahr mit der Verlängerung der geplanten Gaspipeline Turkish Stream in dem EU-Land beginnen. Dazu hätten die beiden Regierungen in St. Petersburg eine Absichtserklärung unterzeichnet, sagte Energieminister Alexander Nowak am Freitag der Agentur Interfax zufolge. Kremlchef Wladimir Putin und der griechische Regierungschef Alexis Tsipras wollten beim Internationalen Wirtschaftsforum in der Newa-Metropole nach Kremlangaben über das gemeinsame Gasprojekt sowie die griechische Schuldenkrise sprechen.

Das Projekt Turkish Stream durch das Schwarze Meer ist ein weiterer Schritt Russlands, die Ukraine als Transitland für Gaslieferungen nach Westen zu umgehen. Der Staatsmonopolist Gazprom hatte zudem am Donnerstag mit Partnern aus Westeuropa vereinbart, die Ostsee-Pipeline Nord Stream um zwei Röhren zu erweitern und damit die Gesamtkapazität um 55 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich zu verdoppeln. Russland will von 2020 an kein Gas mehr durch die Ukraine nach Westeuropa verkaufen, weil es das Nachbarland für unzuverlässig hält. Moskau und Kiew streiten seit langem über Lieferpreise und ukrainische Schulden.

Die neue Leitung solle 2019 fertiggestellt werden, sagte Nowak. Durch die Pipeline sollen künftig jährlich bis zu 47 Milliarden Kubikmeter Gas nach Südosteuropa strömen. Die vom Staatsbankrott bedrohte Regierung in Athen verspricht sich davon Millioneneinnahmen durch Transitgebühren.

Russland ist Vizeregierungschef Arkadi Dworkowitsch zufolge grundsätzlich bereit, über Finanzhilfen für Griechenland nachzudenken. „Wir werden jede Lösung zur Beilegung der griechischen Schuldenkrise unterstützen, die Griechenland und unsere europäischen Partner vorschlagen“, sagte er dem Fernsehsender RT. Erst im April hatten die beiden Staaten die Wiederbelebung des Handels angekündigt. Gegenstand der Gespräche in Moskau waren auch mögliche Kredite. Russland schließt aber einen Kauf von Staatsanleihen aus. „Wir können Investitionen wie im Fall der Gaspipeline Turkish Stream unterstützen, aber ich denke nicht, dass wir Bonds kaufen werden“, sagte Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew am Freitag der Agentur Interfax zufolge beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Möglich seien aber etwa staatliche Bürgschaften. Ähnlich äußerte sich Finanzminister Anton Siluanow. „Falls Griechenland kommerziell interessante Projekte anbietet, werden sie geprüft“, sagte er.

Die Energieminister Russlands und Griechenlands, Nowak und Panagiotis Lafazanis, unterzeichneten das Memorandum über die Zusammenarbeit beim Bau und Betrieb der Pipeline auf dem griechischen Territorium. Dem Dokument zufolge soll dafür ein gemeinsames Unternehmen gegründet werden.

Lafazanis zufolge kostet die Pipeline voraussichtlich zwei Milliarden Euro. Griechenland erhalte von Russland einen Kredit für den Bau der neuen Leitung, kündigte Nowak an. Die staatliche Förderbank VEB beteilige sich an der Finanzierung, sagte er. VEB-Chef Wladimir Dmitrijew traf sich nach eigenen Angaben in St. Petersburg bereits mit Tsipras, um einen möglichen Einstieg Griechenlands in die Entwicklungsbank der Schwellenländer Brics zu besprechen.

Geplante Eckdaten:

Streckenverlauf Anapa (RUS) - Schwarzes Meer - Lüleburgaz (TR)
Länge 1100 Kilometer (910 Kilometer Offshore)
Investition Gazprom
Umfang Vier Röhren mit bis zu 63 Mrd. Kubikmeter Gas jährlich
Geplante Fertigstellung 2019

 

Einige Fragen und Antworten zu den Beziehungen der Länder:

Ist Russland die Rettung für Griechenland?

Die Russen haben immer betont, dass das Finanzproblem der Griechen klare EU-Angelegenheit ist. Aber sie haben angeboten, finanzielle Hilfe zu prüfen, sollte das Euroland darum bitten. Vor allem bietet Russland dem pleitebedrohten EU-Mitglied eine dauerhafte Einnahmequelle - durch den Transit von Gas Richtung Westen. Die Russen wollen mit einem Milliardenkredit helfen, die geplante Pipeline Turkish Stream auf griechischem Gebiet zu verlängern. 2019 soll das erste russische Gas fließen. Es geht um eine Jahresmenge von 47 Milliarden Kubikmeter.

Welche Interessen verfolgt Russland bei der Zusammenarbeit mit Griechenland?

Bei dem Projekt geht es in erster Linie darum, die Ukraine als bisher wichtigstes Transitland für russisches Gas in die EU zu ersetzen.

Wegen des Ukraine-Konflikts will Russland von 2020 an kein Gas mehr durch das krisengeschüttelte Nachbarland pumpen. Moskau sieht Athen aber auch als Verbündeten, um die Sanktionspolitik der EU gegen Russland in der Ukraine-Krise zu bremsen. Russland könnte künftig das wegen der EU-Sanktionen verhängte Importverbot für westliche Lebensmittel lockern - und etwa wieder griechische Pfirsiche und andere Früchte auf seinem Markt zulassen.

Welche Kontakte bestehen zwischen der Links-Rechts-Regierung und Moskau?

Viele und enge. Zahlreiche ältere Funktionäre des linken Flügels der Linkspartei Syriza waren in jungen Jahren Mitglieder der Kommunistischen Partei. Sie studierten in der damaligen Sowjetunion.

Gute Beziehungen pflegt besonders Energieminister Panagiotis Lafazanis. Einst war er einer der engsten Mitarbeiter des damaligen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE). In Athen macht seit Monaten der Witz die Runde, Lafazanis sei so moskautreu, dass er in Kremlchef Wladimir Putin den Nachfolger des kommunistischen Revolutionsführers Lenin sehe.

Griechenland ist Mitglied der Nato, auch die EU sieht die Kontakte zu Russland skeptisch - wie reagiert Athen auf solche Kritik?

Das griechische Außenministerium betont die „multidimensionale“ Ausrichtung der Politik. „Genauso wie Deutschland seine Beziehungen zu anderen Ländern ausbaut, pflegen wir auch unsere“, sagte ein hoher Diplomat kurz vor der Reise von Regierungschef Alexis Tsipras nach St. Petersburg der Deutschen Presse-Agentur. Es zeichnet sich aber kein Kurswechsel des EU-Landes ab. Griechenland ist nach Darstellungen von Diplomaten so eng mit der EU und dem Euroraum verflochten, dass eine Kursänderung Richtung Russland katastrophale Folgen für das Land haben könnte.

Wie stehen die Rechtspopulisten in der Regierung zu Moskau?

Auch die Unabhängigen Griechen (ANEL) sehen in Russland einen Verbündeten. Ihre Sympathie hat aber hauptsächlich religiöse Gründe. Die beiden Nationen verbinde der christlich-orthodoxe Glaube, betonen sie immer wieder. Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos hebt gern hervor, wie wichtig die Beziehungen zu Moskau seien und wie bedeutend der Kauf russischer Waffen für Athen sei.

Ist es das erste Mal, dass Athen mit Moskau liebäugelt?

Nein. Schon der erste sozialistische Regierungschef Andreas Papandreou traf vor 35 Jahren Absprachen mit Moskau. So durfte die sowjetische Marine zwischen Kreta und dem griechischen Festland ankern. Sowjetische Kriegsschiffe durften im Notfall zur Reparatur griechische Werften anlaufen. Griechenland hat wiederholt russische Waffen gekauft. Die wichtigste Anschaffung ist ein schweres Luftabwehrsystem vom Typ S-300. Es ist zurzeit auf Kreta stationiert.

 
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