Freihandelsabkommen : TTIP: Wenn US-Farmer auf Gentechnik verzichten

Beim Export von Weizen könnten die USA von TTIP profitieren.
Beim Export von Weizen könnten die USA von TTIP profitieren.

Kritiker fürchten US-Importe von genetisch veränderten Produkten. In Amerika sagen sich Landwirte derweil von der Gentechnik los - des Geldes wegen.

shz.de von
16. Mai 2015, 12:00 Uhr

Eingebettet in eine Berg- und Tallandschaft im Staate New York betreibt Jim Zub zusammen mit seinem Bruder den Hof West Wind in Schagticoke. Dass sie sich einst für die Agrarwirtschaft entschieden, begründet Jim Zub mit den Worten: „Kleine Jungs mögen Werkzeuge.“ Mehr als 900 Hektar bewirtschaften er und sein Bruder heute, bauen Mais und Soja-Bohnen an – und setzen dabei auf ein besonders mächtiges Werkzeug: Gen-Technik. Und mit dem Freihandelsabkommen TTIP könnten genetisch veränderte Organismen (GMO) auch in Europa Alltag werden, fürchten Kritiker.

Seit fast zwei Jahrzehnten setzen Zub und sein Bruder auf GMO. Zumindest noch. Denn Zub plant die Wende, hin zum klassischen Anbau. „Der einzige Weg zu überleben ist es, die Margen zu verbessern“, erklärt er – genetisch nicht modifizierte Lebensmittel könnten dafür die Lösung sein. Das Bewusstsein der Amerikaner für das Thema wächst. Die Nachfrage nach naturbelassenen Lebensmitteln steigt. Doch das Angebot ist rar. Nach Zahlen des US-Landwirtschaftsministeriums sind gut 93 Prozent der Soja-Produkte genetisch modifiziert und 90 Prozent der Maisernte.

Jim Zub ahnt, dass er eine Nische gefunden hat – mit dem Markt direkt vor der Haustür. Die Metropole New York ist rund 170 Meilen (273 Kilometer) von Schagticoke entfernt. Dieselbe Strecke trennt das Gebiet von Boston. Die nächste größere Stadt – gut 20 Meilen entfernt – ist Albany. Dazwischen spannt sich ein Dreieck mit 66 Millionen Verbrauchern – und einem potenziell gewaltigen Markt für gen-freie Produkte. „Wir wollen auf diesen Markt vorbereitet sein“, sagt Jim Zub. Ein Markt, der auch manchen deutschen Bauer neugierig machen dürfte. In immer mehr Bundesstaaten laufen Debatten zu Kennzeichnungspflichten der Produkten. In den USA ist dies jedem Bundesstaat selbst überlassen. 90 Prozent der Amerikaner sprechen sich Umfragen zufolge inzwischen für das Labeling aus – also die Kennzeichnungspflicht bei genetisch veränderten Produkten. Maine gehört neben Vermont und Conneticut zu jenen US-Staaten, die eine Kennzeichnungspflicht vorschreiben. In New York ist derzeit ein Gesetz in Vorbereitung. Doch TTIP könnte all dem einen Strich durch die Rechnung machen. So verweist Karen Hansen-Kuhn vom Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) darauf, dass jegliche Regelungen zur Kennzeichnung von GMO sowohl für die EU als auch die US-Staaten gelten würden. Modelle wie jene in Maine würden außer Kraft gesetzt, so die Befürchtung der Expertin. Es ist nicht ihre einzige, denn die Folgen von TTIP für den US-Agrarsektor sind unklar. „Wir haben die Situation, dass die Farmer sehr skeptisch sind“, sagt sie. Bei vielen Produkten benötigen die USA Importe – und reglementieren diese bisher massiv zugunsten der heimischen Betriebe. Dass der Weizen-Export der Staaten ansteige, könne sie sich zwar vorstellen, so Hansen-Kuhn. Profitieren würden davon aber nur die großen Farmen.

Beim Thema GMO hat die EU zuletzt darauf bestanden, dass die Einzelstaaten selbst über die Zulassung von Produkten entscheiden können sollen – selbst wenn die EU-Lebensmittelbehörde sie für unbedenklich hält. Zufrieden sind die USA damit nicht, kritisieren diese Handhabung als „unwissenschaftlich“. Zulassungen sollen schließlich, so sieht es TTIP vor, gerade „wissenschaftsbasiert“ erfolgen.

Es ist nicht der einzige Streitpunkt, über den noch verhandelt wird. Auch die in Europa üblichen geographischen Herkunftsbezeichnungen sollen erneut auf den Tisch. Die US-Agrarindustrie lehnt sie ab. Sie will ihren „Parmesan“ weiterhin in Wisconsin herstellen. Eine Kennzeichnung der US-„Imitate“ käme aus ihrer Sicht einem Verkaufsverbot gleich.

Jim Zub sieht im Handel mit Europa derzeit keine Option – weder mit TTIP noch ohne. „Wir setzen auf den lokalen Markt“, sagt er stattdessen. Der Handel mit Übersee sei ein „logistischer Albtraum“.

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