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Ex-Arcandor-Chef : Thomas Middelhoff sitzt wieder auf der Anklagebank

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Dem 64-Jährigen wird Anstiftung zur Untreue vorgeworfen. Es geht um 2,3 Millionen Euro.

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2017 | 09:37 Uhr

Essen | Thomas Middelhoff hätte sich seinen 64. Geburtstag sicher schöner vorstellen können. Doch ausgerechnet an seinem Ehrentag an diesem Donnerstag muss der frühere Topmanager noch einmal auf der Anklagebank im Essener Landgericht Platz nehmen. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Bochum: Anstiftung zur Untreue. Es geht um knapp 2,3 Millionen Euro, die der Aufsichtsrat ihm als damaligen Arcandor-Chef auf sein Drängen hin als Sonderbonus zugebilligt haben soll, als er aus der Unternehmensführung ausschied. Wenige Monate später war der Konzern pleite.

Untreue, aber auch die Anstiftung dazu, kann mit Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Mit auf der Anklagebank sitzen sechs ehemalige Aufsichtsratsmitglieder. Ihnen legt die Staatsanwaltschaft in der 633 Seiten umfassenden Anklageschrift Untreue zur Last: wegen der Erfolgsprämie für Middelhoff, aber auch wegen einer ähnlichen Zahlung an den früheren Finanzvorstand des Konzerns. Die Manager hätten keinen Anspruch auf das Geld gehabt und die Zahlungen hätten für das Unternehmen auch wirtschaftlich keinen Nutzen gebracht, meint die Staatsanwaltschaft. Unter den angeklagten Aufsichtsräten sind der ehemalige Chef des Kontrollgremiums, Friedrich Carl Janssen, und der Ehemann der Quelle-Erbin und Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz, Leo Herl.

Staatsanwältin Daniela Friese beschuldigte die Aufsichtsratsmitglieder bei der Verlesung der Anklage der Untreue. Middelhoff legte sie Anstiftung zur Untreue zur Last. Insgesamt geht es um Bonuszahlungen in Höhe von rund 3,8 Millionen Euro, die der Aufsichtsrat Ende 2008 - also nur wenige Monate vor der Pleite des Konzerns - dem scheidenden Konzernchef Middelhoff und dem ebenfalls ausscheidenden Finanzvorstand zubilligte. Der Löwenanteil des Geldes, rund 2,3 Millionen Euro ging an Middelhoff.

Die Manager hätten keinen Anspruch auf die erfolgsabhängigen  Sonderzahlungen gehabt, das sie die in ihren Verträgen vorgesehenen Ziele nicht erreicht hätten, betonte Friese. Das sei den Aufsichtratsmitgliedern auch bewusst gewesen. Auch für die Zukunft habe der Konzern keinen Nutzen durch die Zahlungen erwarten können, da beide Manager im Begriff standen, das Unternehmen zu verlassen.

Doch den Aufsichtsräten seien die wirtschaftlichen Nachteile für den ohnehin angeschlagenen Konzern gleichgültig gewesen. Ihr Ziel sei es gewesen, das Gehaltsgefüge trotz der Turbulenzen, in denen sich Arcandor befand, auf gleichmäßigem Niveau zu halten. Dabei hätten sie „Vermögensverluste großen Ausmaßes“ in Kauf genommen und damit ihre Pflichten verletzt.

Middelhoff legen die Staatsanwälte wegen seiner Mitwirkung an der Entscheidungsfindung Anstiftung zur Untreue zur Last. Middelhoffs Verteidigerin Anne Wehnert wies den Vorwurf allerdings bereits vor Prozessbeginn zurück. „Wir sind zuversichtlich, dass die Beweisaufnahme die Vorwürfe rasch widerlegen wird“, sagte sie.

Auch der Verteidiger von Friedrich Carl Janssen, Björn Gercke, ist „sicher, dass das Verfahren mit einem Freispruch endet“. Der Anwalt von Leo Herl wollte sich vor Beginn des Verfahrens nicht zu den Vorwürfen äußern.

Für Thomas Middelhoff dürfte das Gerichtsgebäude in Essen keine guten Erinnerungen wecken. Erst vor zweieinhalb Jahren wurde er dort in einem spektakulären Prozess wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt. Vor fast genau einem Jahr - am 13. Mai 2016 - trat er die Haft an. Middelhoff verbüßte die Strafe praktisch von Beginn an im offenen Vollzug und arbeitet tagsüber als Freigänger in einer Behindertenwerkstatt in Bielefeld. Aufgrund der zuvor verbüßten fünfmonatigen Untersuchungshaft könnte er in absehbarer Zeit auf Bewährung entlassen werden.

Es ist ein tiefer Fall für den früheren Topmanager. Noch vor wenigen Jahren galt der 64-Jährige als einer der einflussreichsten Firmenlenker Deutschlands. Als Bertelsmann-Chef verdiente er Milliarden für den Gütersloher Medienriesen, danach machte er als Investmentbanker viel Geld in London und übernahm schließlich die Leitung des angeschlagenen Warenhaus-Konzerns KarstadtQuelle.

Doch der Einstieg bei KarstadtQuelle - später in Arcandor umbenannt - erwies sich als Wendepunkt in Middelhoffs Karriere. Es gelang ihm nicht, eine nachhaltige Erholung des Handelsriesen zu erreichen.

Anfang 2009 warf er das Handtuch. Wenige Monate später meldete das Unternehmen Insolvenz an. Die akribische Bestandsaufnahme des Insolvenzverwalters führte dann zum ersten Strafprozess, in dem Middelhoff nicht zuletzt wegen teurer Privatflüge auf Firmenkosten verurteilt wurde.

Der Manager selbst, der einst Millionen verdiente, musste 2015 Privatinsolvenz anmelden. Über 50 Middelhoff-Gläubiger haben nach Angaben von Insolvenzverwalter Thorsten Fuest mehr als 400 Millionen Euro an Forderungen geltend gemacht. Allerdings ist ein Großteil der Forderungen umstritten. Ein Ende des Insolvenzverfahrens ist angesichts der komplexen Sachverhalte und der zuweilen verschachtelten Eigentumsstrukturen etwa bei der ehemaligen Middelhoff Villa in Saint-Tropez derzeit nicht absehbar, wie Fuest noch in dieser Woche betonte.

Insgesamt sind für den Prozess 34 Verhandlungstage vorgesehen. Mit dem Urteil ist erst kurz vor Weihnachten zu rechnen.

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