Sturmtiefs: Teures Wochenende für Stromkunden

urban keussen

Rekordwindernten „verstopfen“ Energie-Leitungen in den Süden / Verbraucher zahlt für „Umleitungen“

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14. Januar 2015, 14:11 Uhr

Die Windmüller reiben sich die Hände: Sturm und Orkantiefs, die in den vergangenen Tagen über das Land brausten, bescherten ihnen Rekordernten. Den Stromkunden hingegen wird das Lachen vergehen. Sie müssen zusätzliche Netzentgelte in Millionen-Höhe bezahlen, wie die Sprecherin des Netzbetreibers Tennet, Ulrike Hörchens, gestern bestätigte. Der Grund: Weil so viel Windstrom wie noch nie am vergangenen Wochenende in die Energieautobahnen gen Süden eingespeist wurde – 30  700 Megawatt, das entspricht der Produktion von rund 25 Atomkraftwerken – kamen die Netze an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Es gab Leitungsengpässe.

Nötig wurden deshalb umfangreiche Eingriffe in den Markt, so genannte „Redispatch-Maßnahmen“, um zu verhindern, dass Leitungen überhitzten. Die Netzbetreiber schalteten nördlich des Netzengpasses konventionelle Kraftwerke ab, und fuhren südlich davon Kraftwerke hoch. Dieser Markteingriff betraf während des Sturms Kraftwerke mit insgesamt 4800 Megawatt und sollte den „Druck“ der Nord-Südflüsse verringern. Weil die Redispatch-Kraftwerke in dieser Zeit der Verfügungsgewalt ihrer Eigentümer entzogen sind und nur zur Stabilisierung des Stromnetzes dienten, werden Entschädigungszahlungen an die Kraftwerksbetreiber fällig. Die Netzbetreiber dürfen diese Ausgaben auf die Stromrechnung der Verbraucher abwälzen. Das waren bei Tennet laut Hörchens sechs Millionen Euro. Auch der Netzbetreiber „50 Hertz“, der in Ostdeutschland und Hamburg aktiv ist, schaltete Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 6700 Megawatt ab und stellt Stromkunden dafür sieben Millionen Euro in Rechnung.

Zu allem Überfluss hat das Überangebot von Windenergie auch noch zu einem Preisverfall an der Strombörse geführt. Für eine Megawattstunde wurde am vergangenen Sturm-Sonntag im Großhandel gerade noch 1,10 Euro bezahlt – nur ein Bruchteil dessen, was Windmüller als garantierte Einspeisevergütung kassieren. Die Differenz zwischen bezahlter Einspeisevergütung und erzieltem Marktpreis können die Netzbetreiber über die EEG-Umlage ebenfalls auf die Stromkunden abwälzen.

Für Tennet-Chef Urban Keussen steht fest: „Damit steigende Strommengen aus erneuerbaren Energien störungsfrei eingespeist und transportiert werden können, ist der Ausbau des Stromnetzes in Deutschland unverzichtbar.“ Eine Botschaft, die vor allem an die Bayern gerichtet ist. Die dortige Staatsregierung hat aufgrund von Bürgerprotesten ein Moratorium gegen den Bau neuer Stromtrassen erlassen.

Genauso wichtig wie neue Leitungen ist nach Ansicht von Experten aber auch ein Fortschritt in der Speichertechnologie. „Solange Strom nicht in großen Mengen gespeichert werden kann, werden konventionelle Kraftwerke gebraucht“, betont in dieser Woche die Chefin des Energieverbandes BDEW, Hildegard Müller. Die Zahlenbeispiele, die sie nennt, sprechen für sich: Am 2. Dezember um 19 Uhr – also zu einem Zeitpunkt mit hohem Verbrauch – haben Windräder nur zwei Prozent des Strombedarfs in der Bundesrepublik gedeckt. Am 24. Dezember jedoch blies der Wind so stark, dass er 65 Prozent des Energiebedarfs deckte – allerdings morgens um drei Uhr, als alle schliefen und Herd, Spülmaschine, Computer und Fernseher (hoffentlich) ausgeschaltet waren.

Wegen dieses volatilen Angebots könne man auf Kraftwerke nicht verzichten, so Müller. Tatsache sei jedoch, dass sie sich nicht mehr rechnen, weil Ökostrom Vorrang hat und Gas- und Kohlestrom nur noch als Notnagel für windschwache Tage gefragt ist. Für 48 Kraftwerke ist deshalb bereits der Antrag auf Stilllegung gestellt worden. Beruhigend für den Norden: Aus Schleswig-Holstein ist kein Antrag dabei. Nur das AKW Brockdorf geht 2021 wegen des Atomausstieges vom Netz. Mit Unverständnis reagierte Müller übrigens auf das Schweigen der norddeutschen Ministerpräsidenten angesichts der bayrischen Blockadehaltung beim Netzausbau. Ohne neue Leitungen gen Süden müsse der Ausbau der Windenergie im Norden gestoppt werden, erklärte sie.

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