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„Spaß macht das im Moment nicht“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker über die Krise des Automobilclubs und seine Rolle bei der Aufarbeitung der vielen Affären

Der ADAC sucht weiter nach einem Ausweg aus der Krise. Morgen treffen sich die Delegierten des Automobilclubs in Saarbrücken zur Hauptversammlung. ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker (61) versichert seinen unbedingten Willen zu mehr Transparenz. Mit dem Schleswiger Rechtsanwalt, der bereits seit Mittwoch zu den Gremiensitzungen in Saarbrücken weilt, sprach unser Redaktionsmitglied Alf Clasen.

Herr Becker, erst Manipulationen beim Autopreis „Gelber Engel“ und umstrittene Hubschrauberflüge, dann Berichte über dubiose Vergütungsmodelle für Pannenhelfer und ein Milliardenvermögen, das der ADAC hortet: Ihr Club kommt nicht aus den Negativschlagzeilen. Das dürfte eine ungemütliche Hauptversammlung werden, oder?

Die Hauptversammlung steht unter dem Motto „Reform für Vertrauen“. Das heißt, wir gucken uns all die Punkte an, die Sie aufgezeigt haben. Wir schauen, wie wir den Verein so aufstellen können, dass all das, was in die Öffentlichkeit gebracht worden ist, zukünftig abgestellt wird und wir uns wieder ausschließlich an den Mitgliederwünschen orientieren. Es gilt der Spruch: Rat, Hilfe, Schutz. Darauf müssen wir uns rückbesinnen.

Sind schon Beschlüsse zu erwarten?

Es ist zunächst ein Diskussionsprozess. Wir werden aber die Leitlinien festlegen.

Ein Streitpunkt ist der Vereinsstatus des ADAC. Ist es legitim, dass ein Großkonzern, der Milliardenumsätze generiert, unter dem Deckmantel des Vereinsrechts auftritt?

Da unterstellen Sie etwas. Wir haben einen Kernverein, und wir haben gesellschaftliche Töchter. Es ist nicht so, dass der Verein für den Wirtschaftsbetrieb zuständig ist. Sondern es gibt Versicherungsgesellschaften – zum Beispiel eine Schutzbrief AG –, die Leistungen für die Mitglieder des ADAC anbieten.

Also ist die vorhandene Organisationsstruktur in Ordnung?

Es ist nicht alles in Ordnung. Aber: Um Rat, Schutz und Hilfe zu gewähren, haben wir Gesellschaften gegründet, die das gewährleisten sollen. Denken Sie zum Beispiel an die Flugrettung. Die Flugrettung ist eine Gesellschaft, die von wirtschaftlich arbeitenden Töchtern unterstützt wird, weil sie nicht kostendeckend sein kann. Wenn Sie so wollen, subventionieren die wirtschaftlichen Töchter zum Teil ideelle Zwecke.

Und da sehen Sie keinerlei Interessenskonflikte?

In diesem Bereich nicht. Über andere Interessenskonflikte muss man reden.

Zum Beispiel?

Denken Sie an die Kindersicherheitstests. Die machen wir seit Jahren. Uns wird aber vorgehalten, dass wir gleichzeitig Kindersitze in unseren Geschäftsstellen verkaufen. Das wird natürlich eingestellt.

Wie konnte es dazu kommen? Ist der Verein zu groß geworden und so nicht mehr zu kontrollieren?

Es hat wie in vielen anderen Vereinen oder Verbänden eine Entwicklung genommen. Man hat sich nicht mehr seines Selbstverständnisses besonnen: Woher kommt man? Wohin will man gehen? Durch die Manipulationen, die Herr Ramstetter (der ehemalige ADAC-Kommunikationsleiter; Anm. d. Red.) beim „Gelben Engel“ gemacht hat, ist all das zu Recht aufgeflogen. Und jetzt stellen wir uns die Frage, wo die Interessenskonflikte liegen. Die wirtschaftlichen Töchter müssen zukünftig wieder stärker dem Verein und damit den Mitgliedern dienen und dürfen nicht Selbstzweck sein.

Haben Sie schon einen Überblick darüber, was noch alles im Argen liegt?

Ich weiß nicht, ob da noch was ist. Ich kann es nicht ausschließen. Wenn ich wüsste, wo noch Schwachpunkte sind, dann würde ich die öffentlich machen und beseitigen. Allerdings werden auch Meldungen platziert, die nicht richtig sind. „Monitor“ hat zum Beispiel vor Kurzem berichtet, dass Callcenter-Mitarbeiter pro neu gewonnenem Mitglied 2000 Euro bekommen. Das stimmt einfach nicht.

Wie nehmen Sie als ADAC-Funktionär hier vor Ort die Gemütslage der Mitglieder wahr?

Wir haben immer noch ein sehr gutes Feedback. Ich bin gebeten worden, dafür zu sorgen, dass wir den Reformprozess auf die Reihe kriegen. Das ist auch der Grund, warum ich noch mitmache. Als Teil des Präsidiums stehe ich mit in der Verantwortung für die schwierige Situation, die wir haben.

Haben Sie sich persönlich etwas vorzuwerfen?

Nein.

Man hatte Ihnen ja auch Interessensverquickung vorgehalten, weil Sie auch als ADAC-Vertragsanwalt tätig sind.

Ich bin 1981 Vertragsanwalt geworden und bin 1989 in den Vorstand gekommen. Es ist berufsrechtlich völlig zulässig. In anderen Verbänden sitzen auch Anwälte im Vorstand und beraten in ihren Praxen ihre Mitglieder.

Ihre Posten als Vizepräsident und Vorsitzender des ADAC Schleswig-Holstein sind ehrenamtlich. Bringt Ihnen das in Zeiten wie diesen überhaupt noch Spaß?

Ich sehe mich in der Verantwortung, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Damit wir die Leistungen des ADAC nach wie vor anbieten können. Spaß macht das im Moment aber nicht.

Es wird ein neuer Präsident gesucht. Der kommissarische Präsident August Markl hat angekündigt, nicht für den Posten zu kandidieren. Gibt es inzwischen andere Bewerber?

Zur Zeit noch nicht. Wir werden vermutlich erst im Mai nächsten Jahres einen neuen Präsidenten wählen. Vorher werden wir im November/Dezember eine außerordentliche Mitgliederversammlung abhalten. Da hoffen wir, dass wir so weit sind, dass die steuerrechtlichen Rahmenbedingungen stehen.

Könnten Sie sich vorstellen, den Vorsitz zu übernehmen?

Mit Sicherheit nicht. Ich habe mich als Präsidialmitglied und in der Sonderfunktion Vizepräsident Verkehr sehr wohlgefühlt und das Amt mit Leidenschaft ausgefüllt. Mir hat das wirklich Spaß gemacht.

Vizepräsident wollen Sie also bleiben?

Bis zum Mai nächsten Jahres bin ich gewählt. Bis dahin würde ich gerne weitermachen. Was ich dann mache, weiß ich noch nicht. Ich werde jedoch bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung die Vertrauensfrage stellen. Aber nur dann, wenn ich merke, dass der Reformprozess läuft. Andernfalls würde ich von mir aus sagen: Dann kann ich nicht mehr mitwirken.

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erstellt am 08.Mai.2014 | 13:34 Uhr

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