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So kommt die Nord-Industrie in Fahrt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Studie mahnt die fünf Nordländer zu einer engeren industriepolitischen Zusammenarbeit für eine wirtschaftlich unterschätzte Region

Die norddeutschen Länder müssen in der Industriepolitik sehr viel enger zusammenrücken. Das ist die zentrale Schlussfolgerung einer umfangreichen Studie im Auftrag der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung, die gestern in Hamburg vorgestellt und diskutiert wurde. Auf der DGB-Tagung mahnte Studienleiter Peter Wilke die Vertreter von Politik, Unternehmen, Gewerkschaften und Wissenschaft aus den fünf Küstenländern: „Angesichts der Konkurrenz in der globalen Wirtschaft steht der Norden unter dem Druck, in industriepolitischen Fragen zusammenzuarbeiten.“ Um das vorhandene Potenzial auszuschöpfen, müssten Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern ihre politische Kooperation „verfestigen und verbindlicher machen“. Die Region sei als Industriestandort lange unterschätzt worden, so Wilke. Um das zu ändern, brauche es ein „gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Rahmen, ja vielleicht eine gemeinsame Vision“.

Konkret spricht sich die Studie, die unter Beteiligung mehrerer Gewerkschaften entstand, für einen abgestimmten Maßnahmenplan der Länder aus. Die Autoren regen an, federführende Länder für einzelne Branchen zu benennen. Ferner solle es eine gemeinsame Förderung von Pilotprojekten geben, etwa bei der Entwicklung der Wasserstoff-Technologie an der Unterelbe. Für die drei regionalen Zentren der Luft- und Raumfahrt (Hamburg, Bremen, Stade) bringt die Studie eine Zusammenfassung unter einem Dach ins Gespräch. Engere Kooperationen seien auch bei Forschung und Wissenschaft sowie bei der Qualifizierung von Arbeitskräften geboten. Bei alledem, so Wilke, solle eine nachhaltige, umweltfreundliche und energieeffiziente Weiterentwicklung industrieller Produktion im Vordergrund stehen.

In den fünf norddeutschen Bundesländern sind direkt mehr als 900 000 Menschen in der Industrie beschäftigt; dazu sind allein in den angegliederten Dienstleistungsbranchen Häfen und Logistik etwa 450 000 Menschen tätig. Besonders große Industriebranchen sind die Automobil- und die Ernährungsindustrie mit jeweils mehr als 140 000 Beschäftigten sowie die Chemie mit 110 000. Wesentlich sind auch die Luftfahrtindustrie mit 37 000 Beschäftigten und die Windenergie mit 50 000 Mitarbeitern. Die frühere Schlüsselbranche Schiffbau beschäftigt dagegen nur noch gut 15 000 Mitarbeiter. Die Analyse lotet für sieben bedeutende Branchen Entwicklungsperspektiven aus. Als Hoffnungsträger identifizieren die Autoren Luft- und Raumfahrt, Autobau, Offshore-Energie, Ernährung sowie Kunststoffverarbeitung.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) verwies auf die aktuelle Chance einer Reindustrialisierung an der Küste durch die Offshore-Windenergie. Zugleich forderte er eine gesellschaftliche Akzeptanz für die nötige Infrastruktur, etwa neue Stromtrassen und Straßen. Scholz: „Eine entsprechende Mentalität ist Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung im Norden.“

Der Vorsitzende des Hamburger Industrieverbandes, Michael Westhagemann, zeigte sich zuversichtlich: „Norddeutschland bietet sich eine Riesen-Perspektive durch die Energiewende.“ Auch er rief die Politik zum Schulterschluss auf.

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) räumte diesbezüglich „Nachholbedarf“ ein und verwies auf die Vorbilder von Gewerkschaften und Unternehmensverbänden, die längst überregional organisiert sind. DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn warnte dennoch davor, ein heißes Eisen neu anzupacken: „Die Diskussion über einen Nordstaat führt in die falsche Richtung.“ Dessen Umsetzung sei unrealistisch, es gelte deshalb, Zusammenarbeit unterhalb staatlicher Fusionen zu forcieren. Die Gewerkschaften seien offen für den Dialog mit Wirtschaft und Politik, aber, so Polkaehn: „Die Weiterentwicklung der Industrie müssen wir mit Nachhaltigkeit, guten Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen verzahnen.“

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erstellt am 30.Okt.2014 | 12:29 Uhr

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