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Überraschung im Tourismus : So erfolgreich sind Kleinstvermieter in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Drittel mehr Übernachtungen: Tourismusforscher entdecken außerhalb der offiziellen Statistik erfreuliche Zahlen.

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2015 | 15:03 Uhr

Kiel | In keinem anderen Bundesland spielen Kleinstvermieter von Ferienwohnungen und Ferienhäusern eine so große Rolle für den Tourismus wie in Schleswig-Holstein. 26,9 Prozent aller Übernachtungen im nördlichsten Bundesland entfallen auf dieses Segment mit höchstens zehn Betten pro Anbieter. Bundesweit sind es nur 14,4 Prozent. Das geht aus der Länder-Auswertung der Studie „Wirtschaftsfaktor Ferienhausmarkt in Deutschland“ hervor, die das Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut für Fremdenverkehr (dwif) in Berlin im Auftrag des Buchungsportals „Fewo direkt“ erstellt hat.

Damit kommt gehörig mehr Licht in den wenig erforschten grauen Beherbergungsmarkt. Er bleibt in den Monat für Monat veröffentlichten Zahlen der Statistikämter unberücksichtigt, weil diese erst Unterkünfte mit über zehn Betten erfassen.

Das dwif hat aus 85 Urlaubsorten Schleswig-Holsteins die Gastgeberverzeichnisse und die Angebote der wichtigsten Online-Portale wie „bestfewo“, „traum-ferienwohnungen“, „e-domizil“ und „fewo-direkt“ ausgewertet. Hochgerechnet aufs ganze Bundesland, kommen die Forscher auf 93.800 Betten auf dem privaten Ferienhaus- und -wohnungsmarkt. Definiert ist er mit jeweils höchstens zehn Betten pro Vermieter. Allein diese Unterkünfte sorgten nach Berechnungen der dwif-Experten 2014 in Schleswig-Holstein für 9,68 Millionen Übernachtungen. Das ist fast ein Drittel mehr als im gewerblichen Segment der Ferienhäuser und -wohnungen mit über zehn Betten: Dort kamen 6,42 Millionen Übernachtungen zusammen.

Mit den bisher statistisch unsichtbaren 9,69 Millionen Übernachtungen bei den Kleinsten wächst das tatsächliche Volumen der Übernachtungen im Jahr 2014 um 36,7 Prozent. Dieser Schluck aus der Pulle kommt auf die 26,3 Millionen obendrauf, die das Statistikamt im Segment über zehn Betten für sämtliche Unterkunftsformen im Land ausweist.

Für die errechnete Nachfrage auf dem grauen Beherbergungsmarkt hat das dwif eine Kombination aus der amtlichen Übernachtungsstatistik und Erfahrungswerten – vor allem aus früheren punktuellen Analysen des Kleinstanbietermarkts in Einzelregionen – angewandt.

Bei den Küstenland-Konkurrenten Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen erreicht der Marktanteil des privaten Ferienhaus- und Ferienwohnungssegments jeweils nur 21 Prozent. Das große Volumen der privaten Kleinstvermieter sorgt für eine führende Position Schleswig-Holsteins auch beim Bruttoumsatz: 719,2 Millionen Euro kommen allein durch Gäste des privaten Ferienhausmarktes zusammen – wenn man zu den Ausgaben für die Unterkunft auch solche für Gastronomie, Einkäufe und Freizeitaktivitäten hinzuzählt. Allerdings reicht dies nur für Platz 2 unter den Flächenländern. Bayern animiert die Urlauber deutlich stärker zum Geldausgeben: Dort beträgt der Umsatz 1,176 Milliarden Euro.

„Die dwif-Studie untermauert die enorme Bedeutung, die auch der Nebenerwerb für das Urlaubsland Schleswig-Holstein hat“, sagt die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Schleswig-Holstein, Catrin Homp. Damit sei der Fremdenverkehr im Norden groß geworden. Zugleich besitze der „atomisierte Markt“ gehörige Schwächen: „Vertrieb, Marketing und Qualität sind schwieriger zu wuppen als in größeren Einheiten“, erklärt Homp. „Das stellt Schleswig-Holstein vor besondere Herausforderungen.“ Zumal bei vielen, oft in den 70er-Jahren gestarteten Kleinstanbietern ein Generationswechsel anstehe. Es sei unklar, inwieweit sich überhaupt Nachfolger finden.

Das Tourismusbarometer, das dwif und Tourismusverband alljährlich mit Hilfe des Sparkassen- und Giroverbands initiieren, werde 2016 speziell die Wettbewerbsfähigkeit der Kleinstvermieter zum Thema machen.

Auch wenn man die Ausgaben pro Kopf betrachtet, hat der Norden laut dwif-Analyse noch deutlich Luft nach oben: Gerade mal 74,30 Euro lässt ein Gast des privaten Ferienhausmarkts pro Tag in Schleswig-Holstein. Der bundesweite Mittelwert liegt bei 78,80 Euro. Spitzenreiter ist Baden-Württemberg mit 83,70 Euro; Niedersachsen schafft 79,80 und Mecklenburg-Vorpommern 76,20 Euro.

Schleswig-Holstein schneide unter anderem deswegen niedriger ab, weil im Land besonders oft Familien Urlaub machen und die Quartiere deshalb mit mehr Personen belegt seien als anderswo, erklärt Studien-Mitautorin Anja Schröder. „Dadurch sinken natürlich die Ausgaben für die Unterkunft pro Person, was sich in niedrigeren Gesamtausgaben niederschlägt“, so die dwif-Expertin.

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