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Falschgeld und das Bargeldloses Zahlen : „Sicherheit ist ein leeres Versprechen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Falsche Geldscheine aus dem Internet sorgen für Probleme. Die Währungshüter stehen vor immer neuen Herausforderungen.

shz.de von
erstellt am 23.Jan.2016 | 13:51 Uhr

Auf den ersten Blick sieht die 5-Euro-Note echt aus. Doch ihre Rückseite ist falsch herum bedruckt. Ähnlich ist es bei zwei 50-Euro-Scheinen. Das glitzernde Hologramm auf der Vorderseite ist täuschend echt. Doch in einem Fall ist es nachträglich aufgeklebt worden, der Schein ist einer von 46.567 „falschen Fuffzigern“, die im vergangenen Jahr in Deutschland aus dem Verkehr gezogen wurden. „Fast jeder fünfte falsche Fünfziger ist mit diesem imitierten Hologramm versehen, das über das Internet vertrieben wird“, erklärt Rainer Elm, Leiter des Nationalen Analysezentrums der Bundesbank. Mit ein paar Klicks kann sich jeder solche nachgemachten Sicherheitsmerkmale in dunklen Kanälen des Internets auf chinesischen Handelsplattformen besorgen und mit den Hologramm-Stickern billige Farbkopien zu vermeintlich echten Geldscheinen veredeln. „Das Hologramm hat in seinem Fälschungsschutz gelitten“, konstatiert Elm.

Mancher Kriminelle bestellt sich online auch gleich ganze Blüten-Bündel. Bei einer Razzia durchsuchten Ermittler in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen zahlreiche Wohnungen nach 20- und 50-Euro-Fälschungen. Das Bundeskriminalamt (BKA) stellte fest: Die in Italien gedruckten Scheine seien „von guter Qualität und im üblichen Bargeldverkehr nur schwer als Blüten zu erkennen“.

Der schwunghafte Handel über das Internet stellt Währungshüter vor neue Herausforderungen. „Die Basis derer, die Falschgeld verbreiten, hat sich dadurch immens vergrößert“, sagt Elm. „Vorher hatten wir es vor allem mit bandenmäßigen Strukturen zu tun. Heute kann im Grunde jeder Falschgeld in Umlauf bringen.“ Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele warnt: „Geldfälschen und Falschgeld in Umlauf bringen ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein hochbestrafter Straftatbestand.“ Die jüngsten Zahlen sprechen für sich: Nie seit Einführung des Euros 2002 wurden in Deutschland so viele Blüten entdeckt wie 2015, insgesamt 95.357. Der Schaden schnellte auf 4,4 Millionen Euro – die dritthöchste Summe seit 2002.

Auch weltweit gab es einen Negativrekord: 899.000 gefälschte Scheine zählte die Europäische Zentralbank (EZB) 2015. Das waren gut 60.000 mehr als ein Jahr zuvor und fast 40.000 mehr als beim bisherigen Höchststand 2009 (860.000). Gesamtschaden: Gut 39 Millionen Euro.

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Foto: dpa
 

Meist bleibt der Handel auf dem Schaden sitzen, wenn Verkäufer den Schwindel übersehen und der Betrug erst beim Einzahlen des Geldes bei der Bank auffällt. Für Falschgeld gibt es keinen Ersatz. Nur 10 bis 15 Prozent der Fälschungen fallen an den Ladenkassen auf. „Gastronomie und Einzelhandel sind die besten Absatzmärkte für Geldfälscher“, sagt Elm. „Das Personal sollte Schulungsangebote der Bundesbank stärker nutzen.“ Denn die meisten Fälschungen seien leicht zu erkennen. Dennoch gelingt es Fälschern und Trickbetrügern immer wieder, auch plumpe Fälschungen unters Volk zu bringen: Etwa einen 300-Euro-Schein, den es in echt gar nicht gibt, weil ein Mann einem Passanten gutgläubig einen gerollten Hunderter in zwei Fünfziger tauschte, der sich beim Entrollen als 300er-Blüte herausstellte.

Carl-Ludwig Thiele mit einem der neuen 20-Euro-Scheine.

Carl-Ludwig Thiele mit einem der neuen 20-Euro-Scheine.

Foto: Frank Rumpenhorst
 

Im Wettlauf um sicheres Bargeld haben Europas Währungshüter vorgelegt. Der neue Zwanziger hat ein kleines „Porträtfenster“, das durchsichtig wird, wenn man den Schein gegen das Licht hält. Das gab es bei einer Banknote auf Papierbasis noch nie. „Erste Fälschungen des neuen Zwanzigers sind in Spanien aufgetaucht, aber alles einfache Farbkopien“, schildert Elm. „Wir sind realistisch: Irgendwann wird einer versuchen, das Porträtfenster zu fälschen und es auch in geringer Stückzahl einigermaßen hinkriegen.“ Der Wettlauf zwischen Währungshütern und Geldfälschern geht weiter.


Sicherheit ist ein leeres Versprechen

Warum bargeldloses Zahlen nicht wirklich gegen Betrüger hilft – ein Kommentar von Frank Albrecht

Es geht mal wieder um’s Geld. Um Bargeld genauer gesagt. Während in nahezu ganz Europa die Debatte um die Abschaffung der Scheine und Münzen entbrannt ist – erst jüngst befeuert durch erneute Forderungen auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos – sind die Geldfälscher so aktiv wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr wurden von den Behörden  Euro-Blüten  in Rekordhöhe einkassiert.

Müssen wir uns jetzt Sorgen machen? Müssen wir an der Tankstelle, im Kino, im Restaurant unser Wechselgeld mit der Lupe oder einem Geldschein-Scanner in der Hand entgegen nehmen? Sicher nicht, statistisch braucht es 833 Jahre, um einmal mit Falschgeld in Berührung zu kommen. Aber wir sollten wachsam sein. Das Attribut „fälschungssicher“ war eines der Werbeargumente bei Einführung des Euro im Jahr 2002. Angesichts der Blütenproduktion auf Rekordhöhe war das wohl eher eine dreiste Werbelüge. Oder die legalen Euro-Drucker waren einfach zu blauäugig und haben die kriminelle Energie und die Fähigkeiten der Fälscher unterschätzt.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil auch die Bargeld-Abschaffer-Fraktion gerne zum  Argument „Sicherheit“ greift. Den Beweis dafür aber muss sie erst erbringen. Grundsätzlich gilt nach wie vor: Jedes System der elektronisch-digitalen Verschlüsselung kann auch auf diesem Weg geknackt werden. Es ist halt nur die Frage, ob sich Zeit und Aufwand für die Codeknacker lohnen. Dann ist auch die bargeldlose Zahlung nicht „fälschungssicher“.

Vom Datenschutz ganz zu schweigen. Wer mag schon eine autobahnbreite Digitalspur seines Konsumverhaltens quer durch die vernetzte Welt ziehen? Lars P. Feld, Professor für Wirtschaftspolitik und einer der fünf Wirtschaftsweisen, hat einmal gesagt: „Bargeld ist geprägte Freiheit.“ Die Freiheit, immer und überall bezahlen zu können, ohne dabei digitale Spuren zu hinterlassen. Bargeld ermögliche es den Bürgern, sich dem Zugriff des Staates zu entziehen, so der Professor.

Und noch etwas ist an der Diskussion um Blüten und elektronisches Bezahlen bemerkenswert. Denn ob mit oder ohne Bargeld: Die Verantwortung für die Sicherheit des Zahlungsverkehrs wird zunehmend auf den Handel und die Verbraucher abgewälzt. Also: Wachsam sein!

 

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