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Tierschutzrechtverstoss : Schweinehaltung: Vorwürfe gegen Zulieferer von „Gutfleisch“

vom

Erschreckende Bilder aus fünf schleswig-holsteinischen Betrieben: Eine Tierschutzorganisation stellte dort grobe Mängel in der Schweinehaltung fest. Die Betriebe sollen Lieferanten von Edeka sein.

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2014 | 19:04 Uhr

Es sind schwere Vorwürfe, und sie treffen die Verbraucher ins Mark: In fünf Schweinemast-Betrieben, deren Fleisch unter der Marke „Gutfleisch“ in Edeka-Supermärkten verkauft wird, sollen teilweise unhaltbare Zustände herrschen. Das berichtet der NDR.

Im „Schleswig-Holstein-Magazin“ zeigte das NDR Fernsehen Bilder, die Tierschützer des Vereins „Animal Equality“ nach eigenen Angaben in den Ställen der fünf Betriebe gedreht haben. Gezeigt wurden unter anderem Schweine in viel zu engen Kästen, in denen sich die Tiere nicht umdrehen können, eine offenbar seit mehreren Tagen tot in einem Stall liegende Sau und Ferkel, die ein schwächeres Tier attackieren. Zudem sind die gezeigten hygienischen Zustände erschreckend. Und das ausgerechnet in Betrieben, die am regionalen „Gutfleisch“-Programm von Edeka teilnehmen, nach dessen Richtlinien bei Haltung, Transport und Schlachtung besonders auf den Tierschutz wert gelegt wird. Doch ob Tierwohl-Programm oder nicht, „die gezeigten Zustände entsprechen nicht dem Ausbildungs- und Beratungsstand der Landwirtschaftskammer“, sagte gestern deren Sprecherin Isa-Maria Kuhn.

Edeka Nord in Neumünster nimmt die Vorwürfe „sehr ernst“, teilt das Unternehmen in einem Schreiben mit. Es „distanziert sich ausdrücklich von den gezeigten Bildern und betont, dass die gezeigten Aufnahmen nicht den ‚Gutfleisch‘-Richtlinien entsprechen“, heißt es weiter in der Erklärung. Sobald die Betriebe identifiziert seien, werde Edeka Konsequenzen ziehen. Laut Edeka werden Betriebe, die wissentlich Vereinbarungen verletzen, aus der Belieferung ausgeschlossen. Allerdings weiß das Unternehmen bislang noch nicht, auf welchen Betrieben die Aufnahmen entstanden sind – und „Animal Equality“ will deren Namen und Standorte auch zunächst nicht herausrücken. „Das dient dem Schutz unserer Filmteams vor Ort“, sagte Vereinssprecher Hendrik Haßel unserer Zeitung. Der Verein wolle zunächst die Entwicklung der kommenden Tage abwarten und in Kontakt mit Edeka treten.

Nur so viel verrät Haßel: Die Filmteams haben im März und Juni in fünf Mastbetrieben gefilmt – „nur bei solchen, bei denen die Türen offenstanden“. Die Besitzer wussten freilich nicht, dass bei ihnen gefilmt wird. Den bei Verstößen gegen das Tierschutzgesetz üblichen Weg über die Kreisveterinärämter lehnt „Animal Equality“ ab. Haßel: „Es passiert nach unseren Erfahrungen in der Regel zu wenig.“

So wurde auch das Landwirtschaftsministerium in Kiel von den Berichten überrascht. „Das Ministerium geht den Vorwürfen nach, um sie im Gesamtzusammenhang zu bewerten“, sagte Nicola Kabel, Sprecherin von Robert Habeck (Grüne). Das gehe aber nur, wenn die Namen der in Rede stehenden Betriebe vorlägen. Nur dann könne das Ministerium als Fachaufsicht Kontrollen durch die zuständigen Kreisveterinärbehörden veranlassen.

Verbraucher- und Tierschützer zeigten sich gestern entsetzt über die im Bericht gezeigten Zustände. „Das ist ein Horror-Szenario“, sagte Ina Walenda, Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) unserer Zeitung. Schließlich gehe es nicht um die immer wieder angeprangerten Massentierhaltungen, „sondern um Betriebe, die sich mit Teilnahme am ,Gutfleisch‘-Programm verpflichtet haben, mehr für die Tiere zu machen“, sagte Walenda. Jetzt seien besonders die Verbraucher verunsichert, denen Öko-Produkte zu teuer sind, denen aber an artgerechter Tierhaltung gelegen ist. „Man kann nur hoffen, dass sie jetzt nicht abknicken“ – will heißen: wieder auf industrielle Massenware umschwenken. Denn das betont Walenda: „Wir halten Programme wie ‚Gutfleisch‘ für eine gute Sache, einen Kompromiss zum Wohl der Tiere.“ Jetzt müsse Edeka mit schonungsloser Aufklärung und guter Öffentlichkeitsarbeit das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen.

Sowohl Edeka als auch die Landwirtschaftskammer legen Wert auf die Feststellung, dass es sich um Einzelfälle handeln muss. Im Gros der Betriebe herrschten andere Zustände, sagte Kammer-Sprecherin Isa-Maria Kuhn. Schließlich seien gesunde Tiere die Geschäftsgrundlage der Landwirte. „Nutztiere sind Partner und keine auszubeutenden Kreaturen“, so Kuhn. Seine Richtlinien will Edeka weiterhin genau kontrollieren, ließ das Unternehmen gestern wissen. Das Programm lebe jedoch auch von gegenseitigem Vertrauen.

Edeka war erst Mitte der Woche kritisiert worden, weil die Herkunft von Rindfleisch in getesteten Filialen nicht transparent ausgezeichnet war: Steak aus Uruguay war unter der „Gutfleisch“-Marke verkauft worden. Auch hier geht Edeka von Einzelfällen aus.

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