zur Navigation springen

Ratenkauf – die tickende Zeitbombe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jeder dritte Haushalt zahlt einen Ratenkredit ab / Inkasso-Bundesverband klagt über sinkende Zahlungsmoral / Jeder Zehnte ist überschuldet

Der neue Flachfernseher, die Leasingrate für das Auto und der Kredit für das Ledersofa – immer häufiger wachsen den Bundesbürgern die Kosten über den Kopf. Drei von vier Deutschen halten ihr Einkommen für zu gering, um alle laufende Ausgaben zu decken oder sich Wünsche zu erfüllen, ergab jetzt eine Umfrage der comdirect-Bank. Ein Drittel verzichtet auf Urlaub, fast genauso viele verkaufen Dinge, die sie nicht mehr brauchen oder suchen sich einen Zweitjob. Immerhin jeder Achte hofft auf einen Gewinn beim Glücksspiel.

Weil man laut Wahrscheinlichkeitsrechnung bekanntlich lange auf solch einen Gewinn warten kann, sind viele Bundesbürger überschuldet. Sie bewegen sich nach Einschätzung der Inkassobranche – trotz oder gerade wegen der historisch niedrigen Zinsen – auf dünnem Eis. „Ein Konsum auf Pump ist eine tickende Zeitbombe, die bei einem Abschwung der Wirtschaft enormen Schaden zufügen kann“, warnte gestern Wolfgang Spitz vom Bundesverband der Inkasso-Unternehmen in Berlin. Die Zahlungsmoral der Verbraucher lasse nach. Jede dritte Inkassofirma gab an, dass private Schuldner schlechter zahlten als vor sechs Monaten. „Wir sehen, dass sehr viele Verbraucher sich, weil die Zinsen niedrig sind, sagen, ich gebe mein Geld lieber aus, als es zu sparen“, sagte Präsident Spitz. Viele leihen sich noch Geld von Banken und Handel dazu.

Inzwischen laufen 17,4 Millionen Ratenkredite – um die Hälfte mehr als vor zehn Jahren. Rein rechnerisch hat somit jeder dritte Haushalt inzwischen einen Ratenkredit aufgenommen. Doch das dicke Ende kommt, wenn Schicksalschläge den Schuldner an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen. Scheidung und Jobverlust sind auch nach Ansicht von Barbara Lüdtke-Nunnenkamp, Chefin der Schuldnerberatung im Kreis Segeberg, die Hauptgründe für Hilfegesuche. Schleswig-Holstein habe ohnehin – verglichen mit den süddeutschen Bundesländern – eine verhältnismäßig hohe Pro-Kopf-Verschuldung, gibt sie zu bedenken. Zudem werbe der Handel seit einigen Jahren offensiv mit Billig-Krediten. „Jetzt kaufen und erst im neuen Jahr mit der Ratenzahlung beginnen“, beschreibt Lüdtke-Nunnenkamp die Werbebotschaften von Möbelhäusern und Elektronikmärkten. Vergessen werde zudem häufig, das Hartz-IV- Bezieher sich eine neue Waschmaschine ohne einen Ratenvertrag niemals leisten könnten. „So viel Geld haben die einfach nicht auf einen Schlag“. Für Michael Herte, Finanzexperte der Schleswig-Holsteinischen Verbraucherzentrale, sind Ratenverträge „nicht grundsätzlich Teufelszeug“. Man müsse nur aufpassen, dass man damit nicht in die Schuldenfalle tappe. Laut Inkassoverband passiert das inzwischen fast jedem zehnten Erwachsenen. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen – sprich: Sie sind überschuldet. Auch bei unter 25-Jährigen sei eine Quote von zehn Prozent erreicht, weil viele junge Menschen sich mit Mobilfunkverträgen und beim Einkauf im Internet übernähmen. Junge Schuldner stünden im Durchschnitt mit 8200 Euro in der Kreide. Bürger, die Privatinsolvenz anmelden müssen, mit 53 000 Euro. Einziger Lichtblick: Die stabile Wirtschaftslage führt 2013 zu deutlich weniger Unternehmenspleiten. Die Zahl werde auf 26 000 sinken und damit so niedrig sein wie seit 1996 nicht mehr, so der Verband.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Okt.2013 | 00:31 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen