Aktuelle Fälle : Rasanter Anstieg der Afrikanischen Schweinepest in Osteuropa

Auf einem Parkplatz an der Autobahn A19 in Mecklenburg-Vorpommern warnen Aushänge des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vor der Afrikanischen Schweinepest.
Auf einem Parkplatz an der Autobahn A19 in Mecklenburg-Vorpommern warnen Aushänge des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vor der Afrikanischen Schweinepest.

Östlich von Deutschland verenden immer mehr Tiere an dem ASP-Erreger. In Polen gibt es einen weiteren Infektionsherd.

shz.de von
02. Februar 2018, 08:30 Uhr

Greifswald | An der Afrikanischen Schweinepest (ASP) verenden in Ländern östlich von Deutschland immer mehr Wild- und Hausschweine. Im Jahr 2017 wurden in Polen, Tschechien, Rumänien, der Ukraine und den drei baltischen Staaten insgesamt 4140 Fälle gemeldet, im Januar 2018 allein 759 Fälle. Diese Zahlen ließen darauf schließen, dass die Entwicklung nichts an Dynamik verloren habe, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit, Thomas Mettenleiter.

 

2014 wurden in diesen sieben Staaten insgesamt nur 304 Fälle gemeldet. Seit 2015 beobachten die Experten von Jahr zu Jahr eine Verdoppelung der Fälle. „Wir gehen davon aus, dass sich der Erreger inzwischen in Litauen, Lettland, Estland und in Ostpolen in der Wildschweinpopulation endemisch und damit dauerhaft etabliert hat“, sagte er. Dabei werde das Virus innerhalb der Population an immer neue Tiere weitergegeben.

Auch Russland meldet Schweinepest-Fälle. Für Weißrussland gehen Experten fest von Erkrankungen aus, erhalten aber keine belastbaren Zahlen.

Mettenleiter sieht derzeit keine Hinweise darauf, dass sich die Krankheit, gegen die es keinen Impfstoff gibt, in den Infektionsgebieten tot läuft. Zwar erkrankten im Vergleich zur Maul- und Klauenseuche deutlich weniger Tiere an der Afrikanischen Schweinepest. Der ASP-Erreger halte sich aber in infizierten Kadavern sehr lange, so dass sich daran dann wiederum Artgenossen infizieren, die ihn dann weitergeben. „Im Wildbestand die Seuche zu kontrollieren, wird uns auf absehbare Zeit nicht gelingen“, zeigte sich Mettenleiter überzeugt.

Nach Angaben des Tierseuchenfachdienstes „Radar Bulletin“, das die internationale Lage und Ausbreitung der Tierseuche beschreibt, entstand im Norden Polens neben den bekannten Infektionsgebieten um Warschau und an der Grenze zu Russland im Januar ein neuer Infektionsherd, der in Verbindung zu einem Ausbruch im russischen Gebiet Kaliningrad steht. Dieser Herd liegt nur 400 Kilometer von Deutschland (Mecklenburg-Vorpommern) entfernt.

Wie schwierig die Eindämmung der Seuche ist, zeigt sich im tschechischen Zlin. Das Vorgehen der tschechischen Behörden mit der Einrichtung von drei Bekämpfungszonen gilt als vorbildhaft und „Blaupause“ für deutsche Behörden. Dennoch waren im Gebiet um Zlin im Januar zehn infizierte Wildschweine außerhalb des 58 Quadratkilometer großen eingezäunten ASP-Kerngebietes gefunden worden. Es müsse nun genau beobachtet werden, ob diese Funde zu einer Ausbreitung der Infektion führen, sagte Mettenleiter. Das Gebiet liegt nur 300 Kilometer von der Grenze zu Bayern und Sachsen entfernt.

Die Fälle in Zlin zeigten, dass es eine hundertprozentige Kontrolle trotz der eingesetzten Elektro- und Duftzäune nicht gebe, sagte Mettenleiter. „Straßen und Dörfer können nicht hermetisch abgeriegelt werden“. In Polen ist mit 312 Fällen im Januar der am stärksten betroffene EU-Staat.

Die Fachleute sehen als größte Gefahr für die Einschleppung der Seuche nach Deutschland immer noch den Menschen und nicht die Übertragung von Tier zu Tier. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit bei der Tier-zu-Tier-Übertragung betrage 15 bis maximal 30 Kilometer pro Jahr, sagte Mettenleiter. Wie aber die Ausbreitung in Russland zeige, könne der Erreger in kontaminierten Schweineprodukten schnell Sprünge von über 1000 Kilometern absolvieren.

„Die Infektion ist eine reale und ernste Bedrohung für Deutschland“, sagte Mettenleiter. Aber Aussagen, denen zufolge das Auftreten der Seuche in Deutschland nur noch eine Frage des Wanns und nicht des Obs sei, stimme er nicht zu. „Tierseuchen lassen sich nicht voraussagen.“ Schweinehalter sollten die Zeit nutzen, ihre Ställe zu sichern.

Ein Impfstoff gegen die Afrikanische Schweinepest wird nach Einschätzung des FLI auch auf absehbare Zeit nicht zur Verfügung stehen. Daher können ausschließlich hygienische Maßnahmen und die Reduktion der Wildschweinbestände zur Vorbeugung und Bekämpfung eingesetzt werden.

Die Afrikanische Schweinepest ist über Georgien nach Russland, Weißrussland bis nach Polen und Tschechien gelangt. So kämpfen drei Länder gegen das für Schweine tödliche Virus.

In Tschechien melden die Veterinärbehörden rund 200 bestätigte Fälle der Afrikanischen Schweinepest bei verendeten Tieren seit Beginn des Ausbruchs im Juni 2017. Der Ausbruch beschränkt sich weiterhin auf Wildschweine in der südöstlichen Verwaltungsregion Zlin. Die gleichnamige Industriestadt liegt rund 400 Kilometer östlich von Regensburg. Um die Abschusszahlen zu erhöhen, setzten die Behörden auch speziell ausgebildete Präzisionsschützen der Polizei ein.

Insgesamt wurden in dieser Kernzone rund 2300 Wildschweine erlegt oder mit Fallen gefangen, längst aber nicht alle. In den Nachbarregionen, in denen die Krankheit noch nicht aufgetreten ist, wurden seit dem Sommer mehr als 12.100 Tiere erlegt. Die Abschussprämie liegt nach mehrfacher Erhöhung bei bis zu 8000 Kronen (knapp 315 Euro) in der Verwaltungsregion Zlin und knapp 80 Euro in einer Pufferzone. Dennoch haben viele Jäger nach Medienberichten kein großes Interesse, weil sie das Fleisch nicht verwenden dürfen und die Kadaver abgeben müssen. Eine Einschleppung in Hausschweinebestände gab es in Tschechien bisher nicht.

In Polen wurde das Virus nach Angaben des Hauptveterinäramts dagegen seit der Entdeckung 2014 bereits über 100 Mal in Mastbetrieben nachgewiesen. Zudem gab es rund 1100 Fälle bei Wildschweinen. Bisher trat die Schweinepest im Osten des Landes auf. Nach Regierungsbeschlüssen sollen Absperrungen entlang der östlichen Landesgrenze errichtet werden. Sie sollen verhindern, dass Wildschweine aus Weißrussland und der Ukraine einwandern. Auch in Polen wird verstärkt Jagd auf Wildschweine gemacht, selbst in Nationalparks. Die Behörden führten sogar Anreize für Jäger ein: Sie dürfen für die Wildschweinjagd bis zu sechs Tage bezahlten Sonderurlaub im Jahr nehmen. Hinzu kommen ebenfalls Abschussprämien.

Auch die Einfuhr tierischer Lebensmittel aus Drittländern wird strenger kontrolliert. Allein in den letzten Monaten beschlagnahmten Polens Behörden nach Angaben des Umweltministeriums mehr als 50 Tonnen. Von der Schweinepest befallene Mastbetriebe müssen alle Tiere töten sowie die Kadaver und alle tierischen Produkte vernichten.

In Russland wurden nach Darstellung der Agraraufsichtsbehörde in den vergangenen zehn Jahren mehr als 1200 Fälle von Afrikanischer Schweinepest registriert. Allein für 2017 meldete die Behörde knapp 200 Infektionsherde. Agraraufsichtschef Sergej Dankwert sagte in einem Interview der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“, die Lage bleibe ernst. „Das Risiko einer weiteren Ausbreitung des Virus wird als hoch eingeschätzt.“ An die Adresse der EU gerichtet, rief er dazu auf, das Problem gemeinsam zu bekämpfen. „So zu tun, als wäre nichts, kann nicht funktionieren“, sagte Dankwert.

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