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Selbstfahrende Autos : Pro und Contra: Ford will aufs Lenkrad verzichten

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Die Zukunft der autonomen Fahrzeuge kommt. Ford will dabei sogar eine Stufe überspringen – aus Sicherheitsgründen.

Dearborn | Ford will bei der Entwicklung selbstfahrender Autos das Level drei, wo Fahrzeuge automatisch fahren, vom Fahrer allerdings noch erwartet wird, dass er in bestimmten Situationen eingreift, überspringen. Der Grund ist, dass offenbar Ingenieure des Autoherstellers bei Tests hinterm Steuer eingenickt waren, weil sie sich in Sicherheit wähnten und nicht viel zu tun hatten. Das Unternehmen will sich daher auf die Entwicklung von autonom fahrenden Autos der Stufe vier konzentrieren. Bei den Stufen handelt es sich um die von der Society of Automotive Engineers (SAE) definierten Level für autonomes Fahren. Ziel der Autohersteller ist Stufe fünf, bei der ein Fahrzeug vollautomatisch fährt, ohne dass der Fahrer noch eingreifen muss. Noch ist das Zukunftsmusik.

Dass trainierte Ingenieure, die in dem Fahrzeug sitzen um es zu überwachen, einschlafen, ist für Ford offenbar ein Warnsignal. Es liege in der Natur des Menschen, dem Fahrzeug mehr und mehr zu vertrauen und das Gefühl zu haben, nicht mehr aufpassen zu müssen, sagte Raj Nair, Chefentwickler bei Ford. Die radikale Entscheidung: Lenkrad und Pedale werden aus den autonomen Fahrzeugen, die 2021 auf den Markt kommen sollen, entfernt. Ein revolutionärer Schritt bedenkt man, dass andere Hersteller glauben, auf den Fahrer könne man in Notsituationen noch zählen. Autos von BMW, Mercedes und Audi, die ab 2018 über die Straßen rollen sollen, erwarten ein Eingreifen des Fahrers in bestimmten Situationen. Sie sind daher noch sogenannte „Level3“-Fahrzeuge. Waymo-Chef John Krafcik, der für Google an selbstfahrenden Autos forschte, hält Level drei möglicherweise ohnehin für einen Mythos. Vielleicht sei es das nicht wert, sagte er dem Branchenportal „Automotive News“.

Ist ein Fahrer nicht aufmerksam und muss in Sekunden auf eine Leben-oder-Tod-Situation reagieren, sei das ein Rezept für eine Katastrophe sagen die einen. Auf der anderen Seite glauben die meisten Autohersteller noch immer, dass der Fahrer zumindest in bestimmten Situationen den Roboter übergehen können muss. Auch in unserer Redaktion gibt es dazu unterschiedliche Meinungen.

Pro: Autonomes Fahren – Eine Impfung gegen den tödlichen Verkehr

von Götz Bonsen

Die Menschheit braucht Hilfe. Zwischen 1,2 und 1,3 Millionen Verkehrstote gibt es laut der Weltgesundheitsorganisation WTO auf dieser Welt – und das in jedem Jahr. Selbst in autoverkehrsoptimierten Gesellschaften wie in Deutschland kommt es alljährlich zu Tausenden Todesfällen im Verkehr und zu Zehntausenden Verstümmelungen. Diese Kollateralschäden mögen effektiv seit Jahrzehnten leicht sinken, sie bleiben dennoch auf dystopisch hohem Niveau. Das sind alles keine Zufälle. Eher ist es oft glücklichen Zufällen zuzurechnen, wenn nichts passiert. Der existierende Verkehrsektor – auch wenn wir alles daran setzen, es zu verdrängen – ist eine der großen Krisen der Menschheit. Zu bewältigen nur mit Technologie.

Denn es bleibt ein stetes Risiko, dass jemand am Steuer einen Fehler macht, eine Sekunde unaufmerksam ist, emotional oder verträumt ist, nicht die Kontrolle hat. Und dem Gegenüber im Verkehr verlangt ein Fehlverhalten des Anderen nicht selten eine kleine Heldentat ab. Aber oft reicht der Instinkt nicht mehr, um die Katastrophe abzuwenden. Warum? Weil es echte Kommunikation zwischen Fahrzeugen und ihren Führern während der raschen Fahrt nun mal nicht gibt. Noch nicht. Die Fortschritte beim autonomen Fahren machen Hoffnung, dass der aufklärerische Geist sich nach über 100 Jahren in den Bereich der Mobilität zurückschleicht.

Dass jedes Menschenleben zählt, sollte in modernen Gesellschaften selbstverständlich sein. Im Verkehrs-Sektor herrscht hier der blinde Fleck im Führerhaus. Allein in Berlin wurden Radfahrer im letzten Jahr trotz Vorfahrt sechs Mal tödliche Opfer ein abbiegender Lkws. Fälle wie diese wird es in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft dank technischer Hilfen nicht mehr geben. Jeder Tag und jede Stunde, die das autonome Fahren früher Standard wird, rettet am Ende Menschenleben.

Der Mensch muss sich zunächst eingestehen, dass er niemals Herr sein wird über Lenkrad und sein schnelles Gefährt, das alle die kleinen menschlichen Wahrnehmungs- und Handlungsfehler nur multipliziert. Und dann die Frage stellen: Wollen wir uns wirklich wehren gegen etwas, das – wenn ausgereift – eine drastische Verbesserung unserer Sicherheit versprechen kann? Sind wir es unseren Kindern, Enkelkindern und uns selbst nicht schuldig, diese „Impfung“ des Fortschritts über uns ergehen zu lassen? Noch dazu weil sie weniger Energie und weniger Fläche frisst? Für den Spaß-Faktor genügt dann eben die Kart-Bahn. Schließlich ist das Pferd ja auch nur noch im Freizeit- oder Sportbereich anzutreffen.

Contra: Selbstfahrende Autos sind tickende Zeitbomben

von Gerrit Hencke

Viel wird immer geredet über Unfallzahlen, Rowdies auf Autobahnen, Mittelspurschleicher oder Rentner hinterm Steuer. Alles tickende Zeitbomben, die immer wieder für schwere Unfälle verantwortlich sind. Das mag stimmen. 3475 Verkehrstote gab es in Deutschland im Jahr 2015. Und natürlich ist jeder einer zu viel. Die Autoindustrie sieht daher in autonom fahrenden Autos die Zukunft. Vernetzt und sicher wird alles sein. Die Technik soll richten, wozu der Mensch offenbar nicht in der Lage ist: sicher und vorausschauend durch den Verkehr zu gleiten. Selbst muss man dann nicht mehr denken – wie in so vielen Bereichen unseres Lebens – und kann sich voll auf die Bordelektronik des eigenen und der anderen Fahrzeuge verlassen.

Doch wie viel sicherer kann eine von Menschen entwickelte Technik sein? Insassen in einem Auto, welches sich ohne Lenkrad und Pedale autonom über die Straßen bewegt, sind der Technik schutzlos ausgeliefert. Was, wenn sie versagt? Unfälle sind dann ebenfalls vorprogrammiert. Assistenzsysteme sind wichtig und tragen zweifellos zur Sicherheit im Straßenverkehr bei. Vor allem für die Sicherheit von Radfahrern, Fußgängern und Kindern muss im Straßenverkehr noch einiges getan werden. Doch die ganzen Helferlein schaffen auch trügerische Sicherheit. Je mehr das Auto kann, desto unaufmerksamer werden die Fahrer, desto weniger schätzen sie ihre Geschwindigkeit und ihr Handeln richtig ein. Vielleicht ein Grund, warum die Zahl der Unfalltoten seit 2013 wieder ansteigt. Ein anderer ist mit großer Wahrscheinlichkeit Unaufmerksamkeit am Steuer durch Ablenkungen wie Smartphones. Am Ende würden regelmäßige Fahreignungstests sowohl für aggressive Raser, als auch für Ältere die Unfallstatistik wesentlich beeinflussen. Je mehr Menschen aus dem Verkehr gezogen werden, die für das Führen eines Autos ungeeignet sind, desto besser. Auch ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen würde schon helfen.

Aber vollständig autonom fahrende Autos? Nein, danke. Ich aber möchte auch weiterhin selbst Autofahren. Ich tue das gerne. Möchte ich es nicht oder traue es mir nicht mehr zu, dann setze ich mich in einen Zug oder auf das Fahrrad. Und dann ist da noch der moralische Aspekt. Wie möchte ich, dass sich mein autonomes Fahrzeug in Notsituationen verhält? Soll es mich und weitere Insassen schützen und dafür einen Fußgänger oder anderen Fahrer töten oder nimmt es meinen Tod in Kauf, um das Leben anderer zu retten. Wie entscheiden die Computer in anderen Fahrzeugen? Wenn der Mensch aufhört zu denken und der Technik alle Entscheidungen überlässt, ist das eine folgenschwere Entwicklung. In einer künftigen Welt, in der Computer ausschließlich für Menschen handeln, möchte ich nicht leben.

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erstellt am 23.Feb.2017 | 13:36 Uhr

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