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Sinkende Zahlen „ein Trugschluss“ : Privatinsolvenzen in SH: Im Land der Pleitiers

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach einer neuen Statistik meldeten vergangenes Jahr 4926 Menschen Insolvenz an. Die Schuldnerberatung sieht keinen sinkenden Beratungsbedarf im Land.

Kiel | Den Deutschen geht es gut. Am Arbeitsmarkt läuft es rund. Die Wirtschaft wächst. Die Verbraucher sind in Konsumlaune. Da passt es gut, dass obendrein auch immer weniger Privatpersonen im vergangenen Jahr den Gang zum Insolvenzgericht antreten mussten. Knapp 108.000 Menschen gingen 2015 Pleite – 6,4 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Berechnet hat die Zahlen die Wirtschaftsauskunftei Bürgel. In Schleswig-Holstein fiel das Minus mit 7,6 Prozent sogar noch deutlicher aus. 4926 Menschen meldeten hier eine Privatinsolvenz an. Bürgel-Geschäftsführer Norbert Sellin zufolge hat das bundesweite Pleite-Geschehen der Verbraucher den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren erreicht.

Die Schuldnerberatungen im Land überzeugt das jedoch wenig. „Das ist ein Trugschluss“, sagt die Leiterin der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein, Alis Rohlf, auf die Frage, ob es angesichts weniger Pleiten ruhig bei den Beratungseinrichtungen im Land zugehe. Die geringere Zahl von Anträgen, sagt sie, „das spiegelt sich nicht in den Anfragen wider“. Von letzteren gebe es auf keinen Fall weniger. Dafür kann sie berichten, dass die Probleme der Betroffenen offenbar größer werden. „Wir hören von den Beratungsstellen, dass die Fälle auch komplexer werden“, sagt Rohlf. „Die Menschen, die in die Beratung kommen, haben vielfältige Probleme“, berichtet sie weiter. Der Bedarf an psychosozialen Hilfen steige seit einigen Jahren. Soweit die Beobachtung der Expertin.

Zahl der Pleiten im Norden weiterhin relativ hoch

Dass die Zahlen von Bürgel einen positiven Trend beschreiben, sich dieser bei den Schuldnerberatungen jedoch so nicht wiederfindet, liegt auch daran, dass Bürgels Zahlen auf offizielle Insolvenz-Fälle abheben. Immer mehr Betroffene haben aber laut Rohlf zu geringe Einkommen, um überhaupt Schulden abbauen zu können. „Das ist ein Trend, der mir Sorgen bereitet“, sagt sie. Dass diese Menschen nicht in der Bürgel-Statistik auftauchen, lässt sich nach ihren Ausführungen auf einen sehr einfachen Sachverhalt zurückführen: Sie beantragen trotz ihrer Schulden keine Insolvenz – es würde an ihrer eigenen finanziellen Situation nämlich wohl nicht viel verändern.

Seit 2010 gibt es in Deutschland das Pfändungsschutz-Konto, auch P-Konto genannt. Bis zu einer Grenze von rund 1073 Euro ist das Geld damit vor Pfändung geschützt. Wer ohnehin kaum mehr verdient im Monat als diese 1073 Euro, für den könnte es müßig sein, eine Privatinsolvenz zu beantragen – da er auch mit dieser im Monat nicht mehr Geld zum Leben hätte.

Bürgel hält indes vor allem die geringe Arbeitslosigkeit, die niedrigen Zinsen und die hohen Tarif-Abschlüsse der letzten Zeit für gute Gründe für die sinkende Zahl an Privatinsolvenzen. „Arbeitslosigkeit gilt als Hauptauslöser Nummer eins für eine Privatinsolvenz“, sagt Sellin. „Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, werden nachgelagert auch die Privatinsolvenzen wieder steigen.“

Klar ist zudem: Nach den Bürgel-Zahlen ist die Zahl der Pleiten im Land zwar rückläufig, aber dennoch vergleichsweise hoch. So kommen zwischen Nord- und Ostsee 174 Pleiten auf 100.000 Einwohner. Nur im Saarland, Niedersachsen, Hamburg und Bremen ist der Wert noch höher.

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erstellt am 04.Mär.2016 | 07:45 Uhr

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