Kampf gegen Beförderungsstau : Poststreik 2015 beendet – Wann kommt mein Paket?

Berge von Briefen und Paketen müssen zugestellt werden. Aber eins soll sicher sein: Es stinkt nicht bei der Post.

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06. Juli 2015, 16:29 Uhr

Bonn | 52 Streiktage, Millionenkosten und viel zerschlagenes Porzellan in der Belegschaft - in der Nacht von Montag auf Dienstag geht der heftigste Poststreik seit Jahrzehnten zu Ende. Mit dem Tarifabschluss vom Sonntagabend aus Bad Neuenahr sind beide Seiten zufrieden, doch nun kommen die praktischen Probleme: Millionen Briefe und Pakete, die nicht zugestellt werden konnten, liegen bei Sommerhitze in den Verteilzentren und Lagerräumen - verdorrte Blumen und verderbliche Waren inbegriffen.

Der Tarifkonflikt - seit vier Wochen auch mit unbefristeten Streiks - war hart wie vielleicht noch nie in der Post-Geschichte. „Wir sind im Krieg“, soll ein Post-Vorstand gesagt haben. Verdi-Funktionäre liefen mit Kameras Aushilfszustellern hinterher, um tatsächliche oder vermeintliche Rechtsverstöße zu dokumentieren. Beschwerden, eidesstattliche Versicherungen und mehrfache Klagen etwa gegen den Einsatz von Beamten - die Gewerkschaft zog alle Register und investierte nach Schätzungen des Tarifexperten Hagen Lesch in der „Welt am Sonntag“ rund 30 Millionen Euro für Streikgeld. Die Post machte dagegen Stimmung mit einer Anzeigenkampagne und ließ zur Erbitterung der Gewerkschaft auch sonntags arbeiten - regional auch noch am Sonntag des Tarifabschlusses. Auch sie kostete der Streit viele Millionen Euro.

Man habe schon während des Streiks versucht, verderbliche Güter herauszuziehen und bevorzugt zuzustellen, sagt ein Postsprecher, aber nicht jeder Kunde kennzeichne seine Pakete korrekt. Dass es in manchen Verteilzentren übel rieche, sei aber Quatsch. Tatsache ist: Der Beförderungsstau kann nur langsam abgebaut werden.

Es wird von Dienstag an mehrere Tage dauern, sagt Post-Personalchefin Melanie Kreis - und regional gebe es Unterschiede. „In einigen Regionen erhöhte Rückstände bei der Zustellung“ meldet der Konzern auf seiner Homepage. Mit der Postleitzahl kann man ermitteln, wo es Probleme gibt - zum Beispiel in Düsseldorf oder Berlin.

Die Post setze alles daran, bald wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren, betont Kreis. Das scheint aber in der Bundeshauptstadt und überhaupt im Osten Deutschland besonders schwer zu sein. Denn dort gibt es wenig Beamte, die in der Streikzeit ihrer angestellten Kollegen einspringen konnten. Für Brandenburg etwa prognostiziert Verdi-Fachbereichsleiterin Benita Unger sogar ein bis zwei Monate Verspätung von Paketen - eine Vorhersage, die der Postsprecher dementiert.

Angesichts der vollen Lager freut sich die Post, dass viele Mitarbeiter schon im Laufe des Montags, der eigentlich noch Streiktag war, wieder zur Arbeit erscheinen. „Viele Kollegen sind bereits wieder an ihrem Arbeitsplatz. Das bringt deutliche Entlastung“, sagte der Postsprecher. Außerdem kommen jetzt zunehmend auch die Urlaubsvertretungen, die die Post schon langfristig für die Ferienzeit engagiert hatte.

Der Konflikt ist mit den Unterschriften von Bad Neuenahr beigelegt, jetzt müssen sich Post und Verdi nicht nur um den Brief- und Paketstau, sondern auch um andere Negativ-Folgen kümmern - bei den Mitarbeitern und der Kundschaft. Gerade in der lukrativen Paketsparte ist die Konkurrenz hart, und viele Kunden wie zum Beispiel Online-Händler, die auf pünktliche Zustellungen angewiesen sind, hatten genervt und verärgert einen Wechsel des Anbieters angekündigt.

Auch im Inneren ist viel zu tun. „Da sind Gräben entstanden zwischen Streikenden und Nicht-Streikenden“, sagt Personalchefin Kreis. Manche Kollegen redeten kein Wort mehr miteinander, berichtet ein Verdi-Funktionär. „Streikbrecher“ ist der Vorwurf auch an manche Beamte, die sich ihren Aufträgen aber gar nicht widersetzen dürfen. Diese Spannungen abzubauen, dürfte länger dauern als die Zustellung von liegengebliebenen Briefen und Paketen.

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