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Wirtschaft

22. November 2017 | 06:47 Uhr

Online-Händler unter Druck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

TV-Bericht von RTL kritisiert Arbeitsbedingungen bei Zalando / Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2014 | 13:55 Uhr

Online-Handel ist eine praktische Sache – für Verbraucher. Die Preise sind niedrig, die Einkäufe kommen nach Hause, was nicht passt oder nicht gefällt, geht wieder zurück. Doch zum Online-Handel gehört auch ein hartes Geschäft hinter den Kulissen. Wichtiges Glied in dieser Kette sind riesige Logistik-Zentren, in denen die Artikel per Hand aus kilometerlangen Regalen geholt werden. Der scharfe Wettbewerb sorgt für Preiskämpfe und hauchdünne Margen der Anbieter.

Mit dieser Kehrseite der neuen Shopping-Welt beschäftigt sich der Kunde meistens nur in einem Fall: Wenn Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen für Schlagzeilen sorgen. Jetzt knöpfte sich die RTL-Sendung „Extra“ den Modehändler Zalando vor. Eine Reporterin schlüpfte drei Monate in die Rolle einer „Pickerin“ – so heißen die Menschen, die durch die Gänge laufen, um Waren aus den Regalen zu fischen – für 8,79 Euro Stundenlohn.

Ihren Alltag filmte sie mit versteckter Kamera. Zu sehen sind zum Beispiel Vorgesetzte, die erzählen, dass Sitzen während der Arbeitszeit „unerwünscht“ sei. Anhand der Informationen aus dem Waren-Scanner, der sie durch die Lagerhalle steuert, wird die verdeckt recherchierende Journalistin ermahnt, weil sie 37 Minuten lang keinen Artikel geholt habe. Die Rede ist auch von verdachtslosen Personenkontrollen und einer Belohnung von 500 Euro für Mitarbeiter, die auf einen Dieb aus dem Kollegenkreis hinweisen würden.

Die Berichterstattung entspreche nicht presserechtlichen Standards, man sei nicht um eine Stellungnahme gebeten worden und wolle sich nicht auf Grundlage eines solchen Beitrags unter Druck setzen lassen, sagt Zalando-Sprecher Boris Radke. Ein RTL-Sprecher betont hingegen, die Reporterin habe sich mit einem langen Fragenkatalog an Zalando gewandt und dem Unternehmen vier Tage Zeit für eine Antwort gegeben.

Zalando sagt aber auch, die im TV gezeigten Beispiele entsprächen nicht der Firmenpolitik. So werde die 500-Euro-Prämie, die „völliger Unsinn“ sei, abgeschafft. Das Sitzverbot sei „Quatsch“ und Kontrollen, wie lange Mitarbeiter untätig seien, gebe es auch nicht. Nun wurden einige Vorfälle aber auf Video eingefangen und sind eindeutig passiert. „Es wird immer Fehler geben“, sagt Radke. „Wir haben nie behauptet, dass wir der beste Arbeitgeber der Welt sind.“

Doch der Schaden ist bereits eingetreten: Im Internet häufen sich die Kritiken erregter Kunden. „Kreativität kennt keine Grenzen: ‚Sklavando‘ und ‚Schrei vor Schmerz‘. Irgendwie amüsant, außer für Zalando“, lautet ein Kommentar, „Moderne Sklaverei! Super respektlos. Finger weg von solche Unternehmen“ ein weiterer. Die Sendung kostet offensichtlich Kunden.

Aber die Recherche hat ein juristisches Nachspiel: Wegen des Verdachts auf Verrat von Geschäftsgeheimnissen ermittelt die Erfurter Staatsanwaltschaft. Der Sender sieht juristischen Schritten gelassen entgegen.

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