Interview mit Thomas Lambusch : Nordmetall: „Mindestlohn ist Kostentreiber“

Thomas Lambusch, Vorsitzender der Arbeitgebervereinigung Nordmetall.
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Thomas Lambusch, Vorsitzender der Arbeitgebervereinigung Nordmetall.

Nordmetall-Chef Lambusch zu Kostentreibern in den Betrieben und der Neigung, Unternehmensteile ins Ausland zu verlagern.

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02. Dezember 2014, 12:01 Uhr

Herr Lambusch, wie beurteilen Sie das Jahr 2014 im Rückblick?
Da möchte ich zunächst einmal an unsere Frühjahrsumfrage erinnern. Damals wurde die Lage noch durchwachsen dargestellt, doch der Ausblick war optimistisch. Wenn wir jetzt die aktuellen Zahlen anschauen, dann hat sich der Optimismus nicht bewahrheitet. Insgesamt kann man zwar noch einigermaßen zufrieden sein, doch was uns Sorge macht, ist der Ausblick in die nähere Zukunft.

Woran liegt das?
Zum einen sind es die geopolitischen Rahmenbedingungen – Ukrainekrise, Naher Osten. Es ist auch nach wie vor die Situation in der Europäischen Union, die die Unternehmen belastet. Und es ist nicht zuletzt auch das, was die Bundesregierung uns so an Paketen geschnürt hat – also Mindestlohn, Frühverrentung, Mütterrente. Was die Regierung im ersten Regierungsjahr getan hat, ist nicht unbedingt unternehmensfreundlich.

Aber spielt der Mindestlohn in der Metall- und Elektroindustrie denn überhaupt eine Rolle?
Nicht unmittelbar. Unsere Tarife liegen deutlich über dem Mindestlohn. Aber im gesamten Kostengefüge spielt er natürlich schon eine Rolle. Bei einigen Zulieferern und nachgeordneten Dienstleistern wirkt der Mindestlohn als Kostentreiber.


Scheinbar beurteilt die IG Metall angesichts einer Forderung von 5,5 Prozent mehr Lohn die Lage aber vollkommen anders. Warum klaffen da die Sichtweisen so auseinander?
Das ist nur schwer zu erklären. Die wirtschaftlichen Fakten muss die IG Metall eigentlich genau so sehen wie wir. Wenn man sich aber zum Beispiel die Inflation ansieht, da hat sich die IG Metall die Zielinflationsrate der EU zu eigen gemacht – also zwei Prozent. Tatsächlich liegt die Inflation aber bei unter einem Prozent. Und auch was die Wachstumsaussichten angeht, ist die Gewerkschaft deutlich optimistischer, als es unsere Mitgliedsunternehmen sind.

Neben dem Lohnplus fordert die Gewerkschaft unter anderem auch eine Bildungsteilzeit. Das müsste doch auch aus Unternehmersicht zu begrüßen sein?
Bildungsteilzeit wirkt als Wort erst einmal attraktiv. Doch man muss mal sehen, was hinter diesem Begriff steht. Die Gewerkschaft versteht darunter eine persönliche Weiterbildung, die für die Arbeit im Betrieb nicht notwendig ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ich als Unternehmer nur zehn Meister benötige, ist es betriebswirtschaftlich unsinnig, noch drei weiteren Mitarbeitern einen Meisterkurs zu finanzieren. Dann bilde ich am Ende Fachkräfte für die Konkurrenz aus. Das werden auch die anderen Mitarbeiter ungerecht finden.


Der Ausblick für das neue Jahr hat sich bei vielen Unternehmen eingetrübt. Das trifft besonders stark auf die Werften zu...

...weil wir es dort mit einer großen Verunsicherung in den Rahmenbedingungen zu tun haben. Die Rüstungsexporte werden infrage gestellt. Es gibt eine nie da gewesene Kritik. Dann bleibt die Verunsicherung im Bereich der Energiewende und dem Offshore-Bereich. Dort landen Aufträge auf einmal nicht mehr bei deutschen Unternehmen, obwohl die Offshore-Parks vor der deutschen Küste entstehen. Da müsste man sicherlich auch einmal der Landes- und Bundesregierung die Frage stellen, ob das so gewollt ist. Außerdem spielt im Werftenbereich der Spezialschiff-Bau eine große Rolle – doch durch die Russland-Krise liegt da manches auf Eis.

Trübt sich der Ausblick ein, geht bei Unternehmen meist auch die Investitionsneigung zurück. Dabei könnten Investitionen doch der Branche auch helfen. Warum fehlt ein solcher Impuls?
Es wird ja investiert – nur nicht hier. Es wird viel im Ausland investiert. Beispielsweise vom Fahrzeugbau.


Das Thema Abwanderung wird also wieder stärker?

Das ist auch für mich etwas erschreckend. Seitdem ich bei Nordmetall bin, haben wir eigentlich nie Standortdebatten geführt. Doch seit einem halben Jahr hören wir verstärkt, dass der Unternehmensstandort Deutschland nicht mehr attraktiv genug sei und Unternehmen überlegen, Teile ins Ausland zu verlagern.


Entsprechende Umfragewerte zu dem Thema zeigen, dass die Neigung der Unternehmen abzuwandern, so hoch ist wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren...
... wir hatten vorher vornehmlich Investitionen in Asien und in den USA. Entscheidend war die Marktnähe. Jetzt geht es wieder verstärkt um Kosten. Und da rücken Länder wie Polen in den Fokus. In der Vergangenheit waren solche Länder von den Lohnkosten her besser, und wir haben das in Deutschland ausgeglichen durch hohe Produktivität und Qualität. Inzwischen haben die anderen aber auch eine hohe Qualität – und die Lohnkosten sind weiterhin geringer als bei uns. Wir riskieren unsere Wettbewerbsvorteile der letzten Jahre. Das treibt uns Sorgenfalten auf die Stirn.


Fehlt in der Bundesregierung wirtschaftlicher Sachverstand?
Ich denke nein. Das wäre unfair. Doch manche Punkte aus dem Koalitionsvertrag wurden umgesetzt, ohne die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu beachten.

Das Interview führte Till H. Lorenz.

Der Arbeitgeberverband Nordmetal vertritt nach eigenen Angaben 250 Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und im nordwestlichen Niedersachsen. Diese beschäftigen rund 110.000 Menschen. Der 61-Jährige Lambusch steht seit einem Jahr an der Spitze des Verbands. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter des Gebäude- und Energietechnik-Unternehmens SEAR in Rostock.

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