Übernahme durch Lufthansa gescheitert : Niki stellt Flugbetrieb ein: Was Passagiere und Steuerzahler wissen müssen

Viele Niki-Urlauber müssen ihren Rückflug umbuchen.

Viele Niki-Urlauber müssen ihren Rückflug umbuchen.

Was ist mit gebuchten Flügen und kommen Mehrkosten auf festsitzende Niki-Passagiere zu? shz.de hat die Antworten.

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14. Dezember 2017, 10:10 Uhr

Wien | Die lang eingefädelte Übernahme von Teilen der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin durch die Lufthansa ist geplatzt. Wegen starker wettbewerbsrechtlicher Bedenken der EU-Kommission verzichtet der Frankfurter Dax-Konzern auf den österreichischen Ferienflieger Niki mit 20 Flugzeugen. Niki stellte am Mittwoch den Flugbetrieb ein und hatte zuvor schon einen Insolvenzantrag eingereicht. Um wenigstens die andere Air-Berlin-Tochter LG Walter in die eigene Eurowings übernehmen zu können, will die Lufthansa weitere Zugeständnisse bei Start- und Landerechten machen. Was Passagiere und Steuerzahler nun wissen müssen.

Was müssen Pauschalreisende beachten?

Festsitzende Pauschalurlauber müssen nicht mit Mehrkosten für ihre Rückreise rechnen. Denn bei einer Flugreise als Teil eines Pauschalpakets muss sich der Reiseveranstalter um eine alternative Beförderung kümmern. „Der Veranstalter bucht mich in der Regel auf einen anderen Flug um“, erläutert der Luftverkehrsexperte Cord Schellenberg aus Hamburg. Auch auf der Webseite des Unternehmens stand am Mittwochabend, solche Passagiere sollten sich an ihren Reiseveranstalter wenden. Dieser sei für die Beförderung der Reisenden zuständig.

Mit Blick auf Passagiere, die ihren Flug direkt bei der Airline gebucht haben, hieß es auf der Niki-Webseite weiter, dass mehrere Fluggesellschaften gegen ein „geringes Entgelt“ derzeit eine Rückholaktion auf Standby-Basis aus dem Ausland nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz organisierten.

Wie kommen gestrandete Urlauber mit anderen Airlines nach Hause?

Deutsche Airlines wollen bei dem Rücktransport von gestrandeten Passagieren aus dem Ausland helfen. Die Fluggesellschaften würden Niki-Fluggästen, die keine Pauschalreise gebucht haben, noch verfügbare Sitzplätze zu Sonderkonditionen anbieten, erklärte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft am Donnerstag in Berlin. Dabei handelt es sich um eine Art Aufwandsentschädigung.

Der Ferienflieger Condor will Passagiere, die direkt bei Niki gebucht haben, nach eigenen Angaben kostenfrei nach Deutschland zurückfliegen soweit Sitzplätze verfügbar sind. Condor kündigte den Aufbau zusätzlicher Kapazitäten an. Die Reisenden sollten sich direkt an die Check-in Schalter am dem jeweiligen Flughafen wenden. Nach Angaben des Insolvenzverwalters Nicolas Flöther wollten in den kommenden 14 Tagen rund 40.000 Flugreisende mit Niki ihre Heimreise antreten. Davon hatten rund 15.500 ihre Reise selbst gebucht.

Ist auch der Hamburger Flughafen betroffen?

Am Donnerstag waren am Hamburger Flughafen zwei Verbindungen betroffen. Die Flüge von und nach Fuerteventura und Mallorca wurden gestrichen, laut Online-Auskunft des Hamburger Airports waren die Abflüge für den Vormittag sowie Nachmittag vorgesehen.

Was bedeuten die geplatzte Übernahme sowie die Insolvenz für Reisende in der Weihnachtszeit?

Die Niki stellt nach der Insolvenz abrupt ihren Flugbetrieb ein – damit können Tausende Passagiere ihre bereits gebuchten Flüge nicht antreten. Sofern sie in Verbindung mit einer Pauschalreise gebucht sind, müsste der Veranstalter für Ersatzflüge sorgen. Für Fluggäste, die ihre Tickets direkt bei der Niki gekauft haben, wollen andere Gesellschaften einen Ersatz-Flugplan organisieren. Sollte sich kein neuer Käufer für die österreichische Airline finden, verschwände erneut die Kapazität von 20 Flugzeugen aus dem mitteleuropäischen Markt, was nach den Erfahrungen aus der Air Berlin-Pleite zu Engpässen und höheren Durchschnittspreisen bei den verbleibenden Anbietern führen dürfte.

Gibt es noch Chancen, dass andere Bieter die Niki übernehmen?

Letztlich werden die Karten im Übernahmepoker neu gemischt. Auch nach dem „Grounding“ könnten zumindest die Niki-Slots für den Sommerflugplan ab Mitte März noch einen gewissen Gegenwert darstellen und Käufer anlocken. Trotz der bislang erfolglosen Gespräche und zwischenzeitlichen Absagen könnten erneut die Großkonzerne IAG (British Airways, Iberia, Vueling) und Thomas Cook (Condor) Interesse haben. Insidern zufolge tagte bereits am Mittwochnachmittag der Thomas-Cook-Verwaltungsrat, bei dem das Thema zur Sprache kam. Sie sind jetzt gegenüber dem Air-Berlin-Generalbevollmächtigten Frank Kebekus in einer sehr starken Position.

Was wird aus den Arbeitsplätzen?

Wegen der Insolvenz stehen kurz vor Weihnachten 1000 Mitarbeiter auf der Straße, wie Kebekus bereits vor dem Bekanntwerden der Pleite klargemacht hat. Das betrifft nicht nur Österreich. Viele Besatzungen sind in Deutschland stationiert und bringen Passagiere von hier aus zu Badezielen etwa ans Mittelmeer. Piloten und Flugbegleiter haben aber wohl gute Chancen, bei der Lufthansa-Tochter Eurowings unterzukommen. Die soll nun aus eigener Kraft wachsen. Viele Flugzeuge aus der Air-Berlin-Gruppe hat Lufthansa schon von Leasingfirmen gekauft. Es fehlen praktisch nur noch die Besatzungen. Falls ein anderer Käufer den Zuschlag für die Niki bekommt, könnten dort Jobs erhalten bleiben.

Wie geht die Lufthansa jetzt weiter vor?

Die umsatzstärkste Fluggesellschaft Europas will zunächst in Brüssel retten, was noch zu retten ist, nämlich die zweite Air-Berlin-Tochter LG Walter. In diesem nicht insolventen Flugbetrieb sind derzeit 20 Propellermaschinen und 14 Airbus A320 registriert, die samt eigenem Personal Verbindungen für die Lufthansa-Tochter Eurowings fliegen. Sie verfügt über zusätzliche Start- und Landerechte aus dem Air-Berlin-Erbe, die aber auch noch Gegenstand von Verhandlungen mit den unerwartet strengen Brüsseler Wettbewerbshütern werden könnten. Mittelfristig will Lufthansa die Eurowings nun aus eigener Kraft wachsen lassen. Es wird aber deutlich länger dauern, als wenn man die 20 Niki-Jets samt eingearbeiteten Crews hätte übernehmen können.

Warum hatte die Lufthansa als Marktführerin überhaupt den Zuschlag für den Großteil von Air Berlin erhalten?

Nach Aussage von Air-Berlin-Sachverwalter Lucas Flöther haben die Lufthansa und Easyjet schlicht am meisten Geld geboten. „Entgegen allen Verschwörungstheorien haben wir an diejenigen verkauft, die das beste Angebot vorgelegt haben“, sagte er im November der „Süddeutschen Zeitung“. Die British-Airways-Mutter IAG, die sich die Niki für ihre spanische Tochter Vueling einverleiben wollte, zog ebenso den Kürzeren wie der Ferienflieger Condor. Allerdings haben die Beteiligten die EU-Kommission falsch eingeschätzt. Kebekus rechnete zwar mit Auflagen der Behörde. „Das heißt aber nicht, dass der gesamte Deal infrage gestellt wird“, sagte er.

Bekommt der Staat seinen Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro zurück?

Die Bundesregierung sagt selbst, dass der Kredit möglicherweise nur zum Teil an die KfW zurückgezahlt werden kann. Sollte sich kein neuer Käufer für die Niki finden, könnte es bei einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag bleiben, für den größeren Rest müsste der Steuerzahler aufkommen, da der Staat gebürgt hat. 40 Millionen Euro fließen von der britischen Easyjet, 18 Millionen Euro von der Lufthansa für die LG Walter und ein unbekannter Betrag für die Air Berlin Technik, die vom Berliner Logistikunternehmen Zeitfracht übernommen worden ist.

Was bedeutet das Scheitern der Übernahme und die Insolvenz für den Wettbewerb?

Das lässt sich erst genauer sagen, wenn das Schicksal der Niki endgültig klar wird. Findet sich noch ein Käufer, entsteht besonders auf dem Markt der Ferienflüge möglicherweise ein größeres Gegengewicht zur Eurowings der Lufthansa. Bleibt Niki hingegen komplett am Boden, könnte gerade die Eurowings schnell in die Lücken stoßen, das frei werdende Personal einstellen und auf den neu verteilten Slots zusätzliche Flüge anbieten.

 
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