Detroit Motor Show 2015 : Niedriger Ölpreis lässt Autobauer jubeln

Gestärkt von Rekordabsätzen reisen die Autobauer auf die erste große Branchenshow des Jahres und stellen ihre Trends vor.

shz.de von
12. Januar 2015, 16:47 Uhr

Detroit | Das günstige Benzin versetzt die Autobranche in Feierlaune: Auf dem ersten klassischen Branchentreff des Jahres überbieten sich die Hersteller am Montag in Detroit mit Erfolgsmeldungen - Oberklasse-Hersteller profitieren vom Konjunkturaufschwung in der weltgrößten Volkswirtschaft, schwergewichtige Geländewagen, Pick-up-Trucks und Luxusschlitten stehen bei Kunden auch dank des billigen Kraftstoffs besonders hoch im Kurs.

Davon profitieren auch die deutschen Hersteller: Sie bauen fast jedes zweite Auto, das in den USA im Premiumsegment gekauft wird. Auto-Experte Stefan Bratzel spricht am Rande der North American International Auto Show von einem Pyrrhussieg: „Das Thema Schadstoffausstoß hat in den USA ohnehin weniger Bedeutung als in Europa. Der Ölpreiseffekt wird die Vorliebe für größere bis riesige Autos verstärken.“ Auch sein Kollege Ferdinand Dudenhöffer betont: „Der billige Treibstoff treibt in den USA die Nachfrage nach Spritfressern - Autos die bei uns oft Kopfschütteln hervorrufen, bei den Amerikanern aber die Lieblinge sind.“ Spritsparende Fahrzeuge seien für die meisten Kunden in Amerika hingegen langweilig: „Gekauft wird, was Spaß macht.“

Während bei der Elektronikmesse CES in Las Vegas vor wenigen Tagen noch die Zukunft des Autos im Mittelpunkt stand - mit visionären Studien etwa zu selbstfahrenden Fahrzeugen -, widmet sich die Branche in Detroit wieder ihrem Brot- und Buttergeschäft: Autos verkaufen. Und die Messe zeigt deutlich: Während der Verfall der Spritpreise den Absatz besonders großer oder besonders sportlicher Schlitten befeuert, setzt er die ohnehin wenig erfolgreichen Elektroautos unter Druck. „Angesichts des billigen Sprits wird es sehr schwer werden, Stromer zu verkaufen“, sagt US-Analystin Michelle Krebs von der Handelsplattform AutoTrader.

2014 kostete der Liter Benzin in den USA im Schnitt 74 Euro-Cent, im Januar 2015 nur noch 48 Cent, wie Dudenhöffer vorrechnet. Das ist keine gute Nachricht für alternative Antriebe, in welche die Branche Milliarden steckt, auch wegen politischer Vorgaben etwa der EU-Kommission. In Detroit stellt zum Beispiel die Opel-Mutter General Motors die neuen Elektrowagen Volt und Bolt vor. Für Akshay Anand vom US-Branchenberater KBB ist die Weiterentwicklung des Volt zwar eine der wichtigsten Neuigkeiten der Messe. Nur leider komme der Plan zur Unzeit: „Sparsamkeit wird für Verbraucher angesichts des billigen Sprits immer unwichtiger.“

Der guten Stimmung in der eiskalten Autostadt tut das keinen Abbruch. „Die US-Wirtschaft und die Autoverkäufe sind seit 2009 im Aufschwung und wir sehen noch viel Raum für Wachstum in der Autoindustrie“, sagt Mary Barra, die Chefin des größten US-Herstellers GM. Der jüngste Ölpreissturz und die steigenden Einkommen sollten die Kauflaune der Kunden noch verstärken, ist Barra überzeugt.

Bei der aktuellen Absatzparty gibt es klare Gewinner: Mehr als jedes zweite in den USA verkaufte Auto ist inzwischen ein Pick-up oder SUV (Sport Utility Vehicle, dt. etwa Sport- und Nutzfahrzeug). Im Zuge des Benzinpreisverfalls - seit Sommer hat sich der Ölpreis mehr als halbiert - konnte sogar der berühmt-berüchtigte Geländewagen Hummer ein fulminantes Comeback am Gebrauchtwagenmarkt feiern.

 

Auch in Deutschland wächst die Vorliebe für sportliche Geländewagen von Opel Mokka und Ford Kuga über BMW X5 bis zu VW Touareg, Porsche Cayenne oder den in Detroit präsentierten neuen Audi Q7 rasant. Zwar sind die großen schweren Fahrzeuge längst nicht mehr die Spritschleudern vergangener Tage. Aber der Luftwiderstand eines SUV wird naturgemäß immer größer sein als der einer Limousine, sagt Bratzel: „Die niedrigen Spritpreise geben keinen Anlass zum Umdenken.“

2014 waren SUVs mit fast 21 Prozent die größten Gewinner am deutschen Automarkt, wie das Kraftfahrtbundesamt (KBA) meldete. Nur die Oberklasse (+19,1 %) wächst ähnlich kräftig. Wer die Schwergewichte und Luxusschlitten in Detroit sieht, stellt sich die Frage, ob Ölpreis-Crash und Mini-Zinsen die Käufermassen zu den unter Umweltaspekten verpönten Spritschluckern treiben. „Diese Marktverschiebung hat bereits vorher stattgefunden“, sagt Analystin Krebs. Der Absturz der Benzinpreise in den vergangenen Monaten sei nur „das Sahnehäubchen auf der Torte“.

Diese Nachrichten gibt es außerdem von den Autobauern aus Detroit:

GM bläst zum Großangriff auf Tesla

General Motors will den Markt für Elektroautos aufmischen - und damit vor allem den Branchenpionier Tesla unter Druck setzen. Die Opel-Mutter stellte am Montag zum Auftakt der Detroit Auto Show den Chevrolet Bolt vor, einen Stromer für den Massenmarkt mit einer Reichweite von 200 Meilen (rund 322 Kilometer). „Die Kunden verlangen mehr Reichweite - und wir liefern“, sagte GM-Chefin Mary Barra bei der Präsentation des Konzepts, und sprach vom „Elektroauto für jedermann“.

Das Auto solle 2017 mit reinem Elektroantrieb für einen vergleichsweise günstigen Preis von etwa 30.000 Dollar auf den Markt kommen, so Barra. GM verkauft seit Ende 2010 den Chevrolet Volt, der zwar einen Elektroantrieb hat - aber auch einen Verbrennungsmotor. Neben dem Bolt-Konzept stellte der Konzern auch eine neue Volt-Version in Detroit vor. Die Pläne von GM stellen vor allem eine Attacke auf das Silicon-Valley-Unternehmen Tesla dar, das ausschließlich Elektroautos produziert.

Audi fürchtet beim Zukunftsthema autonomes Fahren um Standort Europa

Beim Zukunftsthema Autofahren mit Autopilot mahnt Audi rasche Gesetzesänderungen in Europa an. Ohne eine Erlaubnis für mehr Testmöglichkeiten im normalen Verkehr laufe der Heimatkontinent Gefahr, bei dem wegweisenden Thema den Anschluss zu verlieren, sagte Entwicklungschef Ulrich Hackenberg am Montag auf der Auto-Messe in Detroit. „Das bieten uns die USA - Europa und Deutschland aber momentan nicht. Und deswegen machen wir darauf aufmerksam: Wenn wir das nicht tun, dann verliert der Standort die Technologie - nicht wir.“ Audi-Chef Rupert Stadler sagte: „In Amerika ist alles erlaubt, bis es verboten wird. Und bei uns ist erst einmal alles verboten, bis es irgendwann erlaubt wird.“

Jaguar schafft mit neuem SUV-Modell 1300 Jobs in Großbritannien

Der Nobel-Autobauer Jaguar Land Rover lässt sein neues SUV-Modell in der Heimat Großbritannien bauen und will damit 1300 neue Arbeitsplätze schaffen. Die Geländelimousine der Marke Jaguar wird im Werk im englischen Solihull gefertigt, teilte das Tochterunternehmen des indischen Autokonzerns Tata Motors am Montag mit. Das unterstreiche erneut die Bindung des Unternehmens ans Vereinigte Königreich, sagte der deutsche Unternehmenschef Ralf Speth laut Mitteilung auf der Automesse in Detroit. Im vergangenen Jahr verkaufte das Unternehmen mit rund 463.000 Fahrzeugen neun Prozent mehr als 2013. 2015 will Jaguar Land Rover erstmals die Marke von einer halben Million verkauften Autos knacken.

Volkswagen setzt seine Hoffnungen auf den „CrossBlue“

Volkswagen sieht nach einer längeren Durststrecke in den USA auch für 2015 und 2016 keine rasche Wende der Lage. Zwar ist US-Chef Michael Horn zuversichtlich, dass die VW-Kernmarke in den USA in den nächsten zwei Jahren dank überarbeiteter Modelle und neuer Technik die Position halten beziehungsweise leicht ausbauen könne, sagte er am Montag auf der US-Automesse in Detroit. Doch spürbar mehr Schub folge erst, wenn die angekündigte große Geländelimousine (SUV) mit Arbeitsnamen CrossBlue ab Ende 2016 und 2017 zusätzlich auch eine Langvariante des SUV Tiguan auf den Markt rollen. „Der Wachstumsschub - der kann erst dann kommen, wenn auch die große SUV-Offensive kommt.“ Horn versprach somit ein „Riesenfeuerwerk“ für 2017, mahnte aber auch an, es müsse danach weitergehen. Dabei merkte er an, dass es im Konzern konkrete Überlegungen für mehr Modelle auf dem US-Markt gebe. Dazu zählten die nächste Version der Luxuslimousine Phaeton oder Modelle aus den Reihen der leichten VW-Nutzfahrzeuge wie etwa ein Pick-up oder ein Großtransporter. Die drei genannten Modelle bietet Volkswagen in den USA noch nicht an. Anders als die VW-Premiumtöchter Audi und Porsche schwächelt die VW-Kernmarke in den USA seit längerem. Eineinhalb Jahre lang waren die US-Verkäufe trotz eines Marktbooms auf Talfahrt. 2014 brachte der Marke ein Zehntel Rückgang. Auf Jahressicht kamen 367.000 VW zusammen - bis 2018 sollen es gut doppelt so viele sein.

 
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