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Internet-Serien-Anbieter : Netflix verwirrt mit Kundenzahlen

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„Das Dümmste, das ich jemals gehört habe“: So kommentiert ein Analyst die angeblichen Gründe für schwache US-Zahlen.

Plakate, die für „Orange is the New Black“ werben, sind in deutschen Städten präsent wie einst Zigarettenreklame. „House of Cards“ gilt schon jetzt als Serienklassiker. Netflix sticht unter den Anbietern von Video-Streaming vor allem durch seine Eigenproduktionen hervor (hier die Streaming-Tipps der Redaktion von shz.de). Die kosten viel Geld - und das setzt ständig wachsende Nutzerzahlen voraus. Weltweit klappt der Plan, in den USA laut jüngsten Zahlen jedoch nicht mehr im erhofften Maße(hier der Quartalsbericht, hier die Agenturfassung von Reuters, beides englisch).

Video-Streaming hat den DVD-Verleih nahezu ersetzt und bedroht auch das klassische Fernsehen. Netflix, selbst ehemals DVD-Verleiher, ist der Pionier der Branche. Größter internationaler Wettbewerber ist Amazon. In Deutschland startete Netflix im September 2014. Als nächste Länder sind Spanien, Italien und Portugal vorgesehen.

Im Zeitraum Juli bis September hat Netflix in den USA nur 880.000 neue Abonnenten gewonnen. Die Vorhersage des Unternehmen lag bei 1,15 Millionen. Die Netflix-Aktie fiel daraufhin nachbörslich zeitweise um 15 Prozent.

Netflix-Chef Reed Hastings.
Netflix-Chef Reed Hastings. Foto: Netflix

Als Grund gab Netflix eine Umstellung bei US-Kreditkarten an. Die alten Karten mit Magnetstreifen werden durch Karten mit Chip ersetzt. Ältere Karten, mit denen das Abo abgerechnet wird, funktionieren deshalb nicht mehr. Netflix-Chef Reed Hastings bezeichnete diesen Effekt als „unfreiwillige Abgänge“. Analyst Michael Pachter von der Brokerfirma Wedbush konterte: „Das ist das Dümmste, das ich jemals gehört habe.“

Eigentlich hatten Marktexperten damit gerechnet, dass das Wachstum bei Netflix auch in den USA anzieht. Grund: Das Unternehmen hat für Neukunden eine Preiserhöhung angekündigt, bei Bestandskunden bleibe der Preis aber gleich. Das würde normalerweise dazu führen, dass Menschen, die über ein Abo nachdenken, nicht länger warten.

Auch in Deutschland hatte Netflix jüngst eine Preiserhöhung um einen Euro für Neukunden angekündigt. Netflix-Abos können jederzeit unterbrochen werden. Wer das Abo wieder aufleben lässt, gilt jedoch als Neukunde und muss den erhöhten Preis zahlen.

International ist das Wachstum von Neflix ungebrochen. Im abgelaufenen Quartal betrug das Kundenwachstum weltweit 2,74 Millionen. Das Unternehmen hatte 2,4 Millionen vorausgesagt. Insgesamt hat Netflix weltweit knapp 70 Millionen Abonnenten.

Hintergrund: Ein Interview mit Netflix-Chef Reed Hastings

Herr Hastings, was haben Sie in sechs Monaten über deutsche Kunden gelernt?

Sie schirmen ihre Kinder gern vor Werbung ab, das ist für sie ein wichtigeres Argument für einen Dienst wie Netflix als für Nutzer in anderen Ländern. Inhalte für Kinder werden entsprechend stark nachgefragt. Bei Erwachsenen ist zum Beispiel „Better Call Saul“ populär, wahrscheinlich weil der Vorläufer „Breaking Bad“ so erfolgreich war.

In Deutschland laufen aber neue Folgen einer Ihrer wichtigsten Serien, „House of Cards“, zunächst beim Bezahlsender Sky. Wird das auch bei künftigen Staffeln so sein?

Ja, das wird bis zum Ende der Serie so bleiben. Wir konnten uns damals die internationalen Rechte nicht leisten.

Sie sagten vor einiger Zeit, klassisches lineares Fernsehen werde in 15 bis 20 Jahren aussterben. Bleiben Sie bei dieser Prognose?

Ja, lineares Fernsehen wird im Niedergang sein wie die Festnetz-Telefonie nach der Ausbreitung von Handys. Die heutigen Sender werden sich zu Internet-Netzwerken wandeln. Sport wird ein wichtiger Treiber sein. Auch ein Sender wie das ZDF wird in der Zukunft über das Internet übertragen.

Wird Netflix für Sportrechte mitbieten?

Nein. Wir werden uns auf Serien und Filme konzentrieren. Sport ist sehr teuer. Aber wir wollen schnell international wachsen. Als wir in Deutschland vor sechs Monaten starteten, hatten wir etwa 15 Millionen Nutzer außerhalb der USA, jetzt haben wir 20 Millionen. Wir sind jetzt in 50 Ländern und wollen in den nächsten 18 Monaten auch in den restlichen 150 verfügbar sein.

In Europa will die EU-Kommission dafür sorgen, dass Medieninhalte über Ländergrenzen hinweg ohne sogenanntes Geoblocking verfügbar sind. Sind Sie bereit dafür?

Wir hätten gern europaweite Lizenzen. Wir werden in eineinhalb Jahren überall in Europa verfügbar sein, das wird uns nicht schaden. Und bei Sendungen, die wir selbst produzieren, halten wir es jetzt schon so. Grundsätzlich eine schwierigere Frage ist, ob Behörden so etwas vorschreiben sollten.

Die EU-Kommission will auch gleiche Rahmenbedingungen für Telekom-Anbieter und Internet-Firmen. Die Netzbetreiber beschweren sich, dass Online-Unternehmen in ihrer Infrastruktur Geld verdienen, ohne sich am Aufbau zu beteiligen. Und Netflix gilt als große Daten-Schleuder.

Deren Kunden wollen Netflix nutzen, deswegen holen sie sich auch teurere Verträge mit höherer Internet-Geschwindigkeit. Die Telekom-Firmen wollen als gute Kapitalisten diese Erlöse behalten und uns gleichzeitig zur Kasse bitten. Das ergibt keinen Sinn. Richtig ist aus unserer Sicht: Die Telekom-Betreiber zahlen für das Netz, wir zahlen für die Inhalte – und der Kunde entscheidet, zu welchem Dienst er geht. Das ist Netzneutralität, wenn der Kunde entscheidet.

(das Interview wurde im Mai 2015 geführt von Andrej Sokolow)

 

 

 

 

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erstellt am 15.Okt.2015 | 10:26 Uhr

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