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Video zu Vortrag von Dirk Müller : Mr. Dax in Flensburg: „Die Börse lehrt Demut“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Fondsmanager und Buchautor Dirk Müller über die Geldpolitik, die nächste Finanzkrise und die richtige Anlagestrategie für Sparer.

Herr Müller, die Weltwirtschaft ist angeschlagen, die Ausschläge an den Finanzmärkten werden größer, die Nervosität steigt. Sie sind Fondsmanager und Börsenexperte – schlafen Sie nachts noch ruhig?
Ich schlafe sogar sehr ruhig. Als guter Anleger lebt man von fallenden ebenso wie von steigenden Kurse. Wann soll ich günstig Aktien von guten Unternehmen erwerben, wenn nicht bei fallenden Preisen? Nur dann kann ich von steigenden Kursen profitieren. Ich nutze fallende Kurse immer für Zukäufe. Gerade wenn an der Börse der Ausverkauf losgeht, freue ich mich. Richtig ist allerdings, dass die Situation an den Börsen derzeit äußerst angespannt ist. Ich befürchte, dass wir in eine weltweite Rezession laufen, die gefährlicher ist als das, was wir 2008 gesehen haben.

Derzeit wird viel über die Geldpolitik diskutiert. Nach dem Terrorangriff 9/11 in New York im Jahr 2001 setzte die US-Notenbank Fed auf eine Politik des billigen Geldes – die direkt in der Finanzkrise 2007/2008 endete. Seither verfolgt die Europäische Zentralbank EZB dieselbe Strategie – die Märkte werden mit Geld geflutet, die Zinsen sind faktisch abgeschafft. Sind wir auf direktem Weg in eine neue, noch größere Finanzkrise?
Ja, das muss man leider befürchten. Wir haben die Krise 2008 nie richtig verarbeitet. Wir haben damals mit allem, was zur Verfügung stand, versucht, das Ruder herumzureißen und damit noch Schlimmeres verhindert. Aber die Kernprobleme wurden nur in die Zukunft verschoben. Die Frage ist deshalb nicht ob, sondern wann uns das auf die Füße fällt. Und es sieht so aus, als sei das jetzt der Fall.

Spricht da der Untergangsprophet Dirk Müller?
Ich wehre mich entschieden gegen diese Titulierung. Für einen erfolgreichen Job an der Börse gehört es zwingend, die Chancen genauso zu sehen wie die Risiken. Auch wenn viele das nicht hören wollen. Warum sprechen Sie jemanden, der Chancen aufzeigt, nie als „Rosa-Wolken-Prophet“ an? Im Übrigen ist das derzeit nicht nur meine Einschätzung. Große Namen wie George Soros, Carl Icahn, die Royal Bank of Scotland und selbst der Chefvolkswirt der OECD sehen die Risiken noch aggressiver als ich. Ich darf daran erinnern: Wir hatten 2008 „nur“ eine platzende Immobilienblase. Wir haben jetzt die Situation, dass der komplette eurasische Kontinent in existenziellen Schwierigkeiten steckt. Europa kämpft mit einer politischen Krise – denken wir an die Flüchtlingsproblematik, an einen möglichen Brexit, an die katastrophale Situation in Griechenland oder die Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa. Wir sehen den Nahen Osten in Flammen. Russland steckt aufgrund der niedrigen Rohstoffpreise in massiven Schwierigkeiten, ebenso die erdölexportierenden Länder. Und in China endet gerade ein 20-jähriger Boom. Das sind Probleme, die sich gegenseitig beeinflussen und verschärfen. Dagegen war die Immobilienblase 2008 in den USA eher harmlos.

Was bedeutet das für Anleger, wie sollen die reagieren?
Die müssen momentan sehr, sehr genau aufpassen, was sie tun.

Blicken wir kurz auf einzelne Anlageoptionen. Was taugen Staatsanleihen noch – einst Favorit der deutschen Sparer?
Anleihen kann man gar nicht mehr empfehlen – für die gibt es null Zinsen oder es müssen sogar Negativzinsen bezahlt werden. Das heißt: Staaten bekommen Geld dafür, dass sie Kredite aufnehmen. Das ist eine völlig verrückte Welt. Und jetzt denkt man auch noch darüber nach, den Bürgern Geld zu schenken, damit sie einkaufen gehen. Das heißt, die Notenbanken sind im Panikmodus. Keine Idee ist verrückt genug, um sie nicht aus der Kiste zu holen. Das macht man nur, wenn wirklich Feuer unterm Dach ist. Nicht umsonst warnt der Chefvolkswirt der OECD davor, dass in der nächsten Rezession viele Anleihen nicht mehr bedient und zurückgezahlt werden – also nichts mehr wert sind.

Das klingt nach einer ausweglosen Situation für Anleger.

Die Börse lehrt Demut. Man kann nur Wahrscheinlichkeiten abklopfen, Chancen und Risiken abwägen. Wenn alle das Negative erwarten, kann natürlich auch das Gegenteil passieren. Vielleicht verschieben sich die Probleme ja wieder: China schafft mit seiner Seidenstraßenstrategie die Kehrtwende, Europa löst das Flüchtlingsproblem, und der Ölpreis steigt. Möglicherweise dreht sich das Ganze wieder, und wir sehen neue Jahreshöchststände am Aktienmarkt. Ich halte die Risiken momentan zwar für größer als die Chancen. Aber die Märkte sind verrückt und schwer kalkulierbar.

Welche Strategie verfolgen Sie mit Ihrem Fonds, um langfristig erfolgreich an der Börse zu investieren?
Mein eigenes Vorgehen: Ich empfehle 10 bis 20 Prozent liquides Anlagevermögen in physischen Edelmetallen, vor allem Gold und Silber, und genug Cash, um jederzeit allen Verpflichtungen nachkommen zu können. Ansonsten kaufe ich Aktien von guten Unternehmen mit einem starken Geschäftsmodell und wenig Verschuldung. Gleichzeitig sichere ich das Aktiendepot gegen Kurseinbrüche ab für den Fall, dass es stärker nach unten geht.

Derzeit wird viel Geld in Immobilien gesteckt. Allerdings läuft der Markt langsam heiß. Bildet sich da gerade eine Blase?

Leider ja. Es gibt kaum noch günstige Immobilien. Die Zinsen sind zwar sehr niedrig, dafür sind die Preise sehr hoch. Das heißt: Was ich auf der einen Seite an Zinsen spare, zahle ich auf der anderen Seite bei der Immobilie mehr.

Gibt es einen Geheimtipp zur Geldanlage, den Sie normalen Sparern verraten können?
Das habe ich bereits. Mein Geheimtipp ist mein Konzept: Das Geld in solide Unternehmen investieren, die Investition absichern und eine Reserve halten. Die Absicherung kostet relativ wenig. Man ist dabei und verdient gutes Geld, wenn es an der Börse nach oben geht. Und ich habe auf dem Weg nach unten Liquidität, um Aktien billig einzukaufen, ohne dass mein Vermögen weniger geworden ist. Damit fühle ich mich in unsicheren Zeiten sehr wohl.

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erstellt am 12.Apr.2016 | 07:54 Uhr

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