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Bus und Bahn : Mit Kommentar: Forderung nach Azubi-Ticket für SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Gesellschaft muss ein Interesse an Ausbildung haben – und bereit sein, dafür zu zahlen, meint Till H. Lorenz.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2017 | 09:33 Uhr

Mit einem vergünstigten Azubi-Ticket für Bus und Bahn soll die Ausbildung für junge Menschen in Schleswig-Holstein attraktiver werden. Die Jugend-Organisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) fordert, dass Auszubildende – ähnliche wie Studenten – mit einem ermäßigten Ticket entlastet werden sollen.

Während Studenten Vergünstigungen im ÖPNV bekommen, gehen Azubis bislang leer aus. Dabei müssen sie zu ihrem Arbeitsplatz häufig raus aufs Dorf, während Studenten in Universitätsstädten den öffentlichen Nahverkehr direkt vor der Haustür haben.

„Azubis haben wenig Geld, aber hohe Kosten für Mobilität“, sagt die DGB-Jugendbildungsreferentin Katharina Meyn. Täglich müssten weite Strecke zum Ausbildungsbetrieb und den Berufsschulen zurückgelegt werden. „Wir brauchen endlich ein SH-Azubi-Ticket, das alle Azubis günstig erwerben können“, sagt Meyn, und sie ist damit nicht allein. „Um jedem eine Ausbildung möglich zu machen, sollte die Landesregierung einen klaren Fahrplan für die Schaffung eines freien und kostenlosen Azubi-Tickets vorlegen“, sagt Martin Rümmelein, Landesschülersprecher der Berufsbildenden Schulen.

Arbeitgeber im Land stellen sich hinter die Forderungen von DGB Jugend und Landesschüler-Vertretung. „Gerade in einem Flächenland bietet sich ein vergünstigtes Ticket für Auszubildende an, um diesen einen größeren Aktionsradius zu ermöglichen und damit das Ausbildungsplatzangebot zu erweitern“, sagt Sebastian Schulze, Geschäftsführer beim Unternehmensverband Nord. Die Arbeitgeber würden sich allerdings „für ein gemeinsames Ticket mit Hamburg“ aussprechen. Bereits heute bestünden große Pendlerverflechtungen zwischen den Ländern.

Auch die Opposition im Land spricht sich für die Unterstützung der Azubis aus. „Junge Menschen müssen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land mobil sein“, sagt Tobias Loose von der Jungen Union Schleswig-Holstein. Das sei für Studenten wichtig – „aber eben gerade auch für die Berufsschüler“. Es sei nicht ersichtlich, „warum nach dem Willen von SPD, Grünen und SSW Studierende einen erleichterten Zugang zur ÖPNV-Nutzung erhalten sollen – aber Auszubildende nicht“, so die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Anita Klahn, und verweist damit auf Pläne der Koalition zur Einführung eines landesweiten Semestertickets für Studierende. Sie fordert Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) auf, den Landtag über die finanziellen Auswirkungen eines solchen Azubi-Tickets zu unterrichten.

Eine Lösung allein auf Landesebene dürfte es allerdings vorerst nicht geben. Meyer sagt, dass im Zusammenhang mit der Einführung eines Nordtarifs Ticket-Angebote diskutiert würden, die über das Semester-Ticket für Studenten hinausgingen. Dazu zählte ihm zufolge auch ein Angebot für Azubis. Für den Nordtarif führt das Land derzeit Gespräche mit Niedersachsen und Hamburg.


Kommentar: Freie Fahrt für die Jugend

von Till H. Lorenz

Seit Jahren wird über den Fachkräftemangel auf der einen Seite, die Akademisierung der Gesellschaft auf der anderen Seite diskutiert. Worüber viel zu wenig gesprochen wird, ist hingegen die Mobilität junger Menschen. Und wenn über die Mobilität junger Menschen gesprochen wird, geht es vorrangig um Studenten. Das ist ein fatales Signal an all jene, die durch Lehre und Ausbildung zur Fachkraft von morgen werden sollen. Das sind nämlich nicht die angehenden Geistes- und Kulturwissenschaftler, die Soziologen, Germanisten und Philosophen in den Hörsälen und Seminaren, sondern die Handwerks-Lehrlinge, Handels- und Industrie-Azubis.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Hochschulen mehrheitlich inmitten von Schleswig-Holsteins größten Städten liegen – Kiel, Lübeck, Flensburg. Viele Studenten finden so vor Ort, wo sie oft genug auch leben (am liebsten in Uni-Nähe), eine gute Infrastruktur mit Bus und Bahn vor. Das spricht sicherlich nicht gegen ein Semesterticket, auch nicht gegen ein landesweites Ticket. Es spricht aber gegen eine Ungleichbehandlung von Auszubildenden und akademischem Nachwuchs. Denn viele Ausbildungsbetriebe liegen eben außerhalb der großen Städte, auf dem Land, in den Dörfern. Mit der Verkehrsinfrastruktur ist es da meist nicht weit her. Hinzu kommt der Weg zur Berufsschule, der schlimmstenfalls quer durchs ganze Land führt. Das rechtfertigt ein Azubi-Ticket allemal.

So mancher könnte nun sagen, dass es doch Sache der Betriebe sei, für die Attraktivität des Ausbildungsplatzes zu sorgen und Fahrtkosten-Zuschüsse zu zahlen. Das ist zwar richtig – es benachteiligt aber gerade kleinere Betriebe und dürfte im Zweifelsfall dazu führen, dass eben überhaupt keine Ausbildung mehr stattfindet. Das wäre regionalpolitisch fragwürdig, sozialpolitisch und wirtschaftspolitisch fatal. Denn die Gesellschaft muss ein Interesse an Ausbildung haben – und bereit sein, dafür zu zahlen.

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