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IAA 2017 in Frankfurt : Mit dem Strom: Autoindustrie kündigt Offensive bei Elektrofahrzeugen an

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Die Autobranche kämpft mit den Folgen des Diesel-Skandals. Auf der IAA rücken alternative Antriebe in den Fokus.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 15:38 Uhr

Frankfurt/Main | Mit einer Offensive bei Elektrofahrzeugen wollen die deutschen Autobauer die Diesel-Krise hinter sich lassen. Allein Volkswagen erhöht die Investitionen in E-Autos auf 20 Milliarden Euro und plant bis zum Jahr 2025 mehr als 80 neue Autos mit Elektromotor. BMW will dem aufstrebenden US-Elektroautobauer Tesla mit einem Elektro-Coupé demnächst Paroli bieten. Daimler stellt seine Kleinwagenmarke Smart komplett auf elektrische Antriebe um.

Allerdings ließ der Diesel-Abgasskandal die Branche auch zum Auftakt der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) am Dienstag nicht los. Angesichts der anhaltenden Debatte um Diesel-Fahrverbote in Städten registriert Daimler inzwischen Besorgnis bei seinen Kunden. „Natürlich hat die Einfahrverbots-Diskussion noch mal eine zusätzliche neue Qualität, die zum ersten Mal auch Nachfragen unserer Kunden in den Verkaufshäusern auslöst - das war vorher nicht der Fall“, sagte Vorstandschef Dieter Zetsche in Frankfurt. Er ergänzte, es gebe erste Anzeichen dafür, dass sich die Diskussion nach der Bundestagswahl versachlichen werde.

Die Schwerpunkte der IAA

Diesel

Noch viele Jahre werden Verbrennungsmotoren die Autos antreiben - das zu betonen, werden die deutschen Autobauer und Zulieferer nicht müde. Das schließt den Diesel ein, allerdings sinkt sein Marktanteil bei Neuwagen in Deutschland seit langem. Im Juli gab er auf 40,5 Prozent nach - das war im Vergleich zum Vorjahresmonat ein Rückgang bei den Neuzulassungen um 12,7 Prozent.

Ein Grund: Immer neue Berichte über Abgas-Tricksereien, Differenzen zwischen Abgaswerten auf dem Prüfstand und im echten Verkehr sowie Debatten über Fahrverbote für ältere Dieselmodelle verunsichern. Die Branche versucht gegenzusteuern - wie jüngst auf dem Dieselgipfel, als die deutschen Autobauer versprachen, Millionen ältere Wagen per Software-Update nachzurüsten. Außerdem sollen Prämien den Kauf neuer Dieselfahrzeuge ankurbeln. Kritiker finden dies unzureichend.

Unter den Herstellern ist seit langem vor allem Volkswagen im Fokus. Der Konzern hatte im September 2015 eingeräumt, die Abgasreinigung von Millionen von Dieselmotoren manipuliert zu haben. Dies hatte den Konzern in eine tiefe Krise gestürzt - und über 20 Milliarden Euro gekostet. Das Diesel-Image hat seitdem schwer gelitten.

Alternative Antriebe

Das E-Auto bleibt ein Mega-Trend - doch der Elektropionier Tesla ist mit seinem wichtigen Volumenmodell 3 bei der Messe nicht am Start. Anfang Juli begann die Serienproduktion des ersten günstigeren Wagens von Tesla. Für 2020 wird bei der Produktion die Millionen-Marke angepeilt. Ebenfalls ab 2020 sagt VW-Markenchef Herbert Diess nach früheren Angaben den Durchbruch für die Elektromobilität voraus - mit dem Start des VW-Hoffnungsträgers ID.

Mehr als 30 Elektrofahrzeuge bieten die deutschen Hersteller laut Branchenverband VDA als Serienmodelle an. Das Problem: Sie sind noch vergleichsweise teuer, und die Reichweiten genügen vielen Autofahrern nicht. Während es in Großstädten dichte Ladenetze gibt, ist die Abdeckung auf dem Land zudem noch dünn. Und weil die Ökobilanz vom Strommix abhängt, wird immer wieder etwa auf die Brennstoffzelle verwiesen. Diese sei ein „ewiges Zukunftsmodell“, kritisierte Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer unlängst. „China als größter Markt der Welt wird es nicht nehmen.“ Dort setze man auf das E-Auto

Digitalisierung

Digitale Kartendienste und Systeme, die für Autos individuelle Routen berechnen, um Staus zu vermeiden, Carsharing, Roboter-Busse und autonomes Fahren - die Digitalisierung hat die Branche fest im Griff. Das Internet erobert das Auto, Radartechnik und Kamerasoftware für autonome Fahrfunktionen werden immer wichtiger, wenn der Mensch langfristig das Steuer aus der Hand gibt.

IT-Firmen wie Google, SAP und Facebook sind auf der Messe vertreten - denn die Daten-Giganten mischen kräftig mit, wenn künftige selbstfahrende Autos mit ihrer Umgebung Daten austauschen sollen.

Doch trotz der Tech-Schwergewichte fahren bislang deutsche Hersteller bei der Entwicklung autonomer Autos vorneweg. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ergab kürzlich, dass 52 Prozent der weltweit angemeldeten Patente hier auf heimische Firmen entfallen. Unter den Top 10 sind demnach sechs Unternehmen aus Deutschland - davon vier Hersteller und zwei Zulieferer. Sie wurden oft dafür kritisiert, angeblich neue Trends verschlafen zu haben.

 

Die Autobranche ist vor der Wahl zunehmend unter Druck geraten, innovativer und umweltfreundlicher zu werden. Der Diesel-Marktanteil bei den Neuzulassungen in Deutschland geht zurück. Zugleich ist die Branche in einem grundlegenden Wandel. Schwerpunkte sind alternative Antriebe wie der Elektromotor, autonomes Fahren sowie die Digitalisierung mit immer mehr Internet im Auto.

Auf der IAA, die am Donnerstag von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet wird, sind 994 Aussteller vertreten. Gezeigt werden den Veranstaltern zufolge 228 Weltpremieren. Dazu zählen auch wieder zahlreiche schwere Geländewagen mit Verbrennungsmotoren sowie Sportwagen mit viel PS. Mit dem boomenden SUV-Segment verdient die Branche viel Geld.

Mercedes-Benz

Mit dem elektrischen Maybach Vision 6 Cabrio und einem 3 Millionen Euro teuren AMG-Sportwagen auf Formel-1-Basis sprengt Mercedes-Benz die üblichen Dimensionen. Auf höhere Stückzahlen dürfte die neue X-Klasse kommen, mit der Daimler in die Pick-up-Sparte startet. Mit dem Concept EQ zeigen die Schwaben ihre Elektro-Kompetenz. Technisch interessant ist auch der GLC F-Cell, der weite Strecken mit der Brennstoffzelle zurücklegt und über eine Batterie mit Strom geladen werden kann, wenn keine Wasserstoff-Tankstelle in der Nähe ist.

Die neue X-Klasse ist ein Schwergewicht mit Ladefläche, hat überwiegend Diesel-Antrieb.

Die neue X-Klasse ist ein Schwergewicht mit Ladefläche, hat überwiegend Diesel-Antrieb.

Foto:dpa

 

Volkswagen, Skoda, Audi

Bei Volkswagen ist der neue Polo die wichtigste Innovation. Der einstige Kleinwagen ist längst auf Golf-Niveau gewachsen und soll 2018 auch als SUV kommen.

Der neue VW Polo feiert Anfang September Publikumspremiere auf der IAA in Frankfurt und soll Ende desselben Monats in den Handel kommen.

Der neue VW Polo feiert Anfang September Publikumspremiere auf der IAA in Frankfurt und soll Ende desselben Monats in den Handel kommen.

Foto:Markus Heimbach/Volkswagen AG/dpa-tmn

Aus dieser überaus beliebten Fahrzeugklasse stammen auch der etwas größere T-Roc und der „City-SUV“ Arona der Konzerntochter SEAT.

Der T-Roc kommt im November.

Der T-Roc kommt im November.

Foto:Volkswagen AG/dpa-tmn

 

Deren Schwester Skoda hat mit dem Karoc ebenfalls einen neuen Hochbeiner im Programm. Die VW-Nobelmarke Audi stellt mit dem A8 ihr neues Flaggschiff vor, das bis 60 km/h vollständig autonom unterwegs sein soll. Der Elektro-Bulli I.D. Buzz gibt einen Ausblick in die elektrische Zukunft von Volkswagen.

Porsche

Porsche lässt einstweilen die Finger von Stickoxid-verdächtigen Diesel-Motoren und präsentiert den dritten Cayenne-SUV vorerst ausschließlich mit zwei markentypischen Benzin-Sechszylinder-Motoren mit 340 beziehungsweise 440 PS.

Dritte Generation: Den Verkauf seines großen Geländewagens Cayenne will Porsche noch in diesem Jahr zu Preisen ab 74.828 Euro starten.

Dritte Generation: Den Verkauf seines großen Geländewagens Cayenne will Porsche noch in diesem Jahr zu Preisen ab 74.828 Euro starten.

Foto:Porsche AG/dpa-tmn

 

Opel

Der zum französischen PSA-Konzern gewechselte Hersteller Opel kann bereits die zweite Kooperation mit den Franzosen vorzeigen. Nach dem Crossland kommt auf Basis des erfolgreichen Peugeot 3008 der Grandland als mittelgroßes SUV angefahren.

BMW

Auch BMW will weiter gut am SUV-Boom verdienen und stellt mit X3 und X2 gleich zwei neue Modelle in die Schauräume. Das etablierte Elektro-Mobil i3 wird um ein sportliches Modell i3s erweitert.

Der neue BMW X3.

Der neue BMW X3.

Foto:BMW/dpa-tmn

 

Autonome Fahrzeuge

Noch ziemlich weit von der Serie entfernt sind Autonome Fahrzeuge, die bei der IAA auf einem Extragelände unterwegs sind. Auf dem Parcours vor der Halle 3 sind unter anderem VW, Audi, Daimler sowie die Zulieferer Continental, ZF und Bosch aktiv.

Borgward

Der chinesisch-deutsche Autobauer Borgward will bis Ende des Jahres auch in Deutschland ein Comeback wagen. Die ersten Fahrzeuge sollen im vierten Quartal an Kunden ausgeliefert werden, wie Vorstandschef Ulrich Walker am Dienstag auf der IAA ankündigte. Es handelt sich um eine limitierte Edition des SUV BX7.

Borgward BX7.

Borgward BX7.

Foto:dpa

 

 

Später dann sollen die Modelle BX7, BX5 und BX6 folgen, zunächst als Benziner. In China und anderen Ländern ist Borgward schon auf dem Markt. Seit Jahresbeginn habe das Unternehmen mit Sitz in Stuttgart einen Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro erzielt, sagte Walker. Mittelfristig wolle Borgward schwarze Zahlen schreiben.

Das Borgward Isabella Concept.

Das Borgward Isabella Concept.

Foto:dpa

Das Unternehmen gehörte einst zu den bekanntesten Autoherstellern Deutschlands und ging 1961 pleite. Im heutigen Daimler-Werk in Bremen-Sebaldsbrück rollten bis Anfang der 1960er Jahre jährlich bis zu 100 000 Fahrzeuge vom Band. Borgwards Enkel Christian belebte die Marke 2015 wieder. Hauptaktionär und alleiniger Investor von Borgward ist der chinesische Lastwagenbauer Foton.

 

Als Zukunft gilt aber die Elektro-Mobilität, auch wenn die Nachfrage nach E-Autos in Deutschland immer noch gering ist. Hauptgründe sind der vergleichsweise hohe Preis der Fahrzeuge, die geringere Reichweite und eine fehlende flächendeckende Lade-Infrastruktur.

VW-Chef Matthias Müller kündigte an, bis 2030 solle es für jedes der weltweit rund 300 Modelle des VW-Konzerns mindestens eine elektrifizierte Variante geben. Hintergrund ist eine „Roadmap E“ genannte Strategie - laut VW die umfassendste Elektro-Offensive in der Autoindustrie. Der Umbau ist auch Folge des Abgas-Skandals.

Volkswagen profitiert von Diesel-Umstiegsprämie

Volkswagen kann mit seiner Diesel-Umstiegsprämie verhältnismäßig viele Neuwagenkäufer von Elektroautos überzeugen. Die Kunden hätten sehr positiv auf die sogenannte Umweltprämie reagiert und bereits mehr als 10.000 Neuwagen bestellt, sagte VW-Markenvertriebschef Jürgen Stackmann am Dienstag in Frankfurt auf der Automesse IAA. „Der Umstieg in die Elektromobilität mit der Zukunftsprämie funktioniert: mehr als 800 Kunden haben sich für Elektrofahrzeuge entschieden“, sagte Stackmann.

Mit dem Rabatt für die gleichzeitige Verschrottung eines alten Dieselfahrzeugs erreiche der Wolfsburger Autobauer zudem neue Kunden, 40 Prozent seien Markenwechsler. Der Anteil von elektrifizierten Antrieben an den Neuzulassungen liegt in Deutschland trotz der E-Auto-Kaufprämie noch immer recht niedrig.

Im August waren es gut 9000 Fahrzeuge mit reinem Elektro- und Hybridmotor bei insgesamt knapp 254.000 neu zugelassenen Pkw – das sind rund 3,6 Prozent.

Auf dem Dieselgipfel Anfang August hatten sich Unternehmen und Politik auf eine weitgehende Softwareumrüstung von älteren Dieselautos mit hohem Stickoxid-Ausstoß geeinigt. Zusätzlich bieten die Hersteller Prämien für Neuwagen bei gleichzeitiger Verschrottung eines alten Diesels an. Bei der Volkswagen-Kernmarke VW Pkw können diese Rabatte für große Autos bis zu 10.000 Euro ausmachen, bei einem Golf sind es bis zu 5000 Euro.

 

Zetsche sagte, bis 2020 solle es bei der Kleinwagenmake Smart in Europa und Nordamerika nur noch Elektrofahrzeuge geben. Der Rest der Welt werde kurz darauf folgen. Außerdem solle bis 2022 das komplette Autoangebot auch mit Elektroantrieben zur Verfügung stehen.

BMW will bis zum Jahr 2025 zwölf rein elektrisch angetriebene Modelle anbieten. Die Münchner zeigten auf der IAA das Elektro-Coupé i-Vision mit 600 Kilometern Reichweite. Wann das Fahrzeug in Serie geht, ist offen. Mit dem Auto will BMW auch gegen den US-Hersteller Tesla antreten, der auf der IAA nicht dabei ist.

Am Diesel wollen die deutschen Autohersteller vorerst festhalten. Für die Klimaziele 2020 sei dieser Antrieb unverzichtbar und klar notwendig, sagte BMW-Chef Harald Krüger. Von einem Verbot von Verbrennungsmotoren halte er gar nichts. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sagte: „Der Diesel ist nicht Teil des Problems, sondern der Lösung.“ Die ganz neuen Motoren seien sauber und effizient.

Der Umweltverband Greenpeace dagegen forderte die Autoindustrie zu mehr Anstrengungen bei umweltfreundlichen Fahrzeugen auf: „Die deutsche Autoindustrie fährt auf Kollisionskurs zum globalen Klimaschutz.“ Greenpeace-Sprecher Gregor Kessler kritisierte, wenn VW 2025 noch immer mindestens 75 Prozent Diesel und Benziner verkaufe, löse das weder die Luftprobleme der Städte noch liefere der Verkehr den nötigen Beitrag zum Klimaschutz.

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