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„Mister Gummibärchen“ ist tot

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Haribo-Chef Hans Riegel erliegt einem Herzversagen / Seinen Erfolg verdankte er seinem Gespür: „Ich liebe Kinder, sie sind meine Kunden“

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2013 | 00:31 Uhr

„Haribo macht Kinder froh“, hat der Bonner Süßwarenhersteller Jahrzehnte geworben. Die Fortsetzung des Spruchs „Und Erwachsene ebenso“ kennt fast jeder Deutsche. Mit Haribo-Chef Hans Riegel ist gestern einer der letzten großen Firmenpatriarchen der Wirtschaftswunderzeit gestorben, dessen Produkte das Land mitgeprägt haben. Er wurde 90 Jahre alt und war bis zuletzt fast jeden Tag im Büro – 67 Jahre lang. Jetzt hat sein Herz versagt.

Hubschrauberpilot, passionierter Jäger in seiner Wahlheimat Österreich oder auf Großwildjagden in Afrika, Leistungssportler als junger Mann und Partykönig auf dem eigenen Ausflugsdampfer MS Haribo – der gebürtige Bonner war eine schillernde Persönlichkeit, ein Marketing-Genie.

Als „Mister Gummibärchen“ machte er das Fruchtgummi, dessen Geheimrezept er zusammen mit Bruder Paul 1946 vom Vater Johann übernommen hatte, und seine weichen Lakritzschnecken zu einem Dauerschlager in den Süßigkeitenregalen im Land – nicht zuletzt dank der jahrzehntelangen Werbetätigkeit des TV-Stars Thomas Gottschalk. Hans Riegel habe seine Firma „mit Bauchgefühl und nicht mit Marktforschung zum Erfolg geführt“, sagte Gottschalk nach der Todesnachricht. Und für sein Gespür fürs Süßwarengeschäft hatte er auch eine einfache Begründung: „Ich liebe Kinder, sie sind meine Kunden.“

Knallhart war er, wenn’s um das Geschäft ging: 1950 ließen ihn säumige Zahler hängen, die Bonner Sparkasse fürchtete um ihre Kredite. „Da marschierten die Herren der Sparkasse bei uns im Werksgelände auf und klebten auf jeden Zuckersack, den sie finden konnten, den Aufkleber ‚Eigentum der Sparkasse Bonn‘“, erzählte er Jahrzehnte später immer noch empört. „Da habe ich mir gesagt: Das passiert dir nicht noch einmal. Von Kreditgebern machst du dich nicht abhängig.“ Und verzichtete fortan auf fremdes Geld, auch als Jahre später der Großinvestor Warren Buffett Interesse an der „Bärenschmiede“ zeigte.

Gekoppelt war sein Geschädftssinn mit einer ordentlichen Prise Humor: Vor versammelter Reporterschar erklärte er: „Ich habe gerade Maoam geschluckt“. Auf die Frage „Ein Kaubonbon?“ kam die stolze Antwort: „Nein, das Unternehmen. Machte besonderen Spaß, war ja früher ein Konkurrent.“

Über seine geschäftlichen Erfolge redete der eingefleischte Junggeselle Riegel sonst wenig. Der Jahresumsatz des Unternehmens liegt laut Branchenkreisen bei rund zwei Milliarden Euro. Riegel hinterlässt einen Großkonzern mit 15 Standorten in Europa und rund 6000 Mitarbeitern sowie ein Familienvermögen von geschätzten 2,75 Milliarden Euro. Damit soll der Betrieb weltweit zu den zehn größten Süßwarenproduzenten gehören. Seit September 2010 sind seine Neffen Hans Arndt Riegel und Hans Guido Riegel mit im Unternehmen, die die Tradition weiterführen.

Riegels hälftiger Anteil geht in eine Privatstiftung, die für den Fortbestand des Konzerns wirken soll. Sie ist im steuerlich attraktiven Österreich angesiedelt, wo Riegel ein Landgut mit Jagd in Hieflau (Steiermark) hatte.

Der am 10. März 1923 geborene Riegel übernahm das Geschäft zusammen mit Bruder Paul kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 von seinem Vater Johann, genannt Hans. Von diesem Namen und der Bonner Heimat (HA-RI-BO) leitete sich auch der Firmenname ab. Der promovierte Volkswirt war der „Hansdampf“ in der Doppelspitze, der aus Zucker, Gelatine, Aroma und Farbstoff immer neue Leckereien produzierte. Bis nach Grönland oder auf die Falkland-Inseln werden Goldbärchen, Lakritz-Schnecken oder Maoam-Kaubonbons geliefert.

Seit Jahrzehnten stand sein Chefsessel am Stammsitz in der Hans-Riegel-Str. 1 in Bonn-Kessenich, direkt am Dampf und Geruch aus der Produktion im alten Backsteinbau. Ganz nah an den Produkten wollte er sein, wenn er direkt vom Band probierte: Was Riegel nicht schmeckte, flog raus.

Fast bis zum Ende seines Lebens hatte Riegel das Glück einer weitgehend intakten Gesundheit. Er machte aber schon wieder einen Spruch draus: Das liege an der großen Menge Gummibärchen-Gelatine, die er schon gegessen habe, sagte er.

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