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Vor Milchgipfel am 30. Mai : Milchpreis fällt erstmals unter 20 Cent – Bauern bangen um Existenz

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Die EU und Berlin suchen nach Wegen aus der Milchkrise. 40 Cent wären für Bauern nötig, um kostendeckend zu arbeiten.

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2016 | 11:40 Uhr

Berlin | Der Preis für den Liter Milch fällt immer weiter und bedroht die Existenz der Landwirte. Nach Angaben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zahlen einige Molkereien inzwischen nur noch 18 bis 19 Cent je Liter. Damit sei der Preis erstmals unter die Marke von 20 Cent gefallen, schreibt das Blatt unter Berufung auf Molkereivertreter. In Brüssel diskutieren die EU-Agrarminister am Dienstag die schwierige Lage der Landwirtschaftsbetriebe in Europa. „Die Mengen, die im Markt nicht verkraftbar sind, drücken auf den Preis, und hier müssen wir gegensteuern“, sagte der österreichische Ressortchef Andrä Rupprechter am Dienstag. Die freiwillige Marktstabilisierung habe noch nicht gegriffen.

Im März hatten in Deutschland große Molkereien noch um die 24 Cent je Liter gezahlt. Wegen eines Überangebots sind aktuell die Milchpreise in ganz Europa im Keller. Um kostendeckend wirtschaften zu können, bräuchten die rund 75.000 Milchbauern in Deutschland einen Erzeugerpreis von etwa 40 Cent pro Liter.

Die EU hatte im März unter anderem den Weg für freiwillige, zeitlich begrenzte Mengenreduzierungen in den EU-Staaten für Milchprodukte freigemacht. Produzenten können sich bei den Produktionsmengen absprechen, ohne kartellrechtlich in Probleme zu geraten. Voraussichtlich im Sommer soll auf EU-Ebene darüber beraten werden, wie wirksam die getroffenen Maßnahmen und ob weitere nötig sind.

Die Bundesregierung will Landwirten derweil mit einem mindestens zweistelligen Millionenbetrag helfen, über den Ende des Monats bei einem Milchgipfel gesprochen werden soll. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) betonte erneut, dass die Überproduktion den Preis drücke und auch dort die Lösung liege: „Es gibt nur einen Weg, wir müssen die Produktion eindämmen“, sagte Schmidt der „Süddeutschen Zeitung“.

Eine Rückkehr zu einer Quotenregelung, um die Milchmenge zu verringern, lehnt Schmidt weiter ab, stellte aber zugleich Hilfen für die Bauern in Aussicht. „Wir werden den Bauern mit Steuererleichterungen und Liquiditätshilfen zur Seite stehen“, sagte Schmidt. Denkbar seien etwa Bürgschaften für Kredite.

Zugleich kritisierte Schmidt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) für seine Entscheidung, die Fusion der Supermarktketten Edeka und Kaiser's Tengelmann zu genehmigen. „Wir müssen eine weitere Konzentration der Supermärkte vermeiden. Kleine Bauern haben gegen die Handelsriesen kaum eine Chance“, sagte Schmidt.

Anfang Mai hatte der Discount-Marktführer Aldi die Preise für einen Liter frische Vollmilch von 59 auf 46 Cent heruntergesetzt - das hat Signalwirkung für den gesamten Handel. Bei den Erzeugern kommt davon ebenfalls weniger an. Am Ende werde aber nur eine Verringerung der Milchmenge helfen, sagte Schmidt. „Nur wenn weniger Milch auf den Markt kommt, steigt der Preis.“ Aldi Nord hatte wie auch andere Händler die weiteren Preissenkungen mit dem Überangebot auf dem weltweiten Milchmarkt begründet. Die Molkereien hätten deshalb die Milch billiger angeboten. Das werde dann auch an die Verbraucher weitergegeben. Der Handel sei nicht für das aktuelle Überangebot an Rohmilch verantwortlich.

Fragen und Antworten zur Milchkrise:

Wie setzt sich der Milchpreis zusammen?

Viel Geld müssen Verbraucher für Milch nicht bezahlen. Für einen Liter H-Milch mit 1,5 Prozent Fettgehalt verlangen manche Discounter derzeit Preise ab 40 Cent, teurere Biomilch mit höherem Fettgehalt kann auch mal etwas mehr als einen Euro kosten.

Am Anfang steht der Preis, den die Molkerei dem Landwirt zahlt. Dazu kommen die Transport-, Produktions- und die Verwaltungskosten der Molkerei, die Kosten für Verpackung, Lagerung, eine Entsorgungsabgabe und schließlich das Geld, das der Handel als Gewinn behält. Im Geschäft kommen 7 Prozent Mehrwertsteuer dazu. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Ernährungswirtschaft (ife) kostet bei einem Supermarktpreis von 55 Cent pro Liter der Transport etwa 1,4 Cent, 8,5 Cent kostet die Verpackung, für Lagerung gehen 2 Cent je Liter drauf.

Doch die Milch kommt nicht nur als Trinkmilch in den Handel. Der weitaus größte Teil wird zu Käse gemacht, laut ife lag dieser Anteil 2014 etwa bei 45 Prozent. 15 Prozent wurden demnach zu Butter verarbeitet, 15 Prozent kamen als Milch in den Handel. Der Rest wurde zu Milchpulver, Joghurt oder anderen Milchprodukten gemacht. Ein direkter Vergleich der Preise für Trinkmilch und der Erzeugerpreise ist nach Angaben des ife also nicht ohne Weiteres möglich.

Was wollen die deutschen Bauern?

Finanzielle Hilfen sind natürlich willkommen und auch in Zukunft gefragt, zudem verlangen sie eine Neuregelung der Beziehungen von Milcherzeugern, Molkereien und dem Handel. Die Geister scheiden sich aber am Thema Milchquote. Während der Deutsche Bauernverband (DBV) ihr nicht nachtrauert, verlangt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), finanzielle Zuschüsse an eine Verringerung der Produktion zu koppeln. Die jahrelang praktizierte EU-Milchquotenregelung war im vergangenen Jahr ausgelaufen. Zuletzt konnten die Bauern so viel melken, wie sie wollten.

Was hat Brüssel bisher für die Branche getan?

Im September 2015 einigten sich die EU-Agrarminister auf ein Notprogramm in Höhe von 500 Millionen Euro. Damit sollten Finanzhilfen und Stützungsprogramme finanziert werden. Auf Deutschland entfielen etwa 69 Millionen Euro. Im März hatte die EU zudem den Weg für freiwillige, zeitlich begrenzte Mengenreduzierungen in den EU-Staaten für Milchprodukte freigemacht. Produzenten können sich nun absprechen, ohne kartellrechtlich in Schwierigkeiten zu geraten. Der BDM kritisiert allerdings, dass diese freiwillige Mengendrosselung nur einen Flickenteppich ergebe.

Was tut die Bundesregierung?

Eine neue Milchquote kommt für Agrarminister Christian Schmidt (CSU) nicht infrage. Sein Credo: „Die Milchkrise muss im Markt gelöst werden.“ Für die Reduzierung der Milchmenge setzt er auf Freiwilligkeit. Schon jetzt greift der Bund Bauern in Not finanziell unter die Arme.

Und was macht die EU-Kommission?

Durch das russische Importembargo für EU-Agrarprodukte in Folge des Ukraine-Konflikts gingen für die heimische Branche wichtige Abnehmer verloren. Die Brüsseler Behörde verstärkt seitdem ihre Bemühungen, für die europäischen Agrarprodukte andere Märkte zu erschließen. EU-Agrarkommissar Phil Hogan reist immer wieder zu Gesprächen, zuletzt war er etwa in Mexiko und Kolumbien.

Worüber wird in Brüssel nun noch gestritten?

Einige Kritiker halten die bisherigen Maßnahmen für nicht ausreichend, anderen gehen sie in die falsche Richtung. Mit der einseitigen Ausrichtung auf den Export werde Bauern, Verbrauchern, Umwelt und den Zielländern gleichermaßen geschadet, sagt etwa der grüne Europaparlamentarier Martin Häusling. Die Orientierung auf den Weltmarkt fördere die Produktion von Massenware und schade auch der Entwicklung einheimischer Märkte mit existenzsichernden Einkommen für Erzeuger in Drittländern.

Manche EU-Staaten fordern für den heimischen Markt stärkere Mengenregulierungen und Ausgleichszahlungen auf EU-Ebene. Besonders kritische Töne schlägt Paris an. Französische Bauern protestieren immer wieder besonders heftig gegen die niedrigen Preise.

Wie soll es weitergehen?

Für stärkere Regulierungen gibt es auf EU-Ebene derzeit keine Mehrheit. Deutschland und etliche andere Länder, vor allem in Mittel- und Nordeuropa, sehen darin vielmehr Rückschritte. Eine Reihe von Ländern hat außerdem noch nicht die vollen Beträge aus dem September-Hilfspaket abgerufen, heißt es in Brüssel. Bis zum Sommer ist nicht mit weiteren Entscheidungen zu rechnen. Erst soll beurteilt werden, wie die im März verabschiedeten Maßnahmen wirken. Ende Juni ist ein weiteres Treffen der EU-Landwirtschaftsminister geplant.

Und wie sieht es konkret in Deutschland aus?

CDU und CSU planen ein Hilfspaket von „100 Millionen Euro plus X“. Details stehen noch nicht fest, im Gespräch sind aber Zuschüsse zur Unfallversicherung, Bürgschaften, damit Banken den Landwirten weiter Geld leihen, und Freibeträge zum Abbau von Schulden. Am 30. Mai lädt Minister Schmidt zum „Milchgipfel“ - dort will er Erzeuger, Molkereien und den Handel an einen Tisch bringen. Kritik daran kommt vom BDM: Die Landwirte hätten „keine Zeit mehr für eine weitere Gesprächsrunde“.

 
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