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2016 in SH : Milchkrise: 400 Betriebe in Schleswig-Holstein geben auf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Höfesterben hat sich angesichts der Niedrigst-Preise in diesem Jahr verdoppelt. Und es könnte im Frühjahr noch weitergehen.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2016 | 08:15 Uhr

Die Landwirtschaftskammer geht davon aus, dass die Milchkrise in diesem Jahr in Schleswig-Holstein mindestens 400 Milchviehhalter zum Aufgeben gezwungen hat. „Alles deutet im Vergleich zum Vorjahr auf eine Verdopplung des Strukturwandels hin, in einer Größenordnung von sieben Prozent“, sagte Kammer-Sprecherin Daniela Rixen. Auf 3600 sei die Zahl der Betriebe gesunken, die Mitglied beim Landwirtschaftlichen Kontrollverein (LKV) sind. Dies dient in Branchenkreisen als Gradmesser, da dem LKV fast alle Höfe mit dem Hauptstandbein Milch angehören.

Im Frühjahr 2016 waren die Erzeugererlöse auf ein Rekordtief von teils unter 20 Cent pro Liter gefallen. Eine Abwärtsspirale war in Gang geraten, nachdem die Milchquote im April 2015 abgeschafft worden war. Derzeit liegt der Netto-Milchpreis für schleswig-holsteinische Erzeuger bei 33,3 Cent. Um mindestens kostendeckend produzieren zu können, brauchen die Bauern 40 Cent.

„Das ist noch keineswegs die endgültige Zahl der Krisenopfer“, kommentiert Kirsten Wosnitza, Landesvorsitzende des Bunds deutscher Milchviehhalter (BDM), die Zahl 400. Sie rechnet mit einer Welle weiterer Betriebsaufgaben im Frühjahr. Grund: Das Wirtschaftsjahr der Landwirte laufe stets von Mai bis Mai – mit der Folge, dass zum Beispiel Pachtverträge oder steuerliche Zahlungen daran geknüpft seien. Deshalb würden sich bis April noch einige existenzbedrohte Höfe weiterhangeln.

Bei der Landwirtschaftskammer ist man nicht ganz so pessimistisch und verweist auf Prognosen leicht steigender Erlöserpreise für das kommende Halbjahr. Dennoch: „Ein Grund zum Jubeln ist das noch lange nicht“, sagt Sprecherin Rixen. „Viele Betriebe müssen jetzt erstmal entstandene Löcher stopfen und Liquiditäts-Darlehen zurückzahlen.“

Auch gebe es keine Garantie, dass es in den nächsten Jahren nicht wieder zu einem Preisverfall komme. „Die globalen Märkte werden entscheiden, wie die Entwicklung weitergeht.“ Selbst bei halbwegs glimpflicher Entwicklung: Die Landwirtschaftskammer rechnet nicht zuletzt wegen eines ohnehin schon lange anhaltenden Betriebsschwunds damit, dass es 2020 weniger als 3000 Milchbauern zwischen Nord- und Ostsee gibt.

„Es sind einfach zu viele Betriebe, die aufgegeben haben“, sagt Agrarminister Robert Habeck zum Höfesterben. Und bei einem Teil der noch bestehenden seien „alle Rücklagen verbraucht, die Substanz angegriffen – bei einigen nicht nur wirtschaftlich“. Für dringend nötig hält der Grünen-Politiker deshalb bessere Kriseninstrumente für die nächste Milchpreiskrise. „Ein ,weiter so' wie bisher kann es nicht geben. Das System richtet sich derzeit gegen sich selbst“, urteilt Habeck.

Immerhin sei es nicht zu dem Mitte des Jahres auch von Habeck befürchteten Strukturbruch von zehn Prozent Betriebsaufgaben gekommen, stellt der Milch-Experte des Bauernverbands, Nicolai Wree, fest. Der Verband bleibe bei seiner Position, dass es nicht hilfreich sei, wenn der Staat mit Geld in Wirtschaftskreisläufe eingreife. Für den kleineren BDM hingegen erneuert Wosnitza die Forderung, im Krisenfall aus Brüssel befristete Mengenbegrenzungen vorzugeben, um Preise zu stützen.
 

Leitartikel von Frank Jung: Der ländliche Raum stirbt mit den Höfen

Zur Jahrtausendwende gab es noch gut 7500 Milchbauern in Schleswig-Holstein. Davon ist nur noch die Hälfte übrig. Merkt eigentlich noch jemand, was für ein Trauerspiel in Schleswig-Holstein hier im Gange ist? Im Sprech der Branchen-Institutionen heißt es abstrakt  „Strukturwandel“. Tatsächlich entkernt das Höfesterben still und leise die ländlichen Räume, lässt Arbeitsplätze, Bevölkerung, Wertschöpfung, gesellschaftliche Aktivität aus der Fläche schwinden. Eine Entwicklung, die am traditionellen Selbstverständnis unseres so stark ländlich definierten Bundeslandes kratzt. Was den bäuerlichen Familienbetrieb schwächt, zieht die Dörfer insgesamt runter. Das muss auch einmal gesagt werden in einer Diskussion, die sich übergeordnet um Marktwirtschaft und Regulierung, um Verbraucherverhalten und Globalisierung dreht. 

Wie Hohn muss für manche Opfer der Milchkrise der Rat klingen, das beste Rezept, sich auf den Weltmarkt einzustellen, sei Wachstum. So einfach ist es nicht. Weggekippt sind nicht durchweg die kleinsten Höfe. Sondern gerade solche, die jüngst massiv expandiert hatten – aber angesichts der mauen Erträge die Kredite für die Investition nicht bedienen konnten.

Im Herbst ist ein – wenn auch vorübergehendes – EU-Programm aufgelegt worden, das Milchbauern für eine Reduzierung ihrer Mengenproduktion belohnt. Man mag nicht an Zufall glauben, dass sich daraufhin beim Preis zumindest ein Trend nach oben eingestellt hat. Auch wenn die Summen irgendwo begrenzt sind, die die öffentliche Hand für Notprogramme aufbieten kann: Zumindest lässt sich aus dieser Erfahrung folgern, dass ein Instrument zur Mengenbegrenzung an sich bei Krisen sinnvoll sein kann. Deshalb sind Politik, Produzenten und Verarbeiter aufgerufen, diesen Ansatz in praktikabler Form weiterzuentwickeln. So dass bei der nächsten Krise eine Schablone zur Lösung in der Schublade liegt. Schon eine Abmilderung des „Strukturwandels“ wäre für den Norden ein Gewinn.

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