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Armutsbericht : Mehr Armut in NRW, weniger in Schleswig-Holstein

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Wie sind Arm und Reich in Deutschland verteilt? Forscher und Sozialverbände sehen die gesellschaftliche Balance trotz guter Wirtschaftslage in einer Schieflage.

Berlin | Trotz guter Wirtschaftslage ist die Armut in Deutschland nur leicht gesunken - auf 15,4 Prozent der Bevölkerung. Betroffen sind laut dem am Dienstag präsentierten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands 12,5 Millionen Menschen. Das größte Armutsrisiko tragen demnach Arbeitslose, Alleinerziehende, Kinderreiche, Schlechtqualifizierte, Ausländer und Rentner. Gegen den Bundestrend stieg die Armutsquote in Nordrhein-Westfalen besonders stark, in Schleswig-Holstein ist die Quote in seit 2013 um 0,2 Prozentpunkte gesunken. Bundesweit betrug der Rückgang nur 0,1 Prozentpunkte.

Von der der guten Konjunktur profitieren nur wenige - nicht nur in Deutschland ist das so. In vielen westlichen Staaten geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Der jährliche Armutsbericht soll einen Überblick über die wirtschaftliche und soziale Lage der deutschen Bürger geben.

Der Verband nannte einen Wert des Statistischen Bundesamts für 2014 als zentrale Zahl - die Armutsquote. Gezählt werden dabei Menschen, die in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens leben. Rechnerisch sind dies 12,5 Millionen Menschen, davon rund 3,4 Millionen Rentner, sagte der Geschäftsführer des Verbands, Ulrich Schneider. Von einer Trendwende wollte er trotz des leichten Rückgangs nicht sprechen.

Im deutschlandweiten Vergleich liegt Schleswig-Holstein mit 13,8 Prozent auf dem dritten Platz und damit unter dem Bundesdurchschnitt von 15,5 Prozent. In neun Bundesländern nahm die Armutsquote ab. In Bayern stieg sie von 11,3 auf 11,5 Prozent, in Nordrhein-Westfalen sogar von 17,1 auf 17,5 Prozent. Das Ruhrgebiet sei dabei die „Problemregion Nummer Eins“, sagte Schneider. „Jeder fünfte Einwohner dieses größten Ballungsraums Deutschlands muss mittlerweile zu den Armen gezählt werden.“ Alarmiert zeigte sich Schneider von der Lage der Rentner. Bei ihnen sei die Armut seit 2005 etwa zehn Mal so stark angewachsen wie beim Rest der Bevölkerung. Der Verband legte seinen Bericht erstmals gemeinsam mit zahlreichen weiteren Sozialverbänden vor.

Während die sehr reiche Bevölkerungsschicht von Konjunkturkrisen kaum geschädigt wird, profitieren Arme kaum von langanhaltendem wirtschaftlichen Aufschwung. Daher wuchs trotz der leicht sinkenden Armutsquote die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren weiter. „Auch in einer Phase mit Rekordbeschäftigung haben wir keine zurückgehenden Armutsquoten“, sagte die Sozialexpertin Dorothee Spannagel der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Spannagel hat die Entwicklung für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung untersucht. „Die Einkommensungleichheit hat seit den 90er Jahren zugenommen, vor allem zwischen 1999 und 2005“, sagte sie. „Damals hat sie in Deutschland europaweit so stark zugenommen wie in sonst keinem anderen Land.“ Zwar sank die Ungleichheit gemessen am Haushaltseinkommen von da an bis 2010 wieder. Dann vergrößerte sich die Kluft aber wieder. Die Daten, auf die sich Spannagel in ihrer jüngsten Studie vom vergangenen Herbst beruft, reichen allerdings nur bis 2012.

Hauptursache für die Ungleichheit sei, dass es Lohnzuwächse vor allem bei den höheren Gehältern gegeben habe. Der Niedriglohnbereich sei davon weitgehend abgekoppelt, so Spannagel. Zudem sei die Bedeutung der Kapitaleinkünfte im Vergleich zum Lohneinkommen gewachsen.

Nach Daten des Statistischen Bundesamts verfügen die obersten zehn Prozent der Haushalte über 51,9 Prozent des Nettovermögens - die untere Hälfte nur über ein Prozent. Diese jüngsten Zahlen zeigen den Stand von 2013. 1998 hatten die reichsten zehn Prozent nur 45,1 Prozent, die unteren 50 Prozent 2,9 Prozent des Vermögens.

Die Risikogruppen bleiben im Vergleich zu vergangenen Jahren nahezu unverändert. Besonders stark von Armut betroffen sind Erwerbslose (57,6%) und Alleinerziehende (41,9%).

Spannagel betonte, für die untere Mitte hätten sich die Aufstiegschancen verringert und die Abstiegsrisiken vergrößert. In den Jahren seit 2005 seien mit knapp 16 Prozent etwa deutlich mehr Menschen aus der unteren Mitte der Einkommensverteilung abgestiegen als dies in den 80er Jahren mit knapp 12 Prozent der Fall gewesen sei. „Das ist ein massiver Einschnitt in die Chancengleichheit“, sagte Spannagel.

Lesen Sie hier das Wichtigste zum Armutbericht 2015.

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erstellt am 23.Feb.2016 | 16:41 Uhr

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