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Test von Abgas-Emissionen : Medienbericht: 30 Automodelle fallen bei Verbrauchstest durch

vom

Laut Verkehrministerium sind bei vielen Pkw verdächtig hohe CO2-Emissionen und Spritverbräuche gemessen worden. Die Kritik an Verkehrsminister Alexander Dobrindt wächst.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2016 | 12:44 Uhr

Berlin | Im Rahmen der Untersuchungskomission „Volkswagen“ hat das Bundesverkehrsministerium laut einem Bericht des „Spiegel“ bei 30 Automodellen auffällig hohe Kohlendioxid-Emissionen festgestellt und plant deshalb weitere Tests an den aufgefallenen Fahrzeugen, die eine Typgenehmigung in Deutschland erhalten haben. Damit hätte der Abgasskandal größere Ausmaße angenommen als bisher angenommen.

Angefangen hat alles mit VW. Doch mittlerweile sind auch andere Autobauer bekannt, die Abgaswerte manipuliert haben sollen. Autobesitzer sind teilweise davon durch Rückrufaktionen betroffen.

Laut „Spiegel“-Bericht soll sich unter den Wagen auch ein Opel Zafira mit Dieselmotor befinden. „Spiegel“, „Monitor“ und „Deutsche Umwelthilfe“ (DUH) hatten schon zuvor berichtet, dass sich die Abgasreinigung im 1,6 Liter Zafira-Diesel unter zahlreichen Bedingungen abschalte - wie hohe Geschwindigkeit, hohe Drehzahl und niedriger Außenluftdruck. Entsprechende Befehle habe ein Hacker aus Lübeck in der digitalen Motorsteuerung gefunden. Bei abgeschaltetem Katalysator stößt der Wagen große Mengen gefährlicher Stickoxide aus. Welche Modelle noch betroffen sind, wird aus dem Bericht nicht deutlich.

Im Gespräch mit der Untersuchungskommission „Volkswagen“ hatte Opel laut Verkehrsminister Alexander Dobrindt Abschaltungen bei hoher Geschwindigkeit und niedrigem Luftdruck eingeräumt. Das sei legal: „Unsere Motoren entsprechen Recht und Gesetz. Wir bei Opel setzen keine illegale Software ein“, teilte das Unternehmen in dieser Woche erneut mit.

Bei der Recherche und Tests auf dem Prüfstand des TÜV Nord in Essen hatte ein solches Modell statt der angegebenen 109 Gramm CO2 pro Kilometer 127 Gramm Kohlendioxid ausgestoßen – 16,5 Prozent mehr. Damit sei auch der Spritverbrauch höher. In vergleichbaren Fällen wurde von Gerichten bereits bei zehn Prozent Abweichung ein Rückruf angeordnet.

Das Problem: Bei höherem Verbrauch müsste der Staat auch höhere Kfz-Steuern berechnen. Autokonzerne müssten also nachzahlen, wenn ihnen falsche Emissionen nachgewiesen werden. „Nach unseren Berechnungen beläuft sich die Summe allein für 2016 auf 2,2 Milliarden Euro“, sagte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch dem „Spiegel“.

Die Deutsche Umwelthilfe hatte bereits angekündigt, gegen Opel vor Gericht ziehen zu wollen. Die Umweltschutzorganisation werde kommende Woche vor dem Landgericht Darmstadt Klage wegen Verbrauchertäuschung einreichen, sagte Resch.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte bereits in der vergangenen Woche den Rücktritt von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). „Wenn Dobrindts jüngster Untersuchungsbericht sogar massive Schummeleien bei Opel übersieht, dann ist seine gesamte Aufklärungsarbeit der vergangenen sieben Monate wertlos. Dobrindt muss jetzt Platz machen für einen Verkehrsminister, der diesen Skandal tatsächlich aufklärt“, verlangte Greenpeace-Sprecher Tobias Riedl.

Grünen und Linke kritisieren Dobrindt ebenfalls und brachten am vergangenen Freitag einen Antrag auf einen Untersuchungsausschuss zur Dieselaffäre in den Bundestag ein. Sie werfen dem Verkehrsminister vor, die Autobranche in Schutz zu nehmen und die Aufklärung über zu hohe Schadstoffwerte bei Dieselautos zu verschleppen. „Dobrindt beginnt erst zu prüfen, wenn die Fakten nicht mehr zu leugnen sind. Wenn er dann nach monatelangen Prüfungen den Betrug feststellt, hat es für die Täter keine Konsequenzen“, sagte der Grüne Verkehrsexperte Oliver Krischer dem „Spiegel“.

„Dobrindt steht in der Pflicht, Tricks und Manipulationen aufzuklären und ebenso für Sanktionen zu sorgen, damit Betrügereien auf Kosten der Verbraucher und Umwelt ein Ende haben“, forderte der Verkehrsclub VCD.

Das Bundesamt für Verkehr und digitale Infrastruktur betonte jedoch, dass die in Zusammenhang mit den NOx-Messungen auffälligen CO2- Werte, die im Rahmen der Prüfungen bei den 53 Fahrzeugtypen festgestellt wurden, beim KBA aktuell gesondert untersucht würden. 30 Fahrzeuge seien dabei, noch seien die Untersuchungen nicht abgeschlossen. „Die Ergebnisse werden wie von Bundesminister Dobrindt angekündigt in einem eigenen CO2-Prüfbericht mit Darstellung der Messprotokolle und Bewertung der Einzelergebnisse veröffentlicht“, heißt es weiter in der Stellungnahme. Um welche Modelle es sich handelt und ob deutsche oder ausländische Autos betroffen sind, sagte sie nicht. Offen blieb auch, wann der Bericht veröffentlicht werden soll.

Hintergrund: Abgas-Affäre bei Opel:

Was muss Opel jetzt nachliefern?

Das Unternehmen hat zwei Wochen Zeit, die für weitere Prüfungen „notwendigen Einblicke“ zu gewähren, sagt Dobrindt. Dazu gehörten „Software, Software-Details und Motorsteuerung“. Welche Informationen und Unterlagen geliefert werden sollen, wollte das Ministerium auf Nachfrage nicht sagen. Auch Opel machte zunächst keine Angaben.

Was kann das Ministerium tun, falls der Verdacht sich bestätigt?

Der Zafira ist wie der ebenfalls verdächtigte Astra mit dem gleichen Motor für die EU in den Niederlanden zugelassen. Für einen Entzug der Typzulassung wären also die niederländischen Behörden zuständig. Man sei mit den Kollegen im Gespräch, sagt der Verkehrsminister. Vom freiwilligen Rückruf, der auf die bisherigen Nachprüfungen des Kraftfahrtbundesamtes folgte, waren auch Opel mit rund 90.000 Autos betroffen. Die Behörde hat bei Opel die gleichen Möglichkeiten wie bei VW: „Amtlicher Rückruf und ähnliche Maßnahmen“, sagt Dobrindt.

Was hat Opel falsch gemacht?

Nach Ansicht des Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer war es ein Kommunikationsfehler, auf die Vorwürfe immer nur in stereotypen Sätzen zu antworten, statt auf die konkreten Inhalte einzugehen. Wenn nun beim Verkehrsministerium eingeräumt werden muss, dass die Abgasreinigung im Zafira noch nach weiteren Kriterien als dem schon bekannten „Thermofenster“ ausgeschaltet wird, entsteht der Eindruck einer Salami-Taktik. „'Umparken im Kopf' ist das jedenfalls nicht“, sagt Dudenhöffer in Anspielung auf die bekannte Image-Kampagne der Marke. Es gehe darum, ob die vorhandenen Abschalteinrichtungen noch als legal betrachtet werden könnten, sagt Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, habe Opel Sinn und Zweck des Gesetzes missachtet. „Sie haben nun ein großes Problem mit der Glaubwürdigkeit.“

Werden weitere Hersteller in Misskredit geraten?

Davon ist ziemlich sicher auszugehen. Am Donnerstag sollten eigentlich Vertreter des italienisch-amerikanischen Autokonzerns Fiat Chrysler bei der von Dobrindt eingesetzten Abgas-Untersuchungskommission erscheinen. Doch Fiat ließ den Termin platzen. Begründung: Die deutschen Behörden seien nicht zuständig, nur die italienischen. Dobrindt reagierte verärgert: „Dieses unkooperative Verhalten von Fiat ist völlig unverständlich.“

Auch bei Fiat soll es laut Medienberichten Unregelmäßigkeiten bei Abgaswerten von Dieselfahrzeugen geben. Branchenexperte Dudenhöffer erwartet noch eine ganze Reihe von Nachuntersuchungen und negativen Testergebnissen. „Alle haben ein Problem mit dem Diesel. Die Diesel-Technologie fällt den deutschen Herstellern auf die Füße, weil sie zulange daran festgehalten haben.“

Was bedeutet die Krise wirtschaftlich für Opel?

Die Europatochter des US-Konzerns General Motors steht eigenen Angaben zufolge nach jahrelangen Milliardenverlusten kurz vor dem Sprung in die Gewinnzone und kann daher schlechte Nachrichten überhaupt nicht gebrauchen. Noch in diesem Sommer sollte für das Europageschäft erstmals wieder ein operativer Gewinn ausgewiesen werden, was angesichts frischer Modelle und eines stark verbesserten Marken-Images nicht unwahrscheinlich schien. Hohe Kosten für Nachrüstungen und ein massiver Vertrauensverlust seitens der Kunden könnten Opel-Chef Karl-Thomas Neumann den schönen Business-Plan verhageln, der nach der schwarzen Null weitere ehrgeizige Ziele für die kommenden Jahre aufweist.

Was bedeutet das für die künftige Strategie des Autobauers?

Wegen des vergleichsweise geringen Dieselanteils von rund 30 Prozent an der Gesamtflotte hat Opel eigentlich die besten Chancen, umzusteuern und sich schnell von dieser Motorenart zu verabschieden. Über die Mutter GM erhält man zudem 2017 mit dem Ampera-E einen Vollstromer, der eine Reichweite von sehr konkurrenzfähigen 300 Kilometern aufweisen soll. „Opel sollte daneben weiter auf spritsparende Benziner setzen“, rät Bratzel. Dem steht aber entgegen, dass die Rüsselsheimer vor allem schwerere SUV-Modelle auf den Markt bringen wollen, für die meist durchzugstarke Diesel-Motoren geordert werden. Opel hat für diese Aggregate der neuen Generation eine Abgasreinigung an der Grenze des technisch Machbaren versprochen. Ob die Verbraucher darauf vertrauen, steht in den Sternen.

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