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Hamburger Traditionswerft : Lürssen streicht bei Blohm+Voss rund 300 Arbeitsplätze

vom

Der neue Eigentümer informierte bei einer Betriebsversammlung über die Zukunft der Werft.

shz.de von
erstellt am 28.Feb.2017 | 14:42 Uhr

Hamburg | Vorboten der Hiobsbotschaft hatten die Beschäftigten der Hamburger Werft Blohm+Voss schon Ende voriger Woche erreicht. Die bittere Wahrheit am Dienstagvormittag aus dem Mund der Manager bestätigt zu bekommen, war dann aber doch ein Schock. „Plötzlich war es mucksmäuschenstill in der Halle“, berichtete Betriebsratschef Murat Acerüzümoglu von dem Moment, als Geschäftsleitung und Aufsichtsrat bei einer Betriebsversammlung die Streichung von „rund 300 Stellen“ ankündigten. Damit fällt beim 140 Jahre alten Traditionsunternehmen fast jeder dritte Job weg. Betriebsbedingte Kündigungen schloss Werften-Geschäftsführer Dieter Dehlke ausdrücklich nicht aus. „Wir sind sehr sauer, enttäuscht und wütend“, sagte Acerüzümoglu anschließend bei einer Protestkundgebung.

In der vergangenen Woche war darüber spekuliert worden, dass mehrere hundert Arbeitsplätze bei der Traditionswerft verloren gehen könnten. Die Bremer Lürssen-Gruppe hat nach der Freigabe der Übernahme durch das Bundeskartellamt seit Ende Oktober 2016 bei Blohm+Voss das Sagen.

Wen genau die Entlassungswelle erwischt und zu welchem Zeitpunkt, das hat die Firmenleitung offen gelassen. Auch das brachte die Arbeitnehmer auf die Palme. „Die Kollegen sind sehr verunsichert“, berichtete der Geschäftsführer der IG Metall Hamburg, Emanuel Glass. Es seien Einschnitte in allen Bereichen angekündigt worden. Glass: „Hier hat jetzt jeder Angst um seinen Arbeitsplatz.“ Heute sollen Verhandlungen zwischen Werftführung und Arbeitnehmervertretern über den Personalabbau beginnen.

Dabei dürften die meisten Betroffenen seit Dienstag wissen, wohin die Reise geht. Wie erwartet, wird der Blohm+Voss-Eigner, die Bremer Werftengruppe Lürssen, keine Luxusyachten mehr am Standort Hamburg bauen. 74 Mitarbeiter der Konstruktionsabteilung arbeiten bereits seit Januar kurz. Seit der Übernahme durch den Konkurrenten Lürssen im vorigen Herbst waren keine neuen Yachtaufträge mehr zu Blohm+Voss geholt worden – so wie es Beobachter vorhergesehen hatten.

Überleben sollen dagegen die Sparten Marineschiffbau und Reparatur. Allerdings tut sich die Werft auch dort aktuell schwer, neue Aufträge an Land zu ziehen. „Blohm+Voss befindet sich in einem kritischen Zustand“, teilte Dehlke mit. Ursachen der prekären Lage seien „hohe Kostenstrukturen, versäumte Investitionen und ein zu niedriger Auftragsbestand“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende, Klaus Borgschulte, früher selbst langjähriger Chef der Werft. Dies mache „in den kommenden Monaten Anpassungsmaßnahmen auf allen Ebenen notwendig“.

Innerhalb der Unternehmensgruppe würden die Hamburger künftig „einen bedeutenden Beitrag zur Fertigung von Marineschiffen leisten“, versprachen die Manager. Auch solle in Fertigungsstrukturen investiert werden, um die Position im Marineschiffbau zu verbessern. Blohm+Voss rechnet sich große Chancen für den Nachbau von Korvetten der Klasse 130 für die Deutsche Marine aus. Auch haben sich die Hamburger und Lürssen um den Auftrag für mehrere Exemplare des neuen Mehrzweckkampfschiffes (MKS 180) beworben. Die Bremer kündigten zudem an, den Schwerpunkt der gruppenweiten Refit-Aktivitäten für Yachten in Hamburg zu konzentrieren. Aufträge für zwei Motoryachten seien bereits platziert worden.

Angesichts des Stellenkahlschlags nannte IG Metaller Emanuel Glass den hohen Anteil von Werkvertragsfirmen bei Bohm+Voss „nicht nachvollziehbar“. Betriebsratschef Acerüzümoglu kritisierte schwere Versäumnisse bei der früheren und teils noch aktiven Firmenleitung. Er kündigte an: „Wir werden darum kämpfen, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten.“ Dafür will sich auch Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) einsetzen: „In enger Zusammenarbeit mit den Akteuren und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln werden wir versuchen, die Folgen für die Mitarbeiter abzumildern.“ Ein international bedeutender Hafenstandort müsse maritimes Know-How erhalten.

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