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EZB-Entscheidung : Leitzins der Eurozone: Was macht Mario Draghi?

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Die EZB flutet die Märkte mit Geld - doch die Mini-Inflation konnten die Währungshüter bislang nicht vertreiben. Deshalb wird die Notenbank wohl nachlegen. Kann das den gewünschten Erfolg bringen?

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 08:51 Uhr

Frankfurt/Main | Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt am Donnerstag zu seiner letzten geldpolitischen Sitzung in diesem Jahr zusammen und entscheidet über den Leitzins in der Eurozone (liegt aktuell auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent). Beobachter erwarten mit Spannung, ob EZB-Präsident Mario Draghi das Anleihekauf-Programm angesichts schwacher Konjunktur und niedriger Inflation verlängert oder ausweitet.

Dauerhaft niedrige Preise könnten Firmen und Verbraucher verleiten, Investitionen aufzuschieben - in der Hoffnung auf weiter sinkende Preise. Das könnte die Konjunktur bremsen. Das macht der EZB Sorgen.

Die EZB könnte über September 2016 hinaus am Markt aktiv sein oder monatlich noch mehr als 60 Milliarden Euro investieren. Im Raum stehen zudem höhere Strafzinsen für Banken, die Geld bei der EZB parken. Das soll die Institute dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben.

Warum will Draghi im Kampf gegen die Mini-Inflation nachlegen?

Trotz Nullzinsen, Strafzinsen, milliardenschwerer Kaufprogramme und einer Flut billiger Notkredite ist die Inflation im Euroraum meilenweit vom EZB-Ziel entfernt. Die Notenbank strebt mittelfristig eine Rate von knapp unter 2,0 Prozent an. Im November verharrte die Jahresteuerung gerade einmal bei 0,1 Prozent. Dauerhaft niedrige Preise könnten Firmen und Verbraucher verleiten, Investitionen aufzuschieben - in der Hoffnung auf weiter sinkende Preise. Das könnte die Konjunktur ausbremsen. Das viele billige Geld soll die Inflation wieder in Richtung der Zwei-Prozent-Marke treiben.

Was könnte die EZB tun?

Diskutiert wird über eine Ausweitung des Billionen-Programms zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren („Quantitative Easing“/QE).

Seit März pumpt die EZB auf diesem Weg monatlich 60 Milliarden Euro in den Markt. Laufen sollen die Käufe nach bisherigen Plänen bis mindestens September 2016. Das Programm könnte aber „in Umfang, Zusammensetzung und Dauer“ angepasst werden, hatte Draghi mehrfach bekräftigt. Die EZB könnte so lange in großem Stil Wertpapiere kaufen, bis ihr Inflationsziel erreicht ist. Oder die Währungshüter nehmen pro Monat noch mehr Geld in die Hand, um Banken Anleihen abzukaufen. Möglich wäre auch, dass die EZB zusätzlich Anleihen von Bundesländern oder Unternehmen kauft.

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Was heißt das eigentlich für die Verbraucher?

Das Zinsniveau im Euroraum bleibt absehbar extrem niedrig. Das ist schlecht für Sparer, die in Deutschland traditionell vor allem auf Tagesgeld, Festgeld und Sparbuch setzen. Auf der anderen Seite sind Baukredite historisch günstig, auch wenn die Hypothekenzinsen im Frühjahr sogar noch günstiger waren als derzeit.

Die EZB-Geldflut hat auch noch einen anderen Effekt: Der Euro verliert gegenüber dem Dollar an Wert. Das bekommen alle zu spüren, die in die USA reisen. Auch Urlaube in der Schweiz oder Reisen in Nicht-Euroländer wie Großbritannien werden tendenziell teurer.

Welche Möglichkeiten hat die EZB noch?

Die EZB könnte Banken höhere Strafzinsen für Geld aufbrummen, das diese über Nacht bei der Notenbank parken. Würde der Einlagenzins von derzeit minus 0,2 Prozent weiter gesenkt, könnte das Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei der EZB zu bunkern. So die Theorie.

Bringen die Maßnahmen der EZB etwas?

Gerade in Deutschland ist die ultra-lockere Geldpolitik umstritten, es gibt massive Zweifel an der Wirksamkeit weiterer Maßnahmen. „Konjunkturell wäre kein nennenswert positiver Effekt zu erwarten“, meint Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Die Wirtschaft im Euroraum brauche keine zusätzliche Unterstützung durch die Geldpolitik. Auch bezweifelt wird, dass höhere Strafzinsen Banken zu mehr Krediten bewegen würden. DZ-Bank-Analyst Christian Reicherter verweist auf Erfahrungen aus der Schweiz: Dort geben Banken diese Zusatzkosten über höhere Hypothekenzinsen an Kunden weiter. Kredite würden teurer.

Wie riskant ist die Geldflut?

Die Bundesbank warnt vor Risiken für die Finanzstabilität infolge der Geldflut: „Je länger niedrige Zinsen andauern, umso mehr bestehen für die Marktteilnehmer Anreize, erhöhte Risiken einzugehen.“ Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud ist überzeugt: „Die Kosten dieser Geldpolitik sind weitaus größer als der vermeintlich Nutzen.“ Statt in Kredite fließe das billige Geld zum Großteil in Aktien und Immobilien: „Natürlich führt das zu Preisblasen.“

Die Wirtschaftsweisen warnen zudem: „Die Staatsanleihekäufe setzen den Regierungen der Mitgliedstaaten falsche Anreize.“ Stehen Europas Währungshüter geschlossen hinter Draghis Kurs? Widerstand kommt vor allem aus Deutschland. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fürchtet, dass Regierungen sich an niedrige Zinsen gewöhnen und Reformen verschleppen könnten: „Je länger die extrem lockere Geldpolitik andauert, umso weniger wirkt sie und umso mehr Risiken und Nebenwirkungen kommen ins Spiel.“

Sabine Lautenschläger, ehemals Bundesbank-Vize und nun im EZB-Direktorium, sagt, das billige Geld kaufe Zeit, behebe aber nicht die Ursachen. Wie bei Arzneimitteln könne „überzogene Anwendung ... dazu führen, dass der Patient sich gesund fühlt und nicht mehr an den Ursachen der Krankheit arbeitet“.

 

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