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Wirtschaft

24. Oktober 2017 | 08:42 Uhr

Legaler Etikettenschwindel

vom

Viele Produkte werben mit dem Namen Sylt - doch nur wenige stammen von der Insel

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Westerland | Sylt, die wohl bekannteste Insel Deutschlands, sorgt neuerdings für erstaunliche Karrieren. Waren früher allenfalls die einstige Bretterbude Sansibar - heute Kult-Restaurant samt Handel - oder das Fischimperium Gosch über die Grenzen des Eilands hinaus bekannt, schmückt sich inzwischen eine ganze Produktpalette mit dem Namen der Insel. Sylt als Teil der Bezeichnung findet sich von Wodka über Dosenbrot bis hin zu Salatsoße. Oft haben sie mit der Insel eher wenig zu tun. Mal stammt das Rezept von dort, mal wird die Spirituose mit Kieseln vom Sylter Strand filtriert - und nicht selten soll der klingende Name einfach Kunden locken.

"Dieser Marketing-Trick ist ja nicht neu", sagt Gudrun Köster von der Kieler Verbraucherzentrale. "Die verkaufen Emotionen und Bilder, die im Kopf entstehen." Rechtlich gebe es meist keine Handhabe gegen Ortsbezeichnungen in Produktnamen. Regionale Besonderheiten sind eine Ausnahme. Doch laut Inselmarketing arbeiten nur rund ein Dutzend Lebensmittelproduzenten wirklich auf dem Eiland.

Sylter Salatsoße und Wodka riefen die Verbraucherschützer bereits auf den Plan. Auch Foodwatch sieht einen Etikettenschwindel. "Mit regionaler Herkunft darf nur dann geworben werden, wenn dies durch die tatsächliche Herkunft der Zutaten gedeckt ist", fordert Sprecher Martin Rücker. Der Ursprung aller Hauptzutaten müsse klar werden.

Die Verantwortlichen vom Inselmarketing sagen: "Besser ist es natürlich, das Produkt "Sylter Art" zu nennen, um Missverständnisse direkt auszuschließen." Ärgerlich seien Fälle einer "offensichtlichen Täuschung, wo alles daran gesetzt wird, dass das Produkt so gestaltet und vermarktet wird, als ob es auf Sylt hergestellt wird oder die Rohstoffe von der Insel kommen". Die Salatsoße sei ein Beispiel.

Sylt ist nicht allein. Gänseleberpastete mit viel Schwein, Rosinen statt versprochener Trauben, Orangensoße nur aus Aromen: Anlass zur Kritik haben die Verbraucherzentralen oft und machen Druck mit ihrem Portal "Lebensmittelklarheit.de", das Beschwerden auflistet. Die Industrie ist skeptisch. Ihr Dach-Verein "Die Lebensmittelwirtschaft" zeigt sich zwar offen für Gespräche, hält das Portal aber nicht für repräsentativ.

Für Wissenschaftler hängt der Trend zur Regionalisierung auch an der Sehnsucht nach Verwurzelung in einer globalisierten Welt. "In der Tat ist es ein weit verbreitetes Phänomen, Produkten eine Heimat zu geben", sagt Monika Kritzmöller. Sie lehrt Soziologie an der Universität St. Gallen und forscht zum Thema. Da im Einzelhandel ein unübersichtlicher Überfluss das Bild präge, suchten die Kunden Orientierung. Das öffne dem "Illusionstheater" der Werbung zwar die Tür - sei aber eben auch gewollte Navigationshilfe. Ob nun Bio, Schnäppchenmentalität, Wellness, Fitness oder fairer Handel - der Griff ins Regal spiegele Lebensstile. Und deswegen passt auch Sylt ins Bild. Die Firma hinter der Salatsoße argumentiert, der Name sei nicht irreführend. "Er weist emotional und fantasievoll auf den Produktcharakter, die nordische Eigenart und Geschmacksrichtung des Produktes und auf den Sylter Lebensstil hin."

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