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„Amrumbank West“ : Kraftakt Offshore: So entsteht ein Windpark in der Nordsee

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Milliarden-Projekt für die Investoren, eine Gefahr aus Naturschutz-Sicht: Im Herbst geht der Offshore-Park „Amrumbank West“ ans Netz.

Aus der Vogelperspektive wirken die gelben Sockel, die in Reih’ und Glied aus den Wellen ragen, wie die Felder auf einem Spielbrett. Etwa die Hälfte von ihnen sind mit Spielfiguren besetzt: Windräder, die mit ihren langen, schlanken Türmen etwas wackelig wirken. Dennoch halten sie Sturm und Wellen stand, die rings herum toben. 35 Kilometer nördlich von Helgoland und 55 Kilometer vom Festland entfernt, entsteht der Windpark „Amrumbank West“, wie ihn die Betreiber-Firma Eon getauft hat. Mit 80 Offshore-Windrädern soll er knapp 300 Megawatt elektrischen Strom erzeugen; das ist genug, um rund 300.000 Haushalte zu versorgen.

Was von oben aus dem Flugzeug so spielerisch aussieht, ist in Wirklichkeit eine Baustelle der Superlative: Allein der sichtbare Teil der Fundamente ist mit 20 Metern so hoch wie ein Riesenrad, weitere 20 Meter befinden sich unter Wasser und schließlich sind die Pfeiler noch einmal 40 Meter tief in den Meeresboden hineingerammt. Die Türme der Windräder sind 90 Meter hoch.

Millimeterarbeit in den Nordseewellen: Die Installation der 60 Meter langen Rotorblätter in 90 Metern Höhe.
Millimeterarbeit in den Nordseewellen: Die Installation der 60 Meter langen Rotorblätter in 90 Metern Höhe. Foto: Eon
 

Insgesamt 100.000 Tonnen Stahl werden verbaut, also 1250 Tonnen pro Windrad. Solche Massen zu bewegen, ist auf dem Land schon eine Herausforderung, auf den Nordseewellen umso mehr. Da der Park schon im Herbst dieses Jahres eröffnet werden soll, gehen die Arbeiten jetzt in den Endspurt. Doch aus der Luft ist in dem Baufeld kein einziger Arbeiter, nicht mal ein Schiff oder ein Helikopter zu sehen. Weil sich die Wellen heute bis zu vier Meter hoch türmen, sei das Arbeiten unmöglich, erklärt Dominik Schwegmann, Leiter des Projekts „Amrumbank West“. „Das Wetter macht uns die meisten Schwierigkeiten. Wind und Wellen sorgen immer wieder für Verzögerungen. Das haben wir am Anfang unterschätzt.“ Manchmal ist das Baufeld tagelang für Menschen nicht erreichbar.

Schwegmann selbst bekommt sein „liebstes Projekt“, wie er es nennt, nur selten zu sehen. Von seinem Hamburger Büro aus zieht er wie in einem großen Strategiespiel die Fäden im Hintergrund und sorgt dafür, dass die 250 Firmen, die am Bau beteiligt sind, Hand in Hand arbeiten. Seit sechs Jahren ist er mit den Planungen beschäftigt. Dass mittlerweile alle 80 Fundamente an ihrem Platz stehen, 56 Windräder installiert sind und 13 bereits laufen und Strom produzieren, stimmt ihn zufrieden: „Das fühlt sich schon sehr gut an.“

Eine große Herausforderung neben dem Wetter war der Naturschutz: Wenn die Fundamente mit 2000 bis 3000 Schlägen eines überdimensionalen Hammers in den Boden gerammt werden, entstehen Lautstärken von bis zu 250 Dezibel. Zum Vergleich: Aus einer seitlichen Entfernung von 300 Metern bringt es ein Airbus 320 beim Start auf etwa 85 Dezibel.

Ein Fundament wird verladen.
Ein Fundament wird verladen. Foto: dpa
 

Für Naturschützer ist das ein wesentlicher Kritikpunkt an den Anlagen, die vermeintlich grünen Strom erzeugen sollen, aber schon beim Bau die Tierwelt verschrecken. Eine große Gefahr sehen sie insbesondere für die Schweinswale: „Man weiß aus Untersuchungen, dass durch intensiven Schall das Gehör dieser Tiere beeinträchtigt wird“, sagt Ingo Ludwichowski vom Naturschutzbund Schleswig-Holstein. Die Schweinswale nutzen ihr Gehör, um sich zu orientieren. „Bei permanenten Schäden sind sie nicht mehr in der Lage Nahrung aufzunehmen und sterben im schlimmsten Fall.“

Die Windparkbetreiber sind behördlich gebunden, Schallschutz einzusetzen. Vor dem Rammen jedes Fundaments muss unter anderem ein Schlauch auf dem Meeresboden versenkt werden. Er ist mit kleinen Löchern versehen, aus denen Luft aufsteigt, ein sogenannter Blasenschleier. Er sorgt dafür, dass sich der Schall unter Wasser nicht so schnell ausbreitet, und in 750 Metern Entfernung nicht mehr als 160 Dezibel erreicht werden, so der offizielle Grenzwert. Aus Sicht von Naturschützern unerlässlich – für Eon zusätzliche Kosten von über 30 Millionen Euro.

Trotz der Herausforderungen ist der Standort vor Helgoland beliebt: Wesentliche Vorteile sind die geringen Wassertiefen von nur 20 bis 25 Metern und der Boden aus dichten Sanden, der einerseits relativ haltbar ist und in den andererseits relativ leicht die Fundamente gerammt werden können.

So kommt es, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft auch der US-amerikanische Energieriese Blackstone und RWE mit Windparks niedergelassen haben. Beide sind bereits im vergangenen Jahr ans Netz gegangen. Sie sind mit der Grund dafür, dass Eon – im Gegensatz zu anderen Investoren in der Vergangenheit – kaum Probleme mit dem Anschluss seines Windparks an das Stromnetz hatte: Ein zehntausend Tonnen schweres Umspannwerk des Netzbetreibers Tennet steht acht Kilometer südlich der Windparks bereits an seinem Platz. Dort wird die in allen drei Parks erzeugte Energie gebündelt und per Seekabel 85 Kilometer weit nach Büsum aufs Festland geleitet.

Ganz entscheidend für „Amrumbank West“ und seine Nachbarn ist, dass mit Helgoland ein Stück Land in unmittelbarer Nähe liegt. Nur 35 Kilometer sind es bis zur Küste von Deutschlands einziger Hochseeinsel. Während die Versorgungsschiffe zu anderen Windparks vom Festland aus mindestens 50 Kilometer weit fahren müssen, bietet sich bei „Amrumbank West“ und seinen Nachbarn eine Versorgung von Helgoland geradezu an.

Die Hafengesellschaft der Insel empfing die Windpark-Betreiber mit offenen Armen, verpachtete ihnen 10.000 Quadratmeter Grund für ihre Versorgungsstationen und baut gerade noch in einem 32 Millionen Euro schweren Projekt ihren Hafen aus. In Zukunft sollen dort die Versorgungsschiffe anlegen, die die Windparks mit Ersatzteilen beliefern, allein Eon wird 50 Mitarbeiter für die Wartung der Anlagen beschäftigen. „Ich bin froh, dass die Windpark-Betreiber hier sind. Die Insel profitiert davon“, sagt Peter Singer, Geschäftsführer der Hafengesellschaft. In Zeiten rückläufiger Touristenzahlen könnten die Beschäftigten der Energieunternehmen zur Belebung von Gastronomie und Einzelhandel auf der Insel beitragen.

 

Anfängliche Befürchtungen vieler Einheimischer, dass die Windparks dem Tourismus schaden könnten, haben sich inzwischen zerstreut: „Windparks und Tourismus stören sich nicht gegenseitig, sondern befruchten sich“, sagt Helgolands Tourismus-Direktor, Klaus Furtmeier. „Viele unserer Gäste interessieren sich für das Thema Offshore und wollen die Windparks anschauen und live erleben.“ Inzwischen werden Schiffstouren in die Windparks und Überflüge angeboten. Im Rathaus ist eine Dauerausstellung zum Thema zu besichtigen.

Sind die Offshore-Windparks am Ende also ein Gewinn für alle Beteiligten? Naturschützer bleiben skeptisch. „Auf lange Sicht sind vor allem die Vögel betroffen“, sagt der Meeresschutz-Experte des Nabu, Kim Detloff. Zugvögel würden ungebremst gegen die Türme fliegen und der Schall der drehenden Rotoren vertreibe die Seetaucher aus den Windpark-Gebieten. Insbesondere bei „Amrumbank West“ und den benachbarten Parks vor Sylt und Helgoland sieht Detloff große Gefahren: „Wir wissen inzwischen, dass dort die Hauptfortpflanzungsgebiete der Schweinswale und der Seetaucher liegen.“ Natürlich sei er als Naturschützer für den Ausbau regenerativer Energien, aber es komme auf den Standort an. Im Fall von „Amrumbank West“ steht für Detloff fest: „Die Genehmigung hätte unserer Einschätzung nach nie erteilt werden dürfen.“

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erstellt am 11.Aug.2015 | 17:42 Uhr

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