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Burnout-Vorbeugung : Jobfrust: Arbeitnehmer sollten auch mal aufmucken

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Viele Arbeitnehmer kommen aus dem Stress gar nicht mehr heraus. Sie schuften nach Feierabend und an den Wochenenden - und trotzdem stehen sie unter der Woche unter Druck. Dann hilft nur, die eigenen Ansprüche zu senken - oder den Befreiungsschlag zu wagen.

shz.de von
erstellt am 08.10.2013 | 06:00 Uhr

Hamburg | Das Überstundenkonto steht kurz vor dem Platzen, der Chef macht immer mehr Druck, und selbst im Urlaub lässt einen die Arbeit nicht los: Der Jobfrust vieler Arbeitnehmer ist groß. Doch die Zeit, als man überlasteten Mitarbeitern vor allem den Besuch von Zeitmanagement-Seminaren empfohlen hat, scheint allmählich vorbei zu sein. Experten raten inzwischen dazu, sich zur Wehr zu setzen. Die Zahlen, die das Beratungsunternehmen Gallup seit vielen Jahren zum Engagement der Beschäftigen in Deutschland erhebt, sind niederschmetternd. Nach der jüngsten Erhebung haben 24 Prozent der Arbeitnehmer innerlich gekündigt, 61 Prozent machen nur Dienst nach Vorschrift. Lediglich 15 Prozent stehen noch voll hinter ihrem Job. Befragt wurden 2198 Arbeitnehmer ab 18 Jahren. Karrierecoach Klaus Merg aus Waldstetten bei Ulm wundert das nicht.

„Immer weniger Menschen müssen immer mehr Arbeit bewältigen. Häufig kommt dann psychischer Druck vom Vorgesetzten dazu, der noch mehr Leistung fordert.“ Und Martin Wehrle fügt hinzu: „Vieles, was die Arbeiter in Jahrhunderten errungen haben - wie geregelte Arbeitszeiten -, lassen wir uns wieder wegnehmen. Das ist ein Rückfall in frühkapitalistische Verhältnisse“, sagt der Coach aus Appel bei Hamburg. Die ständigen Forderungen, dass Mitarbeiter ihr Zeitmanagement und ihre Multitasking-Fähigkeit verbessern müssten, stießen längst an ihre Grenzen. „Die Leute schuften den ganzen Tag wie verrückt und sind auch nach Feierabend in permanenter Rufbereitschaft. Dadurch kriegt man den Job einfach nicht aus dem Kopf“, sagt Wehrle.

Die Experten raten deshalb: Arbeitnehmer müssen auch den Mut haben, sich gegen diese Entwicklung zu wehren. „Jeden Abend länger im Büro zu bleiben, ist eine Kapitulation davor, dass man das geforderte Pensum während des Tages einfach nicht schafft“, erklärt Merg. Vor allem leide darunter früher oder später das Privatleben mit der Familie, Hobbys und Freunden - und letztlich die ganze Lebensfreude.

Wichtig im Kampf gegen die ständige Überlastung sei, dass man sich Mitstreiter sucht. „Der Druck trifft ja meistens alle Kollegen gleichermaßen“, erzählt Wehrle. Gemeinsam habe man eine ganz andere Schlagkraft. „Wenn alle konsequent pünktlich Feierabend machen, dann gerät nicht ein Einzelner in Erklärungsnot.“  Aber auch das Gespräch mit dem Chef sollten Mitarbeiter suchen. „Wenn er wieder mit neuer Arbeit kommt, dann muss man ihm klar aufzeigen, was dann stattdessen liegen bleibt.“ Wenn gar nichts hilft, und der Chef nur noch mehr Druck macht, rät Wehrle zu einer radikalen Lösung. „Dann muss man auch mal den Mut haben und ein Projekt gegen die Wand fahren lassen, damit das Unternehmen reagiert.“ 

Aber das ist nicht ganz ungefährlich. Wer als Leistungsträger im Team anerkannt ist, kann sich eine Konfrontation mit dem Chef vielleicht noch leisten. Wer aber ohnehin zu den schwächeren 50 Prozent seines Teams zählt, bekommt dann womöglich erst recht Probleme. „Dann kann man aber versuchen, zunächst seine Leistungsbereitschaft zu signalisieren und sich für Fortbildungen zu melden. Mit der höheren Qualifikation wächst dann die Chance, dass man wieder stärker Herr seines Arbeitstages wird“, sagt Wehrle. Trotzdem müssten Angestellte sich klarmachen, dass das Karrieresystem oft diejenigen bevorzugt, die sich bereitwillig ausbeuten lassen.

Allerdings könne der berufliche Aufstieg sogar der eigentliche Grund dafür sein, dass man unzufrieden wird, sagt Merg. „Wer auf der Karriereleiter nach oben klettert, macht nicht selten auf einmal einen Job, der eigentlich gar nicht zu ihm passt. Da muss man sich prüfen und fragen: Was sind eigentlich meine Talente - und passt mein aktueller Job dazu oder nicht?“  Doch noch etwas ganz anderes kann man aus der Gallup-Studie über die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrem Arbeitgeber schließen, sagt der Kölner Psychologe und Coach Manuel Tusch. „Wenn 85 Prozent der Menschen unzufrieden sind, dann heißt das: Man kann den Problemen nicht durch einen Wechsel des Arbeitgebers entfliehen.“ Woanders sei es meist auch nicht besser. „Wenn wir immer nur versuchen, den Job zu finden, der uns glücklich macht, dann werden wir nie am Ziel ankommen.“ 

Sein Rat ist deshalb, nicht zu viel zu erwarten. Wer viel Geld verdienen will, werde letztlich immer zu wenig auf dem Lohnzettel haben. Wer vom Chef viel Anerkennung erwartet, werde immer zu wenig Lob abbekommen. „Je höher meine Erwartungen in einem dieser Punkte sind, desto sicherer werde ich enttäuscht. Wenn ich aber von allem ein bisschen erwarte, werden meine Erwartungen unterm Strich häufiger erfüllt.“  Und noch etwas rät Tusch: Man müsse gar nicht immer danach streben, all sein Glück im Job zu finden. „Wenn ich gerne Wertschätzung erfahren möchte, dann finde ich das auch nach Feierabend bei meiner Familie oder in einem Ehrenamt.“ Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man auch beizeiten Feierabend macht.

Martin Wehrle: „Bin ich hier der Depp?: Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen“, Mosaik-Verlag 2013, 400 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3442392513

Thorsten Knödler, Klaus Merg: „Überleben im Job: So erreichen Sie einen Berufsalltag ohne Stress und Burnout“, Redline-Verlag 2012, 300 Seiten, 17,99 Euro, ISBN 978-3868813531

Volker Kitz, Manuel Tusch: „Das Frustjobkillerbuch: Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten“, Heyne-Verlag 2010, 256 Seiten, 8,99 Euro, ISBN 978-3453650114 

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