Immer mehr Menschen überschuldet

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Mehr als 146 000 Schleswig-Holsteiner tief in den roten Zahlen / Höchste Quoten in Neumünster, Flensburg und Lübeck

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29. Januar 2015, 12:21 Uhr

Private Überschuldung wird für eine steigende Zahl von Schleswig-Holsteinern zum Problem. „Dramatisch ist vor allem die stetig steigende Zunahme der Landesbewohner mit harten Überschuldungs-Faktoren“, sagt Michael Bretz, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung bei der Vorstellung des Schuldner-Atlas 2014/15 gestern in den Räumen der Creditreform Flensburg. 146  732 Schleswig-Holsteiner weisen derzeit die Negativ-Merkmale – wie gerichtliche Einträge oder Anträge auf Privatinsolvenz – auf, gegenüber 110  765 weich überschuldeten Bürgern, also Inkasso-Fälle ohne die genannten Kennzeichen. 2013 betrug das Verhältnis zwischen harter und weicher Überschuldung noch 144  441 zu 108  840, 2008 hielten sich beide Gruppen sogar die Waage. Die Zahl der prekär Überschuldeten steigt demnach überproportional, und zwar in allen Kreisen und kreisfreien Städten des Landes. In Schleswig-Holstein stieg die Schuldner-Quote im Jahresvergleich insgesamt von 10,90 auf 11,01 Prozent. Bundesweit kam es zu einem Zuwachs von rund 90  000 Personen von 6,59 (9,8 Prozent) auf 6,67 Millionen (9,9 Prozent).

Als überschuldet gelten nicht Bürger, die Schulden haben, weil sie zum Beispiel eine Immobilie finanzieren, sondern die Erwachsenen, die Forderungen mehrerer Gläubiger in absehbarer Zeit durch ihre Einkünfte nicht begleichen können. „Das Zentrum der Überschuldung bleiben die großen Städte. Der Speckgürtel rund um Hamburg weist nur niedrige Quoten auf“, sagt Sven Torben Hanisch, Inhaber und Geschäftsführer der Creditreform Flensburg. „Über die eigenen Verhältnisse zu leben, bleibt ein männliches Problem“, sagt Bretz. 61,7 Prozent der Überschuldeten sind Männer, 38,3 Prozent Frauen. Der Experte rechnet nicht mit einem Rückgang, sondern mit einer Verschärfung der privaten Überschuldung. „Dafür ist die Konjunktur unabhängige Verschuldung zu hoch und die Selbstverantwortung beim Konsum zu niedrig.“

Sorgen bereitet dem Wirtschaftsforscher auch die Zunahme der generationsübergreifenden Überschuldung. Immer häufiger würden es die Kinder von Eltern, die über ihre Verhältnisse leben, als normal empfinden, auch auf Pump durchs Leben zu gehen. Der Schuldner-Atlas zeige zudem erste Tendenzen, dass sich die Privat-Insolvenz nur bedingt als Weg aus der Schulden-Misere eignet. „Es erhärtet sich der Eindruck, dass viele Bürger nach erfolgreicher Abwicklung einer Privat-Insolvenz erneut in die Schulden rasseln“, sagt Bretz. 

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