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Wirtschaft

21. September 2017 | 05:19 Uhr

Immer eine Schraube locker

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Barmstedt steht Schleswig-Holsteins einzige Fabrik für Schrauben, die weltweit Schiffe und Motoren zusammenhalten – oder auch Reispoliermaschinen

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2014 | 13:35 Uhr

Mit einer abgesägten Schraube begann der berufliche Aufstieg von Martin Sztanka. Nur zu gut kann sich der heute 53-jährige Eigentümer und Geschäftsführer der Barmstedter Schraubenfabrik Dreh-Norm an seinen ersten Auftrag erinnern. „Das war am 3. Oktober 1981 für die Hamburger Werft Blohm & Voss, die brauchten Maschinenschrauben.“ Die handelsübliche Standardschraube war 30 Millimeter lang, es sollten aber nur 29 Millimeter sein. „Also habe ich die Schraube gekürzt. Es war so einfach – aber einer musste es eben machen.“

Für Sztanka hat sich dieser Millimeter gelohnt. Heute leitet er ein Unternehmen mit mehr als 40 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von fünf Millionen Euro. Dreh-Norm stellt Massenware und Spezialanfertigungen her, beliefert mit Schrauben und Muttern weltweit die Bereiche Schiffbau, Maschinen- und Druckbehälterbau, Antriebstechnik, Medizintechnik und Energiewirtschaft.

Als reiner Handel hatte der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann 1981 in seiner Heimatstadt Hamburg gestartet. „Aber im Ausklang der 80er Jahre war der europäische Schrauben-Markt beherrscht von einigen Großhändlern. Ich habe für uns das Heil in der Fertigung gesehen und diesen Bereich konsequent immer weiter ausgebaut.“ Heute verkauft Dreh-Norm zu 99 Prozent eigene Produkte. Doch dafür braucht man Maschinen. Und die wiederum brauchen Platz. 1996 gab Dreh-Norm den alten Firmensitz in Hamburg Stellingen auf, Sztanka kaufte in Barmstedt (Kreis Pinneberg) die Halle einer alten Möbelfabrik. „Der Ort war reiner Zufall, Hauptsache ein Dach über dem Kopf, erweiterbar und bezahlbar.“

Dreh-Norm produziert dort dank eines Anbaus aktuell auf 2000 Quadratmetern Hallenfläche. Die 80 Maschinen in der laut Sztanka „nördlichsten Schraubenfabrik Deutschlands“ verarbeiten jedes Jahr 1000 Tonnen Stahl. Stolz ist Sztanka nicht nur auf eine 2008 in Betrieb genommene Spindelpresse zur Warmumformung mit einer Druckleistung von 350 Tonnen, wobei mit Hilfe einer integrierten Induktionserwärmungsanlage die zu formenden Rohabschnitte zuvor auf Schmiedetemperatur erwärmt werden. Dreh-Norm verfügt auch über eine eigene Werkzeugherstellung sowie ein Prüflabor für die Endkontrolle – unter anderem mit Ultraschall und UV-Licht.

Im großen Lager liegen stets 200 Tonnen Stabstahl von 16 bis 200 Millimeter Durchmesser bereit. Die daraus produzierten Schrauben erreichen bis zu 250 Kilogramm Gewicht, die bislang längste Schraube war 5,80 Meter lang. „Je größer und schwerer die Schraube, desto höher sind die Anforderungen, desto besser muss sie halten“, erklärt Sztanka. Aber es gibt auch noch ganz andere Herausforderungen, etwa diese unscheinbare kleine Spezialschraube mit einem eigenartigen seitlich gewölbten Kopf. Ohne sie würden spezielle Maschinen zum Polieren von Reis in Asien nicht laufen. „Seit 20 Jahren liefern wir rund 10 000 Stück pro Jahr“, weiß Sztanka. Bis heute hat Dreh-Norm 140 000 verschiedene Artikel hergestellt. „Und ich habe oft überhaupt keine Ahnung, wo genau die einzelnen Teile eingesetzt werden.“ Die meisten Kunden würden ohnehin nicht wollen, dass man darüber detaillierter Bescheid weiß.

In einem Teil des Lagers warten auf Paletten 300 Tonnen vorgefertigter Schraubenrohlinge unterschiedlicher Dicken, Längen und Güteklassen auf die „Schnellschüsse“, wie es Sztanka nennt. Dies sind immer mal wieder herein flatternde sehr kurzfristig zu erledigende Aufträge. „Meine ganz spezielle Leidenschaft“, wie er betont. An eine Situation erinnert er sich besonders gut: „Ein Kunde aus der Region schickte mir eilig ein Muster per Kurier, er brauchte innerhalb von zwölf Stunden 48 spezielle Schrauben mit 42 Millimetern Durchmesser und 300 Millimetern Länge. Geld spielte keine Rolle.“ Als Martin Sztanka früh am nächsten Morgen mit den Produkten beim Kunden ankam, rief dort gerade der Endkunde an. „Das war ein Blockheizkraftwerk in Abu Dhabi. Die Schrauben sind noch am gleichen Tag inklusive zweier kompletter Montage-Container und einem dreizehnköpfigen Reparatur-Team im Jet auf die Reise gegangen.“

Absatzschwerpunkt von Dreh-Norm ist mit 75 Prozent Deutschland, besonders Bayern und Baden-Württemberg. 25 Prozent werden zu Kunden in die ganze Welt verschickt, nach China, Australien oder Russland. Martin Sztanka legt bei aller Professionalität viel Wert auf ein gutes Miteinander. „Geschäfte werden zwischen Menschen gemacht, Emotionen und Vertrauen spielen eine ganz große Rolle.“ Auch bei seinem Personal zählt nicht allein die Qualifikation. „Wir haben hier eine ganz tolle Mannschaft. Es braucht für die Arbeit eine gewisse charakterliche Eignung und die nötige Feinmotorik. Und es ist wichtig, dass die Leute mit dem Herzen dabei sind.“

Dabei sein will Martin Sztanka allerdings nur noch auf absehbare Zeit. „Mit Ende fünfzig bin ich weg. Ich bin dabei, das Unternehmen in die zweite Generation zu führen“, sagt er. Sohn Felix ist seit sieben Jahren im Unternehmen tätig. Er leitet den Bereich Teilefertigung und den Vertrieb. Tochter Patrizia hat Anfang des Jahres ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau abgeschlossen, kümmert sich um Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Personal und Controlling. Der zweite Sohn ist ebenfalls in der Metallbranche tätig. „Zukünftig geht es darum, das Unternehmen noch moderner auszurichten“, so Sztanka. „Das wird nicht einfach.“

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