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28-Stunden-Woche : IG Metall will kürzere Arbeitszeiten für alle ermöglichen

vom

Die 35-Stunden-Woche steht in gut ausgelasteten Metall-Betrieben nur auf dem Papier. In der Hochkonjunktur will die IG Metall aber weitere Arbeitszeitverkürzungen durchsetzen.

shz.de von
erstellt am 27.Jun.2017 | 16:01 Uhr

Mannheim | Die IG Metall will bei der nächsten Tarifverhandlung für die Metall- und Elektroindustrie kürzere Arbeitszeiten für alle ermöglichen. Sämtliche Beschäftigte der wichtigsten deutschen Industriezweige sollten auf freiwilliger Basis ihre Wochenarbeitszeit temporär auf bis zu 28 Stunden reduzieren können, erklärte Gewerkschaftschef Jörg Hofmann am Dienstag auf einem Kongress seiner Organisation in Mannheim.

Schichtarbeiter, junge Eltern und pflegende Familienangehörige sollten zudem bei verkürzter Arbeitszeit einen Lohnausgleich erhalten. „Wir sehen das als Sozialleistung der Arbeitgeber, die in die Zeit passt“, erklärte Hofmann. Schichtarbeiter seien nachweisbar besonderen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Für alle solle nach bis zu 24 Monaten verkürzter Arbeitszeit ein Rückkehrrecht auf die 35-Stunden-Woche gelten. Für die unteren Lohngruppen müsse der Ausgleich höher sein als für die übrigen Mitarbeiter.

„Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen“, sagte der Erste Vorsitzende der größten deutschen Gewerkschaft. Das Konzept der Arbeitgeber „Vollzeit plus Überstunden plus Leistungsverdichtung plus Flexibilität“ habe ausgedient. „Ob es die Zeit für den Hausbau, ein Tag weniger pendeln in der Woche, oder das Ansparen von Zeitguthaben für eine Weltreise ist - auch die Bedürfnisse der Beschäftigten müssen zählen.“

Mit dem Kongress bereitet die IG Metall die Tarifverhandlungen für rund 3,7 Millionen Beschäftigte der deutschen Metall- und Elektroindustrie vor. Die Verhandlungen sollen noch vor Ablauf der Friedenspflicht zum Jahresende beginnen. Über die Flächentarife sind unter anderem die Schlüsselindustrien Auto und Maschinenbau weitgehend abgedeckt. Eine zusätzliche Lohnforderung will die Gewerkschaft erst im Oktober festlegen.

Erstmals könnte die Gewerkschaft dabei 24-Stunden-Streiks in ausgewählten Betrieben als Druckmittel einsetzen, ohne gleich zu einem unbefristeten Streik aufrufen zu müssen. „Wir müssen uns auf eine harte, fette Auseinandersetzung einstellen“, sagte der niedersächsische Bezirksleiter Thorsten Gröger auf dem Kongress.

Die IG Metall will auch eine größere Verbindlichkeit der 35-Stunden-Woche erreichen. Die in den bisherigen Tarifverträgen festgehaltenen Ausnahmen würden in vielen Betrieben deutlich überschritten, berichtete Hofmann. Der Gewerkschaft fehlten hier Sanktionsmöglichkeiten. Daher müsse in diesem Jahr auch der Manteltarifvertrag gekündigt werden.

Tatsächlich wird in vielen Betrieben wegen der sehr guten Auftragslage mehr gearbeitet. Im Osten müssen die Metallarbeiter ohnehin immer noch drei Stunden pro Woche länger ran, weil es 2003 in einem abgebrochenen Streik nicht gelungen war, die Regelungen aus dem Westen zu übernehmen. Auf dem Kongress forderten etliche Delegierte aus dem Osten eine Angleichung - 28 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Nach den Worten Hofmanns wird es diese Forderung für den Flächentarif aber voraussichtlich nicht geben. Vielmehr müssten Leuchtturmbetriebe wie die großen Autowerke vorangehen, die 35-Stunden-Woche endlich auch im Osten durchzusetzen. Es gehe immer noch ein Grenzzaun durch Deutschland, wenn es um Kosten und Arbeitszeiten gehe.

Gesamtmetall kritisierte die Vorstellungen. Systematische, flächendeckende und unkompensierte Arbeitszeitverkürzungen passten absolut nicht in die Zeit, erklärte der Arbeitgeberverband in Berlin.

Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels wäre es ein „standortpolitischer Wahnsinn“, die bestehende Fachkräftelücke mit Gewalt zu vergrößern. Kollektiv finanzierte Arbeitszeitverkürzungen für einzelne Gruppen fänden zudem keinen Rückhalt bei den Beschäftigten, wie eine Umfrage gezeigt habe.

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